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Die Wahrheit · 1923-11-02 · Heft 22 (2.11.1923) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 22 (2.11.1923)
Date
1923-11-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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£MgaiHWM«iUMIHäH>asi*ai*aa*MlsaM»iiiHa8asaaia«si •■■■■•■■■■■■•■«■»■■■■aaU^ Veröffentlichunsen \*£5£ 4 öep i „Union deutschösterreichischer Juden" j «uiMuiuiuiiiiiiiiiiMiiiniimmni Postsparkassen-Konto » Nr. 9464 : Telephon Nr. 19-2-77 f ■iinmuimntnnnHi»a>waaaai Das Ergebnis der Wahlen.*) Es wird niemals festgestellt werden können, in welchem Maße die Seipelscne Wahlparole: „Für oider gegen das Genfer Saniienungswerk" jüdische Wähler der höheren Schichten veranlaßt hat, christlichsozial zu stimmen. Absolut sicher dagegen ist, daß der außerordentliche Stimmenzuwachs, der Sozial- •dieaiioikratie nur durch einen bedeutenden Anfall jüdischer Stimmen ato diese Partei zu erklären ist. Mag es die Unlbedacntsanilkeit sein, mit welcher der Bundeskanzler die Frage des Mieterschutzes in den Mittelpunkt des Wahlkampfes gerückt hatte, mag es, der Umstand sein, daß die Gemeinde Wien vor den Wahlen von ihrer Macht als Brotgeberin gegenüber den mittleren und unteren Schichten reichlichen Gebrauch machte — die Wahilziffern, namentlich in der Leopolidstadt und Briigittenau beweisen, däiß viele jüdische Wähler, teils von den Lockungen, teils vom den Drohungen der. Sozialdemokratie sich stark beeinflussen ließen. So erklärt es sich, daß die „Jüdische Wohngemeinschaft" im ersten Anlauf einen durchschlagenden Erfolg nicht erzielen konnte. Sie hat ein Gemeinderatsmandat behauptet und mehrere Bezirksratsstellen gewonnen, die Entsendung eines Vertreters' in den Nationailrat .ist ihr jedoch nicht gelungen. Und nicht gelungen ist ihr — das muß offen zugegeben werden — den gesamten jüdischen Mittelstand auf ihr Programm zu vereinigen. Ein erheblicher Teil der jüdischen Wähler ist der Lockpfeife des sonderbarsten aller Demokraten, des Herrn Grafen Czernin, gefolgt, und die Anhänger der Aguda Jisroel haben es abgelehnt, sich offen für die „Jüdische Wahlgemeinschaft" zu erklären. Dennoch hat die „Jüdische Wahlgemeinschaft'1 nicht mir einen neuen Gedanken in die Massen der jüdischen Wählerschaft getragen, sondern' sie hat auch zahlenmäßig einen bedeutenden Erfolg errungen. So groß auch der Stimmenzuwachs der Christlichsozialen und Sozialdemokraten sein mag, so hat doch die „Jüdische Wahlgemeinschaft" prozentuell dlie höchste Steigerung der Wählerzahll gegenüber den Ziffern bei der letzten Wahl zu verzeichnen. Wer die dichtgedrängten Versammlungen der „Jüdischen Waihlgemeinschaft" gesehen hat, wer die Begeisterung miterlebte, welche die Parole, sich von der Bevormundung un verläßlich er Parteien zu befreien und die Vertretung (der staatsbürgerlichen Rechte der Juden jüdischen Händen anzuvertrauen ausgelöst hat, der weiß, daß hier ein triebkräftiger Keim in einen fruchtbaren Boden gesenkt worden ist. Es ist begriffen worden, daß die Wiener jüdische Bevölkerung an. Kopfzahl, Steiuerkraft und Bedeutung im wirtschaftlichen Leiben einen Machtfaktor ■*) In diesem Punkte scheint nach dem an der Spitze der heutigen Nummer der „Wahrheit" (Hauptblatt) veröffentlichten Artikel die Redaktion dieses Blattes mit unseren Anschauungen nicht ganz übereinzustimmen. (Anm. d. „Union".) darstellt, über den man nie mehr wird zur Tagesordnung übergehen können. Es ist begriffen worden, und zwar nicht nur auf jüdischer Seite, daß sich wesensfremde Parteien, künftighin nicht mehr der Juden als bloßes Stimmvieh werden bedienen können, und daß es nicht genügt, die schabtonenmäßig'e Phrase von der konfessionellen Gleichberechtigung nur in einem Winkel des Programmes zu führen, sondern daß man jeden Angriff auf verfassungsmäßige Rechte tatkräftig und auch danni zurückweisen müsse, wenn sich dieser Angriff „nur" gegen die Juden richtet. Das gilt nicht nur von der sogenannten bürgerlich-demokratischen Arbeitspartei, deren Führer Graf Czernin wohl endgültig beseitigt ist, sondern auch von der sozialdemokratischen Partei, welche es stets abgelehnt hat, als „Judenschntztruppe" zu gelten, bei der Wahl am 21. Oktober jedoch das Schwergewicht ihrer Agitation auf die Gewinnung jüdischer Stimmen gelenkt hat. Die „Jüdische Wahligieimemschaift" ist eine flatternde Fahne geworden. Sie wird voraussichtlich auch in Zukunft bestehen bleiben, und ihre werbende Kraft wird wachsen. Die Vereinigung aller Juden zu Schultz und Trutz, zur Verteidigung ihres verfassungsmäßigen Rechtsbodens ist das Ziel, dem auch weiterhin, mit aller Kraft zugestrebt werden muß. Diese Einigung wird nicht nur das Ansehen der jüdischen Wählerschaft, sondern auch ihre Bündnisfähigkeit erhöhen. Wer in Zukunft unsere Stimmen haben will, der wird uns nicht leere Versprechungen,'sondern positive Werte bieten müssen. Aber darüber hinaus hat die jüdische Gemeinschaft noch die Aufgabe, unter Rückstellung unfruchtbarer nationalistischer Uebertreibungen die Verwirklichung der unter die Garantie des Völkerbundes gestellten Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina zu fördern und für dieselbe die noch widerstrebenden Schichten der österreichischen Judenschaft zu gewinnen. Nicht Schutzjuden, und nicht Knechtjuden wollen wir sein, sondern freie Bürger im freien Staate! Und vor allem wollen wir unseren Kindern den freien Zugang zu allen öffentlichen Bildungsstätten offen halten und allen Bestrebungen entgegentreten, welche auf die Anwendung der Prozentnorm auf die Juden zugeschnitten sind. Wir tragen schwerere Opfer als alle übrigen Bevölkerungsschichten dieses Staates, wir wollen aber dafür zumindest die gleichen Rechte, wie sie allen andern gewährt sind. Siegfried Fleischer. Die Gewählten der „Jüdischen Wahlgemeinschaft". Bei den am 21. Oktober durchgeführten Wahlen wurden folgende Kandidaten der „Jüdischen Wahlgemeinschaft" gewählt:

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