Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 22 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 22 den erwirken. Es muß aber bei dieser Geleigenheit die Politik der Gruppe um Herrn Kommerzialrat Bondi als das bezeichnet werden, was sie ist. Diese Herren betreiben eine Trennungspolitik und wollen die Kultusgemeinide zertrümmern. In Wien gibt es ungefähr 240.000 Juden, davon etwa 5000 Schiffschulleute, diese verschwindende Mehrheit betrachtet die erdrückende Mehrheit als Nichtjuden. Um diese Trennungspolitik zu rechtfertigen, greift man als Prügelknaben den Religionsunterricht und den Religionslehrer heraus. Uns Lehrern geht es mit Herrn Bondi so wie dem Judentum mit den Antisemiten. Wir Juden nennen uns das auserwählte Volk, weil wir durch unsere Thora die Lehrer der Menschen geworden sind, und werden von den Antisemiten ob dieser Eigenschaft angefeindet, und so werden auch wir Lehrer inmitten unseres Volkes als Lehrer der Thora von solchen, die sie als ihr ausschließliches Privileg ansehen, angegriffen. Auch erlauben wir uns die höfliche Frage: Was hat Herr Bondi für die Wiener Religionslehrer getan, welche Wohlfahrtseinrichtumg hat er in der Kultusgemeinde für sie geschaffen? Gehört er nicht vielmehr zu jenen Vorstehern, die die bescheidensten Wünsche der Lehrer ablehnen? Ganz natürlich, daß er nun dieselben Wege als Publizist betritt. Herr Bondi sagt selbst, er ist ein Knecht und will es bleiben. Aber wir Lehrer wollen keine Knechte der Knechte sein, nach dem Satze: „Welau awodim leawodim." J. Pick. * * * Die Wünsche der Orthodoxen. Von Kommerzialrat Siegmund Bondi, Obmann der „Adas Jisroel". Motto: Vielleicht sind zehn Gerechte in der Stadt, und ich würde vergeben wegen der zehn Gerechten. Die Herren des Kultusvorstandes sollten die Worte des letzten Wochenabschnittes „und wenn nur zehn Gerechte in der Stadt sind, würde ich vergeben wegen der zehn Gerechten", beherzigen. Die Orthodoxen hatten am 23. September ihre Wünsche in einem Antrage dem Kultusvorstande bekanntgegeben, bis heute ist eine Erledigung seitens des Kultusvorstandes nicht erfolgt. In verschiedenen Blättern wird davon gesprochen, daß seitens anderer Organisationen Proteste bei der Kultusgemeinde überreicht wurden, in denen behauptet wird, daß nur eine Minorität hinter den orthodoxen Vertretern steht und letztere die Wünsche der Minorität wiedergegeben haben. Die orthodoxen Vertreter sind die auf Grund des Statuts frei gewählten Vertreter der Orthodoxie und vertreten somit mit vollem Rechte die Interessen der strenggläubigen Judenschaft. Hinter denselben steht keine Minorität, sondern ein sehr bedeutender Teil der Juden, die es mit der Heiligung der Glaubensgesetze genau nimmt. Aber selbst wenn dieselben nur eine Minorität vertreten würden, wäre der Kultusvorstand verpflichtet, zur Gänze die Wünsche der Minorität zu erfüllen. Die orthodoxen Juden werden zu den Leistungen der Kultusgemeinde zur Gänze herangezogen, ohne daß dieselben eine Gegenleistung erhalten, da sie aus prinzipiellen Gründen auf jede Subvention verzichten. Die Gegner der strenggläubigen Juden, welche durch die drei Vorstände vertreten sind, werfen denselben Trennungsabsichten vor. Wenn die Orthodoxen sich trennen wollten, so stünde ihnen ein anderer Weg als der Kultusvorstand offen. Dieselben haben jedoch nur solche Wünsche vorgebracht, die in jeder anderen Gemeinde glattwegs bewilligt werden und nur in Wien auf unbegreifliche Schwierigkeiten stoßen. Wenn ich heute über dieses Thema noch einmal schreibe, so geschieht es, um die breite Oeffentlichkeit auf die berechtigten Wünsche meiner Gruppe aufmerksam zu machen. Unsere Wünsche stellen die minimalsten Forderungen, die wir erheben können, dar und sind wir nicht gewillt, von diesen Wünschen abzugehen. Es ändert hieran auch nichts der Artikel, den Herr Religionslehrer Pick im heutigen Blatte der „Wahrheit" veröffentlicht. Auf diesen Artikel einzugehen, liegt für mich nicht die geringste Veranlassung vor, da ich jedes Wort, das ich in dieser Angelegenheit geschrieben und gesagt, mit vollem Bewußtsein gesprochen und geschrieben habe und hiervon nichts zurücknehme. Auch von den Wünschen der Orthodoxie lassen wir nicht nach. Sollte der Kultusvorstand weiter zögern, unsere Wünsche der Erfüllung zuzuführen, so bleibt uns nichts anderes als der Kampf übrig, selbst wenn hierbei die Einheit der Gemeinde in Trümmer! ginge. Die Einheit ist für uns nur dann von Wert, wenn sie mit den Religionsgesetzen vereinbart ist, falls nicht, werden wir zum Kampfe gezwungen und werden kämpfen, bis wir das erreichen, was wir erreichen müssen, um als wahrhaft orthodoxe Juden in dieser Stadt leben zu können. Blücherbündlers Abendgebet. Unter diesem Titel finden wir im der Berliner „Glocke" von Sedif A1 a m folgendes Gedicht, das auf den im Münchner Mordprozeß (siehe unsere Nummer 18/19) verurteilten Privatdozenten Rüge Bezug hat, dter als Pressechef des Blücherbundes folgende Worte sprach: „Jetibr soll an Stelle des Abendgebets täglich neu den Vorsatz fassen, nicht zu ruhien <unid nicht zu rasten, bis er einem J u d e n getötet hat." O Gott der Liebe, heiliges Erbarmen, Gott des Mitleids und wollender Dulderschaft, Geliebter Jesus, schenke mir Armen Zu einem kleinen Judenmord alljetzt die Kraft. Wie du in Kreuzespein und im Verenden Noch „Vater, vergib ihnen!" gefleht, Stärke mich, bis mit würgenden Händen Ich dem Itzig die Kehle abgedreht. Segne mich in glühendem Mitgefühle, In der Reinheit deines Glorienscheins, Wenn ich mit blutendem Messer wühle In den Eingeweiden des semitischen Schweins. Laß' ihn, winselnd vor Schmerz, in die Erde sich krallen, Erstick' ihn unter meiner knienden Last, Laß' vor Angst ihn tierische Laute lallen, Der du „Liebet eure Feinde" gepredigt hast. Und wenn dir am Auferstehungstage Mich freizusprechen die Macht gebricht: Stell' mich — du bist rechtlich in der Lage — Als Bayern vor ein Münchner Volksgericht!