Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 22 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 9 fahren. So hatte Rabbi Joseph Nac i, Staatsmann des Sultan Selim im Jahre 1566 die Seidenzucht nach T i b e r i a s (in Palästina) gebracht. Die blühende Seidenindustrie Italiens wurde von Rabbi M e i r (genannt Maestro Magin) iu Venedig um das Jahr 1585 mit Privileg des Papstes Sixtus V. gegründet. Dieses Oberhaupt der Kirche wußte jüdische Arbeit zu schätzen. Um den Handel Venedigs durch Juden zu befruchten, befreite er den jüdischen Levantehandel von allem Abgaben. Ein anderes Beispiel einer für Jahrhunderte geschaffenen Lokalindustrie ist die heutige Seidenfabrikation Marseilles. Sie wurde im Jahre 1400 von David C r e s c a s gegründet. Vom Papst aufgefordert, die Juden zu vertreiben, antwortete Johann II., König von Portugal: „Mein Land ist lebhaft daran interessiert, die Juden zu behalten, da sie diie Landesindustrie und! den Handel in die Höhe bringen". Im XIII. Jahrhundert betreiben Juden den Weinbau in Spanien und führen den Weinhandel ein/'2) Ist das Seelen adelnde Bechamidraschstudi'um für den angehenden Kaufmann unerläßlich, damit sich „die Völker mit ihm segnen", so ist es umsomehr für den angehenden Literaten. Wieviel Schiffbrüche wären hier vermieden worden — und wieviel Geistesentgleisungen! Einem christlichen Forscher, L eroy-Beaulieu, fiel es auf, daß kein anderes Volk als das der Juden eine Jahrtausende umspannende Literatur aufweisen kann, in der kein einziges laszives Buch vorkommt. Bei jenen Generationen, die ihren Seelenadel im Bethamidrasch empfangen haben, hatte Leroy-Beaulieu recht. Bethamidraschkultur neben Universitätsbildung bietet dem beginnenden Literaten solch überwältigenden Ueberfluß an bildsamem Schönheitsstoff, daß er es nicht nötig hat, seine Feder in Unzucht zu tauchen, um sein Brot zu verdienen. Wir müssen uns nach dem Beispiele Beer-Hofmanns „wesenstreu" bleiben, um den anderen zum Segen! zu gereichen. Unsere 3000jährige Geschichte lehrt, daß so oft die Juden um ihren Wirtsvölkern wesensgleich zu sein, ihr biblisches Eigenleben aufgaben, ein äußerer politischer Wille genügte, damit der Judenhaß auflodere. Der Prophet Jeremias zurzeit der babylonischen Verbannung: „Betet und arbeitet für das Wohl des Staates, in welchem Ihr euch befindet; denn sein Wohl — ist euer Wohl". Damit war die politische Angleichung befohlen. Das biblische Eigenleben durften wir niemals aufgeben. Mustergültig sind hierin die englischen Juden. Politisch allen englischen Staatsbürgern derart gleich, daß England zwei Juden zu englischen Vizekönigen33) ernannte, wie zu Josephs Zeiten. Warum? Weil die englischen Juden, die erwähnte Doppelkultur haben, und noch wie zu Cromwells Zeiten, den biblischen Edelbes tandteil der englischen Nation bilden1. Von diesem kulturellen Piedestal sind wir aber herabgestiegen und die Flui des Judenhasses wälzt sich in der Niederung über uns. Und nun ist es unsere Aufgabe, bevor wir Alten ins Grab steigen, wir, die wir dieses Land reich gemacht haben, reich an Industrie, reich an Handel, reich an Kunst und Wissenschaft, ein Komitee von Welthiiusern zu bilden, um unserer Jugend, wenn auch bescheidene Anfa iü£s stell u ngeninUebersee zu verschaff en, wo sie zeigen wird, daß sie auf dem alten Piedestal noch steht und aus der bescheidensten Anfangsstellung, kraft unserer Ethik und des au der Universität Gelernten, sich heraufschwingen wird zu angesehenen sozialen Stellen. Mit Botanik allein, mit Medizin, Jus und Mathematik können wir unsere Jugend nicht übers Meer schicken. Denn auch jenseits gibt es gute Botaniker, Aerzte, Juristen und Mathematiker. Unsere Jugend würde gegenüber jenen Orientalen unterliegen, von denen Graf Kayserling so trefflich sagt, daß sie „jenseits des Buchstaben denken". Auch unsere Jugend muß lernen „jenseits der Buchstaben zu denken". Wir müssen eine Sammlung veranstalten, um einen populären, aus unseren Quellen: Talmud und Thorah geschöpften Kurs für jüdische Ethik, für unser» Hochschuljugend zu veranstalten, damit sie jene Verstandeshöhen erklimme und jenen Seelenadel erreiche, die nötig sind, um unter gebildeten Orientalen zu leben. Wenn aber dieser Kurs von einem großen jüdischen Bethamidraschlehrer an der Universität abgehalten werden könnte, zugänglich für jedermann, welch' Glaubens, welch' Volkes er sei, dann würde das Verständnis für Seelenadel bei den einen, — das Bedürfnis nach solchen bei den anderen dämmern, Wirtsvölker und Gastvölker: Majoritäten und Minoritäten würden sich verstehen lernen, und Friede würde einziehen auf Erden. Eingesendet 3S) Beugnot, Les Juifs d'Occident. 83) Sir Isaac Rufus, Vizekönig von Herbert Samuel, Vizekönig von Palästina. Indien, und Sir Herr Komm.-Rat 8. Bondi und die ßeligionsiehrer. (Vgl. die Nummer 20 der „Wahrheit.") Wir Religionslehrer haben wahrlich keine Veranlassung, Herrn Oberrabbiner C h a j e s gegen die Angriffe des Herrn Kommerzialrates Bondi in Schutz zu nehmen. Wenn Herr Dr. Chajes den Boden der Thora verläßt, so ist es begreiflich, daß die Orthodoxen diese Verirrung nicht unbeanstandet vorübergehen lassen. Herr Bondi hat den an sich genug wichtigen Fall zum Ausgangspunkt für die Kriegserklärung der Schiffschul an die Kultusgemeinde und zu Angriffen auf uns Religionslehrer benützu die uns dazu zwingen, gegen ihn Stellung zu nehmen. Herr Bondi schreibt: „Dieser Religionsunterricht ist für unsere Kinder ein direktes Verderbnis, da in demselben die große Mühs der häuslichen Erziehung untergraben wird, indem den Kindern die zu Hause beigebrachten Religionsbegriffe gerade durch den Religionslehrer erschüttert werden." Diese Behauptung ist unrichtig und wir Lehrer weisen sie deshalb mit aller Entschiedenheit zurück. Wenn ein Lehrer nach Herrn Bondis Meinung nicht den gerechten Anforderungen entsprechen sollte, so kann ja Herr Bondi als Vorsteher der Kultusgemeinde sehr leicht eine Disziplinaruntersuchung gegen den Betreffen-