Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 23 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064121-3064143--12445-3079896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Hr. 25 Besitz und auf ihre herrliche Lage am Fuße der Alpen. Die Hitlenei wird dort nicht so leicht Wurzel schlagen können als in Bayern, abei wir möchten den Vertretern unserer Staatsgewalt in Salzburg raten, nicht allzu optimistisch auf den guten Charakter der Bevölkerung zu vertrauen. Es hat sich dort seit dem Kriege schon vieles geändert, und was diese herrliche Stadt zu einem Anziehungspunkte besonderer Art für die Fremden gemacht hat, die Wohligkeit der Atmosphäre, das rege geistige und künstlerische Leben, ist zum guten Teile schon anders geworden. Die Fremden haben im letzten Sommer Salzburg schon vielfach gemieden, und wenn nun in der Folge die persönliche Ruhe und Sicherheit der Fremden gefährdet würde, wenn ein großer Teil der Salzburger Geschäftsleute, wie die Inserate des „Eisernen Besen" beweisen, in das antisemitische Horn stößt, dann wird sich diese Fremdenflucht noch im bedeutenden Maße verstärken. Judeiiaustreibung ist nur der Anfang und das Symptom allgemeiner Verrohung, maßlosen Eigennutzes und kulturellen Rückschrittes. Siegfried Fleisch e r. Ulain-Hitler-K. H. Wolff. Zur Zeit des dreißigjährigen Krieges gab es noch keinen Parlamentarismus. Wenn damals ein politischer Abenteurer hochkommen wollte, so mußte er eine Räuberbande um sich sammeln und mit ihr in die böhmischen Wälder ziehen öder Franken, Thüringen oder Sachsen zum Schauplatze seiner Beutezüge machen. Das ist jetzt ganz anders. Das politische Abenteurertum bedient sich für seine Räuberei der parlamentarischen Maschinerie. Ist einer schon Abgeordneter, dann bedient er sich der Machtmittel, die ihm das Mandat verleiht, für seine egoistischen Zwecke. Ist einer noch kein Abgeordneter, dann hetzt er gegen den Parlamentarismus oder gegen die Parlamentarier, indem er die demagogischen Phrasen, durch weiche diese glücklichen Konkurrenten in den Besitz der Macht gelangt sind, durch noch wildere, wüstere Schlagworte überbietet. Ein klassisches Beispiel für diese Arbeitsmethode bietet das Trifolium, dessen Namen wir an -die Spitze dieser Zeilen gesetzt haben. Durch eine Laune des Zufalles oder durch die landesüblichen Bestechungen wird in Ungarn irgend ein kleiner Provinzadvokat mit einem Vogeligehirn in den Nationalrat gewählt. Er ist nichts und bedeutet nichts. Aber die Wirrsale, in welche der Weltkrieg Mitteleuropa gestürzlt hat, bieten einen vermeintlich günstigen Nährboden für seinen hochfliegenden Ehrgeiz, in Ungarn, in Oesterreich, in Deutschland ist der Nationalismus zur Sieidehitze gesteigert und der Antisemitismus dient seinen Bekennern als wirksamer Vorspann. Als „Erwachende Magyaren", als „Rassenschützler", als „Hakenkreuzler" und als „Deutsch-völkische Kampfverbände" scharen sie sich zusammen, bedrängen überall die Juden, weil sie ja doch ihre Tapferkeit zunächst an den Schwachen und Wehrlosen erproben müssen, und deklamieren großmäulig von der Wiedergeburt des .Vaterlandes unter einem Kaiser oder König. Das ist der tiefgründige Plan, nach welchem die Herreit U1 a i n in Ungarn und Hitler in München gearbeitet haben. Als zugkräftiges Aushängeschild haben sie den großen Feldherrn Ludendorff gewählt, dessen glänzende stragetische Fähigkeiten das Deutsche Reich zur Vernichtung geführt haben. Mit den gleichen Mitteln, wenn auch in anderer Richtung, arbeiten die K a h r und Erhard t, die alle bei dem Umstürze ihr Sondersüpplein kochen wollen. Die Träume des Herrn Dr. U1 a i n von einem Ministerportefeuille und des Herrn Hitler von der Reichskanzlerschaft sind verflogen, Herr Ludendorff ist ein abgetaner Mann. Aber ihnen werden andere folgen und die Judenhetzer in Ungarn und in Bayern werden sich auch weiter die Hand reichen, um über Oesterreich hinweg oder mit Hilfe der österreichischen Hakenkreuzler das monarchische Regime in Mitteleuropa wieder aufzurichten. Und immer werden es die Juden sein, welche man a i s erste Opfer dieses politischen Banditentums in Aussicht nimm lt. Wir haben als Dritten im Bunde Herrn K. H. W o 1 f f genannt, einen politischen Abenteurer der schlimmsten Sorte, einen Mann, der nach der Schändung der Tochter seines Biliner Gastfreundes und nach seiner Verbindung mit den österreichischen Zuckerbaronen von den Deutschböhmen, die ihn einmal verhimmelt hatten, mit Recht davongejagt wurde. Dieser öde Phrasendrescher will nun in Wien wieder lebendig werden. Der Mißerfolg der Großdeutschen bei den Wahlen ist ihm der willkommene Anlaß, um sich eine Kanone zu kaufen und wieder selbständig zu werden. Ausder Trinkstube des Prager deutschen Kasinos ist er in die Zechräume beim „Wilden Mann" in Währing übersiedelt und hat nun eine neue deutschnationale Partei gegründet, auf deren Schultern er sieh wieder emporheben lassen will. Und das Programm dieser Partei ist überaus kurz und klar: Verschärfter Kampf gegen das Judentum, stärkere Betonung des Antisemitismus, Vertreibung der Ostjuden, Eindämmung des überragenden jüdischen Einflusses im Staat und Wirtschaft— mit einem Worte eine noch wildere, noch wüstere Judenhetze, als sie schon bisher von den Herren Dr. U r s i n und Dr. Riehl praktiziert wurde. Dieser öde Phrasendrescner will nun in Wien zu holen und deshalb will Herr K. H. Wolff in den österreichischen Nationalrat. Man kann nicht wissen, wie sich in nächster Zukunft die Dinge in Bayern, in Sachsen und in Thüringen entwickeln werden. Es ist immerhin gut, sich als' Hauptmann an die Spitze einer eigenen Bande zu stellen und sich derart für die Zukunft bereit zu halten. Allerdings, das Mißlingen. des Münchener Bierputsches hat auch Herrn K. H. Wolff einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Aber die Bierseligkeit wird in der bayrischen Hauptstadt fortdauern und in Bierangelegenheiten ist Herr K. H. Wolff eine noch größere Autorität als in Ehebrüchen und Zuckersachen. Was heute mißlungen is>t, kann in naher Zeit doch gelingen. Es werden neue Ulains und neue Hitlers auftauchen und Herr K. H. Wolff wird fest und treu dastehen und auf diesen Augenblick warten. Bereit sein ist alles! —sch—