Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 24 (2.12.1923)
- Date
- 1923-12-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 24 DIE WAHRHEIT Seite 11 zu nennen. Am Sonntag morgens war in den hiesigen Blättern folgender Beschluß der deutschen Studentenschaft zu lesen: „Die Kammer der deutschen Studentenschaft teilt mit: An einem der vergangenen Abende wurde ein (bei den Hakenkreuzlern) bekannter Universitäfsdozent von einer Anzahl jüdischer Studenten (sie!) in einer der belebtesten (sie!) Straßen der inneren Stadt auf die unflätigste Weise belästigt. Nur das Dazwischentreten besonnener Elemente (das war eben der einzige jüdische Student, der dabei war) Wurden tätliche Mißhandlungen verhindert. Die Studentenkaiumcr tat den einstimmt-- g e h Beschluß gefaßt, ab Montag alle jüdischen Studierenden bis auf weiteres fernzuhalte n." Das wurde, wie erwähnt, über die Köpfe der Rektören hinweg und ohne ihnen etwas mitzuteilen, beschlossen. Als nun am Montag jüdische Hörer in der Ueberzeugung ihrer Unschuld zu den Vorlesungen gingen, wurden sie bereits am Tor der Universität, wo ein Anschlag mit dem Inhalt angeklebt war: „Judenexzesse! Am Dienstag findet eine Studentenversammlung statt", abgewiesen. Daraufhin überreichte die jüdische Studentenschaft dem Rektorat eine'Protestschrift und machte sich erbötig. in corpore vor dem Dekan der medizinischen Fakultät und Dr. de Crinis zu defilieren, damit de C r i n i s die jüdischen Studenten, die ihn angeblich beschimpft haben, agnosziere. Das geschah auch am Nachmittag und de Crinis konnte nur einen ausfindig machen und dieser eine konnte sofort sein Alibi, da er an dem Abend mit christlichen Freunden im Theater war, restlos nachweisen. Als nun nach der Konfrontation der gesamten jüdischen Studentenschaft, deren Schuldlosigkeit sich also erwiesen hatte, in der Aula auf den Bescheid des Rektors, zu dem zwei jüdische Studenten samt dem Dekan hinaufgegangen waren, warteten, wurden sie trotz des dem Rektor gegebenen ehren w örtlichen Versprechens, sich aller Kundgebungen gegen die jüdischen Studenten zu enthalten, ununterbrochen in brutaler Weise insultiert, so daß sich die jüdischen Studenten gezwungen sahen, den Rektor um Hilfe anzugehen. Daraufhin drängte die arische Studentenschaft einen Teil der jüdischen Studenten ins medizinische Dekanat und es wäre zu argen Szenen gekommen, wenn nicht der inzwischen zurückgekehrte De^an erschienen wäre und die arischen Studenten aus dem Dekanat gewiesen hätte. Inzwischen war auch der Rektor mit den vier jüdischen Studenten wieder in die Aula gekommen und ersuchte mit Rücksicht auf das schon am Vormittag ihm gegebene ehren-wörtliche Versprechen, vor der Entscheidung der Hochschulbehörden nichts zu unternehmen, die jüdischen Hörer unbehelligt ihres Weges ziehen zu lassen, wofür ein Hörer nochmals e h r e n w ö r 11 i c h sich verpflichtete. Nun zogen die jüdischen Hörer ab. Aber kaum auf der Straße angelangt und trotz der Rufe des einen Studenten, der von der Rampe herab die .Studenten bat, die Studenten, ruhig ziehen zu lassen, verfolgten die arischen Studenten . die jüdischen Studenten, und wären nicht im letzten Augenblick vier Polizisten, die von Passanten, wrelche die Gefahr sahen, herbeigeholt wurden, eingeschritten, welche die jüdischen Studenten unter Schutz nahmen und zur Wache ins Amtshaus geleiteten, um sie in Schutzhaft zu nehmen, so wäre Unabsehbares geschehen. Denn die arischen Studenten waren stark ausgerüstet. Beim Cafe „ölacis" bekamen sie noch Zuzug und b e w a r f e n die jüdischen Studenten mit Biergläsern und Flaschen.. Die arische Studentenschaft gab als Grund für diese Gewalttätigkeit an, es hätten sich in die Aula auch Mitglieder des Sportklubs „Hakoah", die keine Studenten sind, eingeschlichen, was aber ebenfalls als e rlogen erwiesen ist. Inzwischen hatte sich mm eine vielhuridertköpfige Menge vor dem Amtshaus angesammelt. Die Polizei schritt sofort ein und ersuchte die Studenten in höflichster Form, auseinanderzugehen. Als aber die Studentenschaft dieser Aufforderung nicht nachkommen wollte, drängte sie die Polizei ab, worauf die Studentenschaft vor das unweit des Amtshauses gelegene bekannte, von jüdischen Gäste stark besuchte Caie „Tegetthoff zog, wie der „Arbeiterwille" berichtet, mit dem Rufe: „W ir stürmen das Kaffeehaus, verprügeln die Juden, reißen ihnen die Kleider vom Leibe und jagen sie nackt durch die Gasse n." Als nun die Situation hier bedrohlich zu werden begann, denn schon wurden mehrere Gäste attackiert, schritt berittene Polizei ein, zerstreute die Menge und verhaftete sechs nationale Studenten, die ärgsten Aufwiegler. Wenn es an diesem Abende nicht zu Blutvergießen und Raub kam, liegt es nicht an den Studenten, sondern an dem energischen Einschreiten der Polizei, die mit großem Takt sich ihrer Aufgabe entledigte. Trotz des zweimal abgegebenen ehrenwörtlichen Versprechens, auf das natürlich, wie man sieht, kein großer Wert zu legen ist, wurden die jüdischen Hörer auch am Dienstag zu den Vorlesungen nicht zugelassen. Am Dienstag nachmittags fand in der Aula der Universität im Beisein der Rektoren der beiden Hochschulen und mehrerer Professoren die angesagte Studentenversammlung statt, wobei die Rektoren mitteilten, daß mit Rücksicht darauf, daß die bisherige Gegenüberstellung mit Dr. de C r i n i s gegen keinen, auch nicht gegen den mit Namen als anwesend bezeichneten jüdischen S tu d en te n etwas Belastendes zutage gefördert h a t, die Unhaltbarkeit des Samstag gefaßten Beschlusses, der die Fernhaltung der jüdischen Hörer vom akademischen Boden bezweckte, erwiesen ist. Ebenso mußte die Studentenkammer die Gesetzwidrigkeit ihres Beschlusses einsehen und brachte den Antrag ein, daß von der Durchführung des Beschlusses vorläufig — man beachte wohl: vorläufig — Abstand genommen werde. Soweit die nackten, auf voller Wahrheit beruhenden Tatsachen. Muß man sich nun da nicht an den Kopf fassen und sich fragen, wie es nur möglich ist, auf Grund solcher falscner Grundlagen einen solchen Beschluß zu fassen? Und gesetzt den Fall, es wäre auch ein jüdischer Student bei der Beschimpfung anwesend gewesen, was aber, wie erwähnt, erwiesenermaßen nicht der Fall war, wie kommen denn alle jüdische Hörer dazu, ihrem ihnen ohnehin nicht leicht fallenden Studium ferngehalten zu werden? Aber man muß trotz des gewiß tadellos objektiven Verhaltens