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Die Wahrheit · 1923-11-16 · Heft 23 (16.11.1923) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 23 (16.11.1923)
Date
1923-11-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 2ä keit des Fortbestandes eines Bündnisses zwischen ganz heterogenen Parteien. — Auch die Brünner „Jüdische Volksstimme" hatte — allerdings von ihrem besonderen Standpunkte — der verunglückten Watilgeme'inschaft allerlei am Zeug zu flicken und zweifelt gleichfalls an deren Zukunftserfolge „zu Nutz und Frommen des Palästinagedankens". Wahlgemeinschaft und Palästinagedanke; ja, wer sich zu diesen Unvereinbarlichkeiten seinen Reim machen kann, ist mehr als ein Dichter. Der unwirsche Rufer der „Jüdischen Volksstimme" gibt einen langfristigen Wechsel und meint, nach vierzig Jahren wird ein anderer Moses, ein anderes, freies, aufrechtes Judenvolk ins gelobte Land der Einigkeit führen. Nur die Jüngsten von heute könnten dazu ihr Vederemo sagen. d. Numerus clausus in Prag. Je ohnmächtiger sich die Politik der Deuitschrädikalen gegen die Tschechen erweist, desto mutiger, kampflustiger und eifriger schlägt sie auf die Juden los. Das ist entschieden leichter, ungefährlicher und maehk sich vor dem sudetendeutschen Mitbürger vorzüglich. Wenn schon nicht das Selbstbestimmungsrecht, so doch wenigstens der N u m e r u s c i a u s u s. Daß einen Monalt vorrier jüdische Wähler in Prag und Brünn ihre Stimmen für die Erhaltung des Deutschtums, für deutsche Schulen und Kulturstätten abgegeben haben, imitiert die radikalen Retter des Deutschtums nicht im geringsten. Darum werden sie zu Beginn der Herbstsession wieder einen Antrag auf Einführung des N u m e r u s clausus in der Abgeordnetenkammer einbringen. Die tschechischen Klerikalen werden ihre Unterschriften darunterseltzen. Unjd das Sudetendeutschtum wird wieder für fünf Minuten gerettet sein. Die „Judenfahne". Stephan Großmanns T a g ebuch* vom 6. Oktober 1923 weist nach, welch historisches Unrecht besonders in Bayern es ist, der schwarz-rot-goldenen Fahne mit schmückenden Beiworten wie „Judenlappen" Abneigung entgegenzubringen. „Schwarzw eiß -r o t mit dem Hakenkreuz ist die Fahne der „Vaterländischen" im Bajuwarenlande. Schwarz-rot-gold ist ihnen der „Judenlappen" des „Berliner Saustalls". Wobei denn eine Ironie der Geschichte will, daß schwarz-weiß-rot dereinst die Farben des Stammes Levi in Palästina waren und ein Wittelsbacher anno 1848 dringend die Aufpflanzung des schwarz-rot-göldenen Banners auf dem Bundespalast in Frankfurt verlangte. König Lndwig, von seiner Lola Montez wider Willen getrennt, warf sich, von den Barrikaden bedroht, auf die deutsche Einheit. „Bayerns König ist stolz darauf, ein teutscher Fürst zu sein . . . Alles für mein Volk, alles für Teutschland!" Er beantragte beim Bundestag plötzlich die Aenderung des Grurtdvertrages: „D e u t s c h 1 a n d s G e s a m t i n t e r e s s e muß die S o n d e r i n t e r e s s e n überwiege n." So sagte Ludwig, und so ungefähr sagte um dieselbe Zeit — denn die Not lehrt beten — auch Friedrich Wilhelm IV. in Berlin; er ließ ebenfalls in Frankfurt die Hissung der schwarz-rot-goldenen Flagge beantragen, schmückte sich selbst mit diesen, wie er sagte „alten deutschen Farben", ließ die Truppen; die schwarz - rot - goldene Kokarde aufstecken, und „Preußen geht in Deutschland auf". Nach Tisch las man es anders, an der Isar wie an der Spree. Hier wie dort galt die deutsche Einheit wieder al9 revolutionärer Nationalitätenschwindel. Ernst Moritz Arndts „Was ist des Deutschen Vaterland" ward wieder verfehmt und verboten. Dann kam der Bruderkrieg von 1866; Bayern selbstverständlich gegen Preußen. Das Haus Wittelsbach wurde durch die Sprengung des Deutschen Bundes wohl souverän, mußte aber mit Preußen ein Schutz- und Trutzbündnis schließen. Die „Mainlinie" trennte Nord und Süd. Ludwig II. entzog dem Dichter Emanuel Geibel den Ehrensold, weil er ein Kaisertum der Hohenzollern prophezeite. Dann 1870, als es sich um den casus foederis handelte, waren Stimmungen und Strömungen gegen die Teilnahme am Krieg mächtig in München. Da erhob sich in der Kammer ein Mann namens Simon Levi und redete den Abgeordneten ins Gewissen, Gut und Blut einzusetzen für deutsche Freiheit und Einheit. Er war aus der Pfalz, aus Landau. Wenige Stunden nach der Kriegserklärung konnten die Franzosen sein Anwesen verwüstet haben. Der Kriegsminister war süßsauer für die Teilnahme am Kampf, beklagte aber, daß sich bayrische Truppen fremdem Oberbefehl unterstellen sollten. Und Ludwig forderte ein über das anderemal Garantien für seine unverminderte Selbständigkeit. Am 3. Februar 1870, also etliche Monate vor Kriegsausbruch, hatte der Abgeordnete Hutler, Mitglied der bayrischen „Patrioten"-Partei, von der Tribüne erklärt: „Der König ist souverän, und dieser König darf keiner fremden Macht unterworfen werden. Würde sich das Ideal eines Deutschen Reiches verwirklichen . . ., ja, wenn der König von Preußen statt des schwarz - weißen das s c h w a r z - r o t - ig o 1 d e n e Banner aufpflanzt und in Frankfurt a. M. ein deutsches Parlament beruft, dann ist der Frühling Deutschlands gekommen." Nur müsse Oesterreich dabei sein, damit die Süddeutschen nicht majorisiert würden. Und nach Sedan schrieb die bayrisch-klerikale „Augsburger Postzeitung" : „Manches, was vor dem Kriege halt- oder erreichbar war, ist es heute nicht mehr; die allgewaltige Logik der Tatsachen hat auch die patriotische Partei auf den Weg „durch Einheit zur Freiheit"- verwiesen. Deutscher Bund, deutsches Parlament dürfte auch ihre Parole sein." S ..*«•? Rätselhafter Tod des Großrabbiners von San Francisco. Dr. Martin A. Mayer, der Großrabbiner von San Francisco, wurde vor kurzem in seiner Bibliothek, am Schreibtische sitzende ein aufgeschlagenes wissenschaftliches Werk vor sich, tot aufgefunden. Die Leiche wurde seziert und es wurde festgestellt, daß Dr. Mayer bis unmittelbar vor seinem Tode vollkommeö gesund war und daß sein Tod lediglich einer bisher unaufgeklärten Cyanidvergiftung zuzuschreiben sei. Im ersten Augenblick schien es der Sicherheitsbehörde, als ob ein Mord vorläge, und eine Reihe der tüchtigsten Detektive wurde mit der Aufhellung des Falles betraut. Die polizeiliche Nachforschung ergab, daß Dr. Mayer, der eine sehr reiche Schmetterling- und Käfersammlung besaß, einen ungemein seltenen Schmetterling von einem unbekannten Sammler in Mexiko zugesandt erhalten hatte, ..welcher mit Cyanid präpariert war und so die Vergiftung des Großrabbi verursacht wurde.

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