Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 23 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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daHMii&nitflräänftKiiäirfikaaa*^ 5 a I Wien IX. f veröffe I „Union f| { Berggasse 4 j i Postsparkassen-Konto; ü l Nr. 9464 s : Telephon Nr. 19-2-n binnlnuMiiiMmiiHiiminrilimnniiiinainufiiHisummmiiiiieioiiiiiuiiin^ Judenaustreibuiig. Der Sturm bricht los, die Weltgeschichte beißt sich i/n dien Schwanz. Zur Zeit der Krenzzüge wurden die Juden aus den Rheinlanden ausgetrieben, jetzt kehren sie wieder dahin zurück. Aber es geschieht nach demselben Rezepte und zu demselben Zwecke wie; im Mittelalter, wo sie Kammerknechte des heiligen römischen Reiches und persönliches Qut der deutschen Kaiser waren.. Man treibt sie aus, um sich ihres Vermögens zu bemächtigen. In München wurde auf Befehl Hitlers und auf Weisung des Generiälstaatskommisisärs Dr. v. Kahrder Anfang gemacht. Die deutschen Kulturträger in Nürnberg und K o b u r g folgen nach und im Berliner Scheunenviertel werden die Juden nackt ausgezogen und durch die johlende Mengegehetzt. Es ist fürwahr erbaulich, mit welcher Würde das deutsche Volk sein Unglück trägt. Nachdem es den Kampf mit der ganzen Welt aufgenommen und verloren hat, stürzt esi sich nunmehr auf die Aermsten und Hilflosesten — die Juden. Heute wird es verständlich, warum dieses deutsche Volk den Haß und die Feindschaft der ganzen Welt herausgefordert hat. Der Deutschenhaß war und ist nur das Korrelat des Judenhasses, der von den Deutschen seit jeher ge- \ hegt und gepflegt wurde. Der Antisemitismus ist j deutsches Gewächs und erst nachträglich zu den; anderen Völkern verpflanzt worden. Wenn; im Mittelalter den Juden vom Kaiser, von den Fürsten und Bischöfen zuerst Privilegien erteilt und sie zum Zinswucher geradezu angehalten wurden, um sie dann auspressen zu können wie einen vollgesogenen Schwamm, so geschieht dies im glorreichen zwanzigsten Jahrhundert nicht um ein Haar anders, nur wird gegenwärtig das Judenbrennen in ein nationäideuitsches Mäntelchen gehüllt. Zur Zeit der Blüte des deutschen Reiches wurde, gar viel von der Kultur, von der Gesittung und Bildung des Volkes der Dichter und Denker gesprochen. Diese Gesittung und Bilidüng tritt nun grell zu Tage. Den Maulhelden des Weltkrieges gelingt es, die berechtigte Erbitterung über die Zertrümmerung des Reiches von ihren eigenen Schultern auf die Häupter der Juden abzulenken. Die vertriebenen Fürsten bedienen sich der Judenhetze, um die Republik zu vernichten und ihre zerschmetterten Throne wieder nett zu zimmern; und es zeigt sich, daß in diesem Betracht das hochgebildete deutsche Volk um kein Haar klüger, aber um ungezählte Grade gewalttätiger und brutaler ist als andere Völker. Die schäumenden Wellen des Judenhasses drohen auch die Grenzen Oesterreichs zu überfluten. Im Budapester Schnellzuge wurde dieser Tage der rechtsradikale ungarische Abgeordnete U1 a i n verhaftet, der mit Schrifsitücken auf dem Wege war, um mit den Wiener und Münchener Hakenkreuzlern eine Verschwörung gegen die Republik anzuzetteln, welche ihre erste Auswirkung in der Vernichtung der Juden aufzeigen sollte. Das. österreichische Hakerukreuzlertum arbeitet Haaid in Hand mit den Hitler-Banden in Bayern und den völkischen Hundertschaften im übrigen Deutschland. Schon ist auch österreichisches Gebiet mit einem Netz hakenkreuzlerischer Presseorgane überzogen, die eine geradezu blutrünstige Judenhetze betreiben, ohne daß die Behörden dagegen einschreiten. Zur Begründung dieser Passivität beruft man sich auf das von dem Juden Austerlitz ausgearbeitete neue Preßgesetz. Es wird dem konfessionslosen Juden Austerlitz noch sehr leid darum werden, daß er durch dieses Gesetz den Staatsbehörden in dem Kampfe gegen die monarchistisch-klerikale Reaktion wirksame Waffen aus der Hand geschlagen hat, denn sowohl der österreichische wie der deutsche Faszismus richten sich in erster Linie wohl gegen die Juden, in letzter und wesentlichster Hinsicht aber gegen die Sozialdemokratie. Wir haben uns in unserer letzten Nummer mit dem Salzburger hakenkreuzlerischen Hetzblatte „Der Volksruf" befaßt. Dieses Organ hat in den letzten Wochen eine scharfe Konkurrenz in einer neuen Halbmonatszeitung „Der Eiserne Besen" erhalten, welche vom deutsch-völkischen Anitisemitenbund herausgegeben wird. In Ton und Inhalt überbietet dieses schändliche Hetzblatt alles bisher Dagewesene. Es stellt die einzelnen jüdischen Geschäftsleute an den Pranger, esi beschuldigt trotz aller Gegenbeweise unter Anführung gefälschter Taimudstellen und der sattsam bekannten „Protokolle der Weisen von Zion" das Judentum des gebotenen Chrisitenhasses und des Ritualmordes und es hetzt die christliche Bevölkerung direkt zu gewalttätigen Angriffen auf die Juden auf. Der Redakteur verbirgt sich unter dem Krieigsnamen „Rolf". Unser Blatt nennt sich „Die Wahrheit" und1 in einem alten Studentenliede heißt es: „Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht." Aber man kann nicht immer die Wahrheit sagen, weil man sonst mit dem Gesetze in Konflikt geraten kann. Es ist deshalb sehr gut, daß sich der Macher des „Eisernen Besen" einen andern Namen beigelegt hat. Wenn wir nun konstatieren, daß derselbe schon mehrmals vorbestraft ist und daß er auch das gemeine Verbrechen des Diebstahls begangen hat, so behaupten wir dies nur von dem tatsächlich nicht existierenden „Rolf", nicht aber von dem Manne, der sich vorsichtigerweise hinter diesen Namen versteckt. Aber die Salzburger Bevölkerung weiß zur Genüge, wes Kalibers der M?>nn ist, der den Juden mit dem „Eisernen Besen" droht. Und so sind sie alle, welche neben den Geschäften der Reaktion auch ihre eigenen Geschäfte mit der Druckerschwärze besorgen. Salzburg liegt nicht weit von München und es spinnen sich zahlreiche Fäden zwischen den Hakenkreuzlern von (hüben und den Hakenkreuzlem von drüben. Die alte Bischofstadt an der Salzach ist mit Recht stolz auf ihren künstlerischen und kulturellen