Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 23 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23 DIE WAHRHEIT Seite 11 Aus unseren Mitgliedschaften. Graz. Die, Nationalratswahlen haben auch hier wie im ganzen Bundesstaate mit einer vollständigen Niederlage der „Großdeutschen", dieser — wie der „Arbeiterwille" mit Recht behauptet — charakterlosesten Partei in Deutschösterreich geendet. Was aber diese Niederlage gerade hier in Graz so besonders schmachvoll erscheinen läßt, liegt darin, daß, obschon fast alle hier und auswärts im Lande erscheinenden Blätter in Diensten dieser Partei standen, sie in der „teutschesten Sfadt" selbst ein Restmandat nicht erringen konnte. Man kann ruhig sagen, daß — mit Ausnahme der Lehrer aller Kategorien, vom Universitätslehrer herab bis zum Volksschullehrer, der Studentenschaft und einiger Beamten, diesen Nutznießern des Staates — keiner mehr diesen Heilobrüdern, die mit ihrem Antisemitismus jedem besseren Bürger und Arbeiter (schon zum Ekel geworden sind, auf den Leim gegangen ist. Wenn darum in dieser Partei noch ein Funken von Charakter und Anstand vorhanden wäre, müßte nach dieser einzig\ dastehenden Schlappe auch der deutschnationale Vizebürgermeister F i z i a aus diesem vernichtenden Urteile der Gesamtbevölkerung die Folgen ziehen und zurücktreten. Doch, das ist es ja eben: Charakter! So viel aber mögen sich die deutschnationalen Herrschaften im Gemeinderate sagen lassen, eine Träne wird ihnen keiner nachweinen. — Ebensowenig können wir Mitgefühl für die selbstverschuldete Verödung der hiesigen Universität, die in diesem Semester fast die Hälfte ihrer Hörer verloren hat, empfinden. Wenn nun die Blätter in ihrem Jammergeschrei die Schuld hierüber ausschließlich dem Wucher mit den Studentenwohnungen beimessen, so ist das gewiß auch mit ein Grund, aber nicht der ausschließliche. Vielmehr liegt der Grund, daß namentlich die ausländischen Studenten weggeblieben sind, wie dem Schreiber dieser Zeilen ein hervorragender ausländischer christlicher Gelehrier gesagt hat, darin, daß die Grazer Universität und insbesondere die medizinische Fakultät infolge des namentlich an dieser Fakultät geübten Nepotismus so herabgekommen ist, daß manches Provinzkrankenhaus über tüchtigere Kräfte als die alma mater des Landes verfügt. Aber auch an den anderen Fakultäten gibt es genügende Kräfte , die zu jenen Laodikenern der Apokalypse gehören, die nicht kalt und nicht warm machen können. Nicht zuletzt aber ist es auch der rüde Antisemitismus, für den die ausländischen Studenten kein Verständnis aufzubringen imstande sind und den sie als eine Ungerechtigkeit betrachten und als einen fortwährenden Anlaß zu Störungen, wodurch das ruhige Arbeiten auch der Unbeteiligten fast zur Unmöglichkeit geworden ist. Die ausländische Studentenschaft verfügt nicht über solche Mittel, .um an den Universitäten jahrelang herumbummeln zu können. Auch findet es die ausländische Studentenschaft als empörend und erniedrigend, daß trotz der geradezu horrenden Unterrichtsbeiträge keiner an der medizinischen Fakultät immatrikuliert werden kann, der nicht — man höre und staune — vom studentischen Medizinerverein die Erlaubnis hiezu erhält. Was kann das aber noch für ein wissenschaftlicher Betrieb sein, wo nicht mehr die Professoren, sondern Studenten das maßgebende Wort führen. Difticiie est satiram non scribere! Nun, uns Juden kann es ja bei der hier geübten Praxis, wonach kein Jude an irgend einem Spitale praktizieren kann, jüdische Studenten nur in den letzten Bänken sitzen dürfen, obschon ihre Eltern auch zu den Eihaltungskosten der Spitäler beitragen, und ausländische Juden überhaupt nicht inskribiert werden, gleichgültig sein, wie diese Herrschaften iiire Betriebe führen. Aber eins wollen wir aus der ganzen Affäre des Niederganges doch verbuchen, die allgemein anerkannten Wuchermieten der arischen Bevölkerung. Denn wenn wieder einmal über Wucher geschrieben (vielleicht Herr Otto Häuser in der zweiten Auflage seiner „Geschichte des Judentums") und gesprochen werden sollte, dann soll man sich's merken, wer im Jahre 1923 des Heils in Graz sogar von den eigenen Zeitungen ais Wucherer gestempelt wurde. — Und da wir nun einmal beim Kapitel: Wucher sind, wollen wir gleich erwähnen, daß in der vorletzten Woche ein waschechter Arier, Doktor Franz S e d 1 m a y e r, gewesener Konzipist der steiermärkischen Landesregierung, unter dem Verdachte des Wuchers — der teutsche Mann soll, wie die Zeitungen melden, nicht weniger als 120 Prozent Zinsen genommen haben — und sonstiger großer Betrügereien, die in die Milliarden gehen, in Untersuchungshaft gezogen wurde. — Am 3. November wurde als erste Dr. jur. eine Jüdin namens Elly Feuerstein promoviert. Als nun die Dame ihre Zeugnisse aus Anlaß der Promotion dem Direktor der Universitätskanzlei, dem unfähigen Doktor Weidmann vorlegte, von dem wahrlich nichts anderes zu berichten wäre, als daß er der Spiritus rector der heftigsten antisemitischen Gehässigkeiten ist, meinte der gute Herr, Elly sei doch ein deutscher Name, könne also doch nicht von einer Jüdin getragen werden, sie müsse ihm ihren jüdischen Namen nennen. Wir wissen nicht, was Fräulein Feuerstein dem Herrn geantwortet hat. Wir aber möchten meinen, daß ein solcher Herr unfähig ist, an einer Universität ein Amt zu bekleiden. — Diese Zeilen waren schon gesetzt, als die „Tagespost" in ihrem Abendblatt vom 8. November in einem „Die Hochschule als Gaststätte" überschriebenen Artikel im Anschlüsse an den Erlaß der italienischen Regierung, wonach das Ministerium für öffentlichen Unterricht ermächtigt wird, 200.000 Lire jährlich an Italiener und an Ausländer zur Vollendung ihrer Studien an Universitäten, höheren Schulen und Akademien, sei es im Inland, sei es im Ausland, zur Verteilung zu bringen, neuerlich über den katastrophalen Rückgang der österreichischen Universitäten (die Herrschaften beginnen zu zittern um ihre fetten Pfründen) jammert und diesen Erlaß natürlich mit einem allerdings schon stark gemilderten Hiebe auf die ungern gesehenen Elemente aus dem Osten zur Nachahmung empfiehlt mit dem Rufe: deutsche Kultur und deutsche Wissenschaft auch den Fremden — zum Ruhme Oesterreichs, zum Ruhme des deutschen Volkes. Wir glauben, daß dieser süßliche Ruf zu spät kommt und wir sehen schon die Zeit heranreifen, wo auch die derzeit noch ungern gesehenen Elemente aus dem Osten gern gesehen werden würden und in der man sich schämen wird, an der Stätte angeblich höchster Kultur von einem Numerus clausus gesprochen zu haben. Wirk-