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Die Wahrheit · 1923-11-16 · Heft 23 (16.11.1923) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 23 (16.11.1923)
Date
1923-11-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT____________________Nr. 25 liehen Religionsunterricht fordert. Dieser Radikalismus wird von der überwie'genden Mehrheit der Theologen und Pädagogen abgelehnt. Es hieße den Ast abschneiden, auf dem man sitzt. Pastor Eberhard sagt in seiner Schrift: „Die wichtigsten Reformbestrebungen der Gegenwart auf dem Gebiete des Religionsunterrichts" (Leipzig 1908), daß die bekannten Einwände von der religiösen und sittlichen Minderwertigkeit, die gegen die Bibel erhoben werden, keine große pädagogische Einsicht verraten. Extreme Richtungen jagen einander. So wai' es zu allen Zeiten. Wie heißt es in Koheleth? „Was war, das wird sein, und was geschehen ist, das wird geschehen, und nichts Neues ist unter der Sonne." Es ist auch nicht neu, wenn Nietzsche die W i ed e r k un f i all esGl eichen lehrt. Die sogenannten Reguia ti ve des Volksschulwesens vom 1., 2. und 3. Oktober 1854 bildeten in Preußen em deutliches Kennzeichen einer rückläufigen Kulturperiode. Diese von dem getauften Juden Friedrich Stahl ausgearbeiteten Verordnungen atmen durchweg einen kirchlichen Geist. Katechismus und Gesangbuch bilden den Mittelpunkt des gesamten Schulunterrichtes, alte Unterrichtsgeigenstände erhalten von diesen beiden ihre Beleuchtung. Die Regulative wurden vom Kultusminister Dr. Falk im Jahre 1872 durch die „A11 g e m e i n e n B e s t i mm u n g e n", die jetzt noch maßgebend sind, beseitigt. Mag das religiöse Moment den wichtigsten Faktor in der Gesamterziehung bedeuten, aber m einer wissenschaftlichen Pädagogik darf es nicht unumschränkt herrschen, sondern mit anderen Grundsätzen zusammen. Diese geschichtliche Betrachtung drängte sich uns auf, als wir von dem Preisausschreiben dies geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisrcel Kenntnis erhielten. Es sollen nämlich für Schulkinder Elementarbücher, sowohl auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte, wie auf dem Gebiete der Naturlehre und den Anfangsgründen der Mathematik geschaffen werden, bindung mit den gläubig gewordenen Griechen, die man mit Recht als Halbjuden bezeichnen kann, die jüdischnationalen Fesseln des alten Erlösermysteriums zu sprengen suchte und so den Boden für die allgemeine, die katholische! Kirche ebnete." Saulus-Paulus hat, nach Wertheimer, nicht im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, ja überhaupt nicht gelebt. Das Schweigen aller externen Quellen zwischen 60—140 n. Chr. über ihn und die von ihm angeblich hervorgerufene religiöse Bewegung ist nur so zu erklären, daß die Kirchenväter des zweiten Jahrhunderts eine von ihnen inaugurierte religiöse Richtung als Paulinismus einem Paulus zugeschrieben und in das erste Jahrhundert zurückdatiert haben. Nach Wertheimer ist, ähnlich, wie ein leiblicher Stifter des Christentums nur fiktiv, auch ein Paulus, als Person, eine dogmengeschichtliche Konstruktion. Es ist im Rahmen dieser Zeitschrift ein tieferes Eingehen auf den Gegenstand nicht angezeigt. Immerhin sollte auf die Bedeutung dieser religionsgeschichtlichen Studien mit einigen Worten hingewiesen werden. die absolut im religiösen Geiste gehalten sind. Auf das Resultat darf man gespannt sein. Uns liegt der erste Jahresbericht der Höheren israelitischen Schule zu Leipzig (geleitet von Dr. Carlebach) vor, woraus hervorgeht, daß die christlichen Lehrer Mirus,Jörschke und G ü n t h e r in Mathematik, Physik und Naturkunde unterrichtet haben. Im jüdischen Geiste? In der Festschrift zur Jubiläumsfeier der Unterrichtsanstalten der israelitischen ReiigionßgeseHschiaft zu Frankfurt a. M. (geleitet von Samson Raphael Hirsch), finden wir einen Aufsatz von Oberlehrer F. Rönnberg: „lieber Aehnlichkeit und Verwandtschaft im Pflanzenreiche". Wir haben nichts vom jüdischen Geiste (im Sinne der Agudas Jisroel) darin verspürt. „Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen". — Wir fragen uns, wie kann Mathematik jüdisch gefärbt sein? Gibt es eine jüdische und eine christliche Mathematik? Es müßte denn an das Wort des Rabbi Eieser ben Chisma gedacht werden: Die Berechnung des Kreislaufes (Tikufach) der Sonne und die Geometrie sind die Peripherie um die Weisheit (Aböt III. 18). Zu verweisen ist auch auf die taimudis^chen Traktate Kilaim, Erubim, Sucka und Mikwaot, die genaue Kenntnis der Geometrie voraussetzen. Was die Naturwissenschaft betrifft, so ist bei einem Teil des Traktats Chulin anatomisches Wissen erforderlich. Zum Schluß warnen wir vor jedem religiösen Parteiunterricht, denn er vernichtet das Wesen der wahren Religiosität, das unser Judentum verkörpern soll. Das jüdische Leben in Zarenrußland. Rasputin und die Juden. Die Erinnerungen an den als bösen Geist Nikolaus' des Zweiten bezeichneten Mönch R a s p u t i n, 'die sein Sekretär Aron Simon owitsch (ein Jude) jetzt in Amerika veröffentlicht, bringen bemerkenswerte Schilderungen über die Verhältnisse am Zarenhofe und über die Rolle, welche der rohe und unwissende, lüsterne und ausschweifende, aber dabei doch mit einem gewissen natürlichen Scharfblick ausgestattete Mönch am Hofe spielte. Die Art, wie Simonowitsch diese Dinge erzählt, läßt deutlich erkennen, daß er das Bestreben hat, seinen Gönner herauszustreichen und dessen Einfluß retrospektiv zu vergrößern. Wenn Simonowitsch zum Beispiel erzählt, daß Rasputin allein bei einem Trinkgelage es bei dem besoffenen Zaren erschlich, daß der Oberkommandierende der russischen Armee, Großfürst Nikolaj Nikolaje witsch, abgesetzt werde, so ist hier wohl mehr Dichtung als Wahrheit herauszulesen. Aber auf das gehörige Maß reduziert, bieten diese Erinnerungen recht anschauliches Material über die Art, wie Rußland in den letzten Jahren der Zarenherrschaft zugrunde regiert wurde. Nicht gering zu schätzen ist die Stellung Rasputins zur J u d e n f r a g e in R u ß 1 a n d. wei; sie zeigt, wie sehr der allmächtige Beherrscher aller Reußen die Korruption und die Lotterwirtschaft am Zarnhofe und in der zaristischen Bureaukratie ver-

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