Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 24 (2.12.1923)
- Date
- 1923-12-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 24 Warum soll der Rektor nicht im Bedarfsfälle Polizei requirieren und studentische Uebeltäter der Staatsanwaltschaft übergeben können? Damit bliebe er noch immer im Rahmen der Autonomie. Jede Zeit bedingt ihre eigenen Formen und Gesetze. Wenn sich die studentischen Hakenkreuzler als Buben benehmen, so müssen sie auch als Buben behandelt werden, wenn sie vor Verbrechen nicht zurückisoheuen, so müssen sie auch als Verbrecher bestraft werden. Der ehemalige Staatsikauzler Dr. Renner hart in der Protestversammlung der sozialistischen und freiheitlichen Studentenschaft sehr kräftige Worte zur Verurteilung des Treibens der Hakenkreuzler gefunden. Die sozialdemokratische Partei ist der Judenhetze und der Agitation für den Numerus clausus kühl gegenüber gestanden, bis endlich von den akademischen Putschisten einer der Ihrigen, der jüdische Professor Dr. T a n d 1 e r, persönlich angegriffen wurde. Jetzt erst hat sie Worte scharfer Abwehr gefunden. Aber vor der Einschränkung der akademischen Autonomie ist auch Herr Dr. Renner zurückgescnreekt. Die Soz'Misteji sind die entschiedensten Bekenner der Omnipotenz des Staates und sie haben stets tias Bestreben, mit altem staatlichen oder gesellschaftlichen Plunder aufzuräumen. Aber vor der akademischen Autonomie macht auch Herr Doktor Renner Halt und erweist ihr seine ehrerbietige Reverenz. S o g e h t's nicht weiter! Dieses Wort rufen wir dem Herrn Bundeskanzler S e i p e 1 und seinem Unterrichtsminister Dr. Schneider zu. Die Staatsgewalt muß sich auch gegenüber den Universitäten pnd »den anderen Hochschulen durchsetzen. Genug mit altersgrauen und verstaubten Fiktionen! Der akademische Boden darf nicht mehr ein Tabu für die Machtmittel des Staates sein. Polizei und -Gericht müssen einschreiten können, wenn auf diesem Boden offene Verbrechen begangen werden, wenan sich diese Verbrechen in der beunruhigendsten Weise häufen. Wie weit soll es denn noch kommen, wenn der aufreizende Ruf,, daß die Hakenkreuzlerfahne mit dein Blute der „Noveanberverbrecher" rot gefärbt werden müsse,.ungestraft ausgestoßen werden darf? Die Studentenkrawalle wachsen sich zu _ einer Gefahr heraus, welche nicht mehr die schemenfräfte Autonomie der Universität, sondern die Autorität der Regierung sowie Gesetz und Ordnung im Staate bedrohen. Siegfried Fleischer. Die (xrazer Hochschiilkrawalle. Ein zeitgeschichtliches Dokument. Die Geschichte der Juden ist ja nicht arm an Mutwillensakten von seiten ihrer Feinde, aber so frivol mutwillig und ohne jeden greifbaren Grund ist noch nie ein Mutwillensakt vom Zaune gebrochen worden wie der seit einigen Tagen an der Grazer Hochschulen ausgebrochene Streit Da nun keine Partei und kein Blatt hier und auswärts bislang eine objektive Darstellung des Sachverhaltes gebracht hatj soll eine solche hier folgen. Was ist geschehen? Der jüdische Sportklub „Hakoah" in Graz hatte für vorige Woche, Donnerstag, den 15. November, seine Mitglieder und Freunde zu der um halb 9 Uhr abends zu veranstaltenden Aufführung des Films „Ost und West", Charakterbilder aus dem orthodox-jüdischen Familienleben von Mr. Goldin und Eugen Preiss, und zur Vorführung von Palästinabildern eingeladen, Filme, die in Wien seit Monaten anstandslos abgerollt werden. Die Vorführung sollte in den am Mehlplatz gelegenen Kammer-Lichtspielen stattfinden und es waren alle Karten verkauft worden. Der Film rollte bereits je dreimal an drei Tagen, ohne daß jemand von der christlichen Bevölkerung an den harmlosen Filmen, die aber vom folkloristischen Stundpunkt aus sehr belehrend sind, Anstoß genommen hätte. Aber am besagten Donnerstag, bei der zweiten, um halb 7 Uhr stattfindenden Aufführung machten bereits Hakenkreuzler Krawall und nach Schluß der Vorstellung drohten sie dem Besitzer Bruck mit der. Demolierung des Lokals — ein unerhörter Terror —, falls er die Filme am Abend rollen ließe. Eingeschüchtert durch diese Drohung, sagte , der Besitzer die Vorstellung ab. Um aber ja ihres Terrors sicher zu sein, besetzten mehrere hundert, meist aus Mittel- und Hochschülern sich zusammensetzende Hakenkreuzler den Platz vor und in den Kammer-Lichtspielen und zwangen die zahlreich erschienenen Juden zum Weggehen. Unter den Hakenkreuzlern befand sich nun auch der Nervenarzt Privatdozent Dr. Max de Crinis, der sich schon seinerzeit bei einem Vortrage Arthur Schnitzlers unliebsam bemerkbar gemacht hat. Als nun einige junge Burschen, unter denen aber' erwiesenermaßen nur ein einziger jüdisäer Student sich befunden hatte, d e C r i n i s nach vollbrachter Heldentat in der Stempfergasse, also nicht in einer der belebtesten Straßen, wie die hiesigen und auswärtigen Blätter melden, weggehen sahen, haben sie in ihrer begreiflichen Aufregung de Cr inis beschimpft und ihm zugerufen, er möge sich schämen, als Lehrer der Universität eine harmlose, aber immerhin belehrende Filmvorführung gestört zu haben. Denn daß de Crinis nicht zufällig am Mehlplatze sich befunden hat, wie er sagt,, ist doch schon daraus erwiesen, daß er über eine Stunde am Tatorte gesehen wurde. Als nun der jüdische Student, der aber an der Schimpferei, wie auch de Crinis zugeben mußte, sich nicht beteiligte, befürchtete, es könnte zu Tätlichkeiten kommen, beschwor er die jungen Leute, ihres Weges zu gehen, was auch geschehen ist Diesen Vorfall benützte nun die Kammer der deutschen Studentenschaft dazu, um am Samstag, den 17. November/ über die Köpfe der Rektoren hinweg zu beschließen, es dürfe von M on tag, den 19. ab, kein Jude mehr — wobei auch getaufte Juden miteinbegriffen wurden — die Vorlesungen besuchen. Schon am Samstag aber riefen arische Studenten an der Technik einen jüdischen Hörer Jiinaus und forderten ihn und seinen jüdischen Kollegen mit Rücksicht auf den von der Studentenkammer gefaßten Beschluß auf, den Zeichensaal zu verlassen, was diese/allerdings nicht wenig verwundert, auch taten, nicht ohne nachher zum Dekan zu gehen, der ihnen aber empfahl, vorläufig nicht zu den Vorlesungen zu kommen. Der Gipfel der Unverschämtheit aber war, daß die Studenten von den beiden jungen Leuten nichts Geringeres verlangten, als ihnen die Namen ihrer etwa bei den am Donnerstag stattgfcfundenen Krawallen anwesenden Kollegen