Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 22 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 DIE WAHRHEIT Nr."22 gegeben, es muß heißen: „Partner" deines Streites. — Buchschmuck und Einband von Menachem Birnbaum, der auch den Druck leitete, sind von hohem künstlerischem Wert. Dienemann-Offenbach a. M. Felix von Luschan, Völker, Rassen, Sprachen. W e 11 v e r 1 a g, Berlin 1922. Der allgemeine Standpunkt des durchaus gemeinverständlich, flüssig geschriebenen Buches kommt in folgenden Leitsätzen zum Ausdruck: Die Menschheit besteht aus einer Spezies; die trennenden Eigenschaften der Rassen sind im wesentlichen durch Faktoren der Umwelt entstanden; es gibt keine an sich minderwertigen Rassen; der Unterschied zwischen den Rassen ist nicht entfernt so groß, wie zwischen einzelnen Individuen derselben Rasse; Mischlinge sind niemals a priori minderwertig. Bezüglich der Juden mißt Luschan dem Rassenmoment nicht sehr viel Bedeutung bei und auf Blutmischung mit Nichtjuden und die innerhalb des Judentums hervortretenden körperlichen Unterschiede legt er mehr Gewicht, als gemeinhin, mindestens in Laienkreisen, geschieht. Hermann Bahr und die Juden. Anläßlich seines sechzigsten Geburtstages wurde der österreichische Dichter, Journalist in der gesamten Oeffentlichkeit nach Verdienst gewürdigt. Ueber den Umstand, daß der gefeierte Jubilar, nach mancherlei Wandlungen und Irrungen zu seinem Glauben heimgefunden hat, verstanden es die meisten Blätter, sich auszuschweigen. Hennann Bahr ist an dem Wendepunkt des gläubigen Katholiken angelangt, und da ist es wohl von unstreitbarem Interesse, das Urteil dieses geistvollen Mannes über die Juden zu vernehmen. Bahr schreibt in seinen vor kurzem erschienenen Lebenserinnerungen: „An Juden, die zu Deutschen werden, ist das Merkwürdige, daß, während ein geborener Deutscher es eilig hat, immer vor allem die ganze deutsche Vergangenheit von sich abzutun, um ungehindert in die Zukunft nach Neuem, nach dem Allerneuesten zu sehen, sie zunächst gerade diese Vergangenheit, das Erbe, den alten deutschen Geist sich aneignen wollen, um in ihn einzuwachsen. Das ist schon seit den Tagen der Henriette Herz, Rahel Levin, Dorothea Veit so. Dieser Kreis Berliner Jüdinnen war der Herd deutscher Romantik, von ihnen ging auch die Nachfolge Goethes aus. In unserem merkwürdigen deutschen Volke, wo jede neue Generation das Leben noch einmal von vorne wieder anfangen und darum vor allem durchaus alles, was sie vorfindet, verleugnen, ja, völlig vergessen will, um nur ja ganz mit ihrem Eigensinn allein auf der Welt zu sein, hat der Geist der großen, deutschen Tradition immer wieder in der Hut edler Berliner Jüdinnen geborgen werden müssen. Dort fand auch ich ihn, während damals sonst rings um mich alles sich den Hals ausrenkte nach Zukunft, nach Neuheit, nach Betrieb. Dort fand ich Stille, Geist und Anmut bei lächelnder Verachtung für das dumme Geld. Nach Jahren noch traf mich zuweilen ein Hauch dieser unvergeßlich klaren Morgenluft: in Gesprächen mit Walther Rathenau, aus den Schriften Ernst C ass i e r e r s, im Verkehr mit Fritz M a u t h n e r, dem herzensfrommen Atheisten, dessen entsagungsvoller Unglaube mir heute noch mehr Achtung abzwingt, als der dampfende Wahn aller allergläubisch Wirrgläubigen, die jetzt die Ratlosigkeit einer taumelnden Zeit mit asiatisch aufgekochten „neuen" Religionen betrügen." Karl Friedrich Nowak, „Chaos". Verlag für Kulturpolitik in München und Berlin. Nowak gibt in seinem neuen Buche die ergreifenden Schlußkapitel der Tragödie der Mittelmächte: Die inhaltsschwere und! an inrneren und1 äußeren Erscihütteriunigeni gleich reiche Zeit vom Oktoberende bis zur Novembermitte 1918. So viel über diese Zeit geschrieben wurdle, es ist doch erstaunlich, daß eigentlich auf beinahe jeder Seite des neuen Nowaksohen Buches Unbekanntes und bisher Ungewußtes steht Auch wenn sich der Verfasser in seinem Vorwort auf die quellenmäßige Mitarbeit führender Männer bei allen kämpfenden Mächten — auch authentisches Material aus dem Lager der Entente wird zum erstenmal verarbeitet — nicht ausdrücklich beriefe, so müßte doch die Lektüre von Zeile zu Zeile selbst verraten: Es konnte nur durch intensivstes Beisteuern von Material durch Eingeweihte solch ein gewaltiges Gesamtbild aus etiler Epoche geschaffenwerden, das zugleich den Anspruch auf Authentizität bei den.geringsten Einzelheiten erhebt. Lesenswert ist alles, was das Werk bietet. Einzelne Kapitel beschäftigen sich mit bestimmten Themen überhaupt zum erstenmal, so die große, objektive Geschichte des Aufruhrs von Kiel. Auch der neunte November ist bisher — mit der gleichzeitigen Schilderung der Vorgänge in der Reichskanzlei, im Hauptquartier des Kaisers und im Generalstab in Spaä — nirgends in solcher überwältigender Einheit und mit so vielen neuen Details aufgezeigt worden. Die österreichischen Kapitel bringen als Glanzpunkt die erschütternde Schönbrunner Nacht vom 2. zum 3. November 1918, die den habsburgischen Thron zerschlug und die sioh wie ein Drama liest. Es wird auch' dem Leser die Rolle vollkommen neu sein, die an der Seite Wilsons der gegenwärtige Präsident der tschech'o-slowakischen Republik, Professor Mäsaryk, gespielt hat. Vielleicht hat man in Masaryk den mitbestimmenden Faktor an der Gestaltung Europas m sehen. In Nowaks Werke ist seine Arbeit genau gezeichnet. Das ganze Buch ist voll Sensationen, man wird es daher gelesen haben müssen. O. H. Apollotheater. Ein Gastspiel 'des Berliner „Newen Theaters" unter der Spielleitung des Direktors Gustav Charle machte mit dem Lustspiel „Dorine und der Zufall" von Fritz Grünbaum und Wilhelm Stärk, das eigentlich ein Operettenschwank ohne Soubrette und Chor ist, bekannt. Herr Oskar Szabo zeichnet sich durch seine Charakteristik aus, ein ins Berlinerische übersetzter Tautenhayn, die Rolle eines jungen Mannes, der ebenso vortrefflich tanzen wie stottern muß, spielt Herr Nästelberger alternierend mit Herrn Harald P a u 1 s e n dem Publikum zu Gefallen, das auch im Apollotheater die aus dem Bürgertheater übersiedelte neuartige Opsrette mit Musik hinter der Szene („Vertonung" von Jean Gilbert) sehr beifällig aufgenommen hatte. 0. H.