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Die Wahrheit · 1923-11-16 · Heft 23 (16.11.1923) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 23 (16.11.1923)
Date
1923-11-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nrjg_______________=________________ DIE WA! achtete. Rasputin hatte im Grunde gar keine Beziehungen zu den jüdischen Angelegenheiten und er verhielt sich, wie Simonowitsch erzählt, ihnen gegenüber völlig gleichgültig. Er vermied es geradezu, sich in die russische Judenfrage zu mengen. Als in Rußland der berüchtigte „Verband der echtrussischen Leute" gegründet wurde, dem Nikolaus der Zweite sofort als Mitglied beitrat, wurden allerhand Bemühungen gemacht, tun auch Rasputin alsi Mitglied dieses Verbandes zu gewinnen, welcher den Pogrom als die Lösung der russischen Judenfrage auf seine Fahne geschrieben hatte. Rasputin trat jedoch diesem Verbände nicht bei. Es muß als Grundzug seiner politischen Anschauungen oder, besser gesagt, Instinkte festgehalten werden, daß er ein ausgeprägtes Mitgefühl für alle unterdrückten Völkerschaften des Zarenreiches besaß. So kam es auch, daß er sich allmählich für die Judenfrage in Rußland mehr zu interessieren begann. Als im Weltkriege der Generalissimus Nikolaj Nikolajewitsch (dessen geschworener Feind übrigens Rasputin war, eine Feindschaft, die ganz auf Gegenseitigkeit beruhte) mit der Benützung der Legende vom „jüdischen Hochverrat" die furchtbare Vertreibung der Juden aus Litauen, Lettland und anderen Gebieten in das innere Rußland inszenierte, versuchten einige angesehene jüdische Persönlichkeiten durch Vermittlung Simonowitsch' Rasputin zu einem Eingreifen gegen die barbarischen Maßnahmen des Großfürsten zu veranlassen. Der in der jüdischen Oeffentlichkeit Rußlands wohlbekannte Jude Moses Akimowitsch G i n s b u r g, genannt „der Ginsburg von Port Artur", der viele Verbindungen am Zarenhofe und in der hohen russischen Bureaukratie hatte und auch russischer Staatsrat war, versuchte damals, Rasputin zu einer Konferenz mit einigen jüdischen Persönlichkeiten zu bewegen. Der Versuch gelang und die Konferenz fand in Ginsburgs Hause statt. An ihr beteiligten sich: Baron G in s b u r g, der Petersburger Rabbiner Eisenstadt, der Bankdirektor Mandel, der bekannte Warschauer Jude P o 1 j akow und einige andere jüdische Persönlichkeiten, darunter auch der berühmte Advokat S1 i o s b e r g. Sliosberg bildete übrigens den einzigen Vertreter seines Standes, welchen Rasputin duldete. Rasputin hatte nämlich eine heftige Abneigung gegen Advokaten, die er stets als Dummköpfe1 bezeichnete, und bedang sich auch aus, daß bei der Konferenz kein Advokat anwesend sei mit Ausnahme Sliosbergs, den er einen klugen und netten Menschen nannte. Die jüdischen Teilnehmer der Konferenz legten Rasputin das furchtbare Unheil dar, welches für die Juden die Maßnahmen des Generalissimusbedeuteten, und baten ihn um Hilfe hinsichtlich einer Milderung oder Sistierung dieser Maßnahmen. Der Mönch hörte aufmerksam zu, dann antwortete er, er sei bereit, zu helfen, wenn es notwendig sei und setzte hinzu: „Ich begreife nicht, was ist auch euch geworden! Ihr seid doch gar keine Jud e n! Ein Jude muß imstande sein, von allem Unglück loszukommen und sich aus allen schlechten Lagen herauszuziehen. Geld darf in solchen Fällen IRHEIT _ . . . Seite 7 keine Rolle spielen . . . Wenn ein Minister scharfe Zähne hat und gegen die Juden bellt, so ist das beste Mittel, ihm das Maul mit einem Paket Banknoten zu verstopfen . . . Alle kaufen . . ., alle schmieren . . . Das ist bei uns das einzige Mittel, um zu erreichen, was man braucht. Denn die Judenfrage in Rußland ist nur auf zweierlei Art lösbar: Entweder man stiehlt die Juden aus Rußland heraus oder man kauft sie los . . . Um mich macht euch keine Sorge, ich will euch helfen, wo ich kann." Rasputins Hilfe trat nicht in die Erscheinung; in militärischen Dingen war der Einfluß des Großfürsten zu groß. Aber es ist bezeichnend, wie sonderbar sich im Kopfe eines russischen Nebenherrschers die Judenfrage spiegelte. Das Judentum bei Oswald Spengler. Von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Das Prophetentum. Aliein das Streben, alles Jüdische in einen umfassenderen historischen Rahmen einzugliedern, tut den Tatsachen manchen Zwang an. Dies gilt besonders von Spenglers Einstellung in der Beurteilung des jüdischen Prophetentums. Ganz unbegründet ist die Aufstellung (IL, 252): „Das Gesetz und die Pro> pheten ist beinahe der Unterschied von Judea und Mesopotamien" und nicht minder willkürlich, auch hier Juden und Perser charakterisierend, die Behauptung (IL, 201): „Zarathustra ist ein Weggenosse der israelitischen Propheten, welche den mosaischkananäischen Volksglauben ebenso und gleichzeitig umgewendet haben". „Es ist bezeichnend, daß die gesamte Eschatologie ein Gemeinbesitz der persischen und jüdischen Religion ist, und daß Awestatexte zur Partherzeit ursprünglich aramäisch geschrieben waren". Der letzte Satz ist wahr, wenn auch nur mit der Einschränkung, daß nicht die „gesamte" jüdische Eschatologie mit der persischen übereinstimmt. Durchaus falsch hingegen ist es, daß dies „bezeichnend" sei für Beziehungen zwischen Zarathustra und den Propheten, von denen er die großen vorexilischen einfach unter den Tisch fallen läßt. Die Eschatologie spielt bei den Propheten, wie alles, was an den Mythos streift, eine nebensächliche Rolle neben ihrer, das Soziale mit allem Nachdruck beitonenden ethischen Forderung. Daß diese nicht in gleicher Stärke und Bestimmtheit bei Zarathustra zu finden ist, sollte Spengler ebenso bekannt sein, wie daß, gerade in offenbarem Gegensatz zu des Persers Dualismus, den Propheten Gott als der Eine gilt, der Licht und Finsternis schafft und die Spannung zwischen gut und böse in seiner Einheit aufhebt. Gegen den Darwinismus. Ganz richtig sagt Spengler (483): „Ethischer Monotheismus ist Sozialismus" und Sozialisten sind alle Weltverbesserer. Damit hat er das Wesen der Prophetie gut getroffen, zugleich aber seinen Abstand von ihnen markiert. Für ihn hat die Menschheit kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so wenig wie die Gattung der Schmetterlinge oder Orchideen ein Ziel hat. Sie ist ein zoologischer Begriff, oder ein totes Wort. „Teleologie ist eino Karikatur der

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