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Die Wahrheit · 1923-11-02 · Heft 22 (2.11.1923) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 22 (2.11.1923)
Date
1923-11-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 22 stimmend mit dem Tenor antisemitischer Hetzreden, von den modernen Juden als „dem zersetzenden Element", von ihrem „vergiftenden Zynismus", ihrem „Atheismus gegenüber der fremden Religion, während die fellachenhaften Bräuche der eigenen davon ganz unberührt bleiben," von „Sozialisten, die Speiseverbote und Denkriemen hochhalten," und urteilt dann über die jüdische Gemeinschaft in Westeuropa: „Sie hat alle Arten von innerlichem Zusammenhalt verloren und ist lediglich als Zusammenhalt in praktischen Fragen übrig geblieben. In dem Augenblick, wo die zivilisierten! Methoden dter europäisch-amerikanischen Weltstädte zur vollen Reife gelangt sein werden, ist wenigstens innerhalb dieser Welt — die russische bildet ein Problem für sich — das Schicksal des Judentums erfüllt." Der Islam hat immerhin Boden unter sich. Ebenso sitzen die Griechen auf eigener Scholle. Der Parsismus ist in seinem Bestände gesichert. Aber das Judentum ist ohne Zusammenhang mit einem eigenen Stück Land. So zersprengt, geht es der völligen Auflösung entgegen." Man traut seinen Augen kaum. Sollte es Sp. verborgen geblieben sein, daß genau dieselbe Deduktion den kräftigsten Anstoß zur zionistischen Bewegung gegeben hat? Ebenso widerspruchsvoll heißt es (II, 221): „Der moderne Jude kann das nationale idjma innerlich nicht überwinden" und (229): „es gibt eine talmudische, eine jüdische Nationalliteratur, aber keine hebräische", also immerhin doch noch in weiten Kreisen auch des abendländischen Judentums nationale Elemente. Dieses Nationalbewußtsein muß -es nach Sp. doch auch siein, daß, wie er (390) zur Freuide unserer Antisemiten behauptet, dem Juden innerliche Anteilnahme an den Geschicken seines Vaterlandes unmöglich macht. Zwar „hat der jüdische Consensus aufgehört, Geschichte zu haben". Trotzdem bleibt der Jude „uninteressiert an den Geschicken der Umwelt. Auch 1914 hat der deutsche Jude nicht als sein Geschick erlebt, sondern er nimmt dafür Partei, er beurteilt es als interessierter Zuschauer. Der letzte Sinn dessen, worum gekämpft wird, bleibt ihm verschlossen". Daß Tausende in heller patriotischer Begeisterung für Deutschland freiwillig ihr Leben gelassen, das wertet Sp. so, wie etwa, ..daß in Prag auf dem alten jüdischen Friedhof ein jüdischer Reitergeneral" (!) beerdigt liegt. Und nun der Kernschuß. mit dem Sp. in den Augen jedes ernsten Fachmannes sich selbst die Fähigkeit historischen Blickes abspricht (395): „Vernichtend wirkt das Judentum, wo es auch eingreift." Eine solche Ungeheuerlichkeit, ein Schlagwort des wüsten. Gassenantisemitismus berührt schmerzlich bei einem Manne, dem wir eine solche Entgleisung nicht zugemutet hätten. Wie stark muß die Saar antisemitischer Geschichtsfälschung ins Korn geschossen sein, wenn sie in solchen Köpfen derart das Urteil trübt! Die Juden als Staat. Auf S. 390 heißt es ähnlich im Fahrwasser eines Sombart: „Der Christ begreift nicht die überleigene, fast zynische Intelligenz und das fertig ausgebildete „Gelddenken" des Juden, der Jude nicht die gotische Innerlichkeit, die Burg, den Dom. Man haßte sich noch ohne Bewußtsein des Rassenunterschiedes, sondern aus Mangel an Gleichzeitigkeit." „Der jüdische Consensus baute in die Landstädte seine großstädtisch-proletarischen Ghettos ein. Die Juden städt war der christlichen um 1000 Jahre voraus. Unter diesen Ghettos herrschte ein . schweigender Zusammenhalt. Kam ein schottischer Mönch in ein lombardisches Kloster, so war er dort fremd. Niehl so ein Rabbiner aus Mainz in Kairo. Der Jude war in jedem Ghetto zu Hause". Das Judentum bildete nicht nur eine Kirche und ein Volk, sondern — hier haben wir Fi cht es „Staat im Staate" — einen Staat. Beweis: „Acosta und Spinoza' wurden aus diesem Staate durch Hochverratsiprozeß ausgewiesen." Hier hört man auf, ernst zu bleiben. Sp. hat also nie vom Kirchenbann gehört. Beim Juden ist die religiöse Aechtung, so will es Sp., Ausschließung aus dem Staatsverbande. Die jüdischen Großkaufleute, die nicht nur mit Erlaubnis, sondern vilelfach auf Wunsch der weltlichen oder geistlichem Herrscher in den mittelalterlichen Städten sich ansiedelten, sieht Sp. als zynische! Geldmacher an. wobei ihm vielleicht irgend ein Finanzmann aus Berlin W. vor Augen geschwebt hat. Ihre Wohnungen, über die wir durch zeitgenössische Zeugnisse ganz anders unterrichtet sind1, erscheinen Sp. wie etwa ein osteuropäisches Ghetto dter Gegenwart. Von den regen geisti'gen Beziehungen zwischen Christen und Juden jener Zeit weiß er nichts. Nichts von einer gleichzeitigen mystischen Strömung innerwie außerhalb der Judenschaft, nichts von einem Süßkind von Trimberg, nichts von dem starken Einfluß dies! jüdischen Schrifttums auf Freidank und so viele andere, nichts von der reichhaltigen deutschen Literatur, die in hebräischer Schrift unter den deutschen Juden des Mittelalters heimisch war usw. Gerade auf den deutschen Juden scheint es Sp. abgesehen zu haben. Von den spanischen Juden sagt er (II, 389): „Um 500 beginnt das jüdische Barock". Er betont die tiefe Einwirkung der Juden auf die maurische Kultur: „Ihren Esprit suchten die Ritter der Kreuzzüge nachzuahmen." Von Spanien ging der persisch-jüdische Stil für die Synasgogen aus deren Kuppelbau das magische Weltgefühl ausdrückt (I, 274). Auch die Musik der Synagoge deS Irak sucht Sp. (297) zu würdigen. Daß hier in größerem Zusammenhange und vor einem weiteren Forum auf die Stellung der Juden in der Rechtsgeschichte hingewiesen wird, ist besonders zu begrüßen1. Sp. sagt u. a. (II, 209) vom nachexilischen Judentum: „Es war eine juristische Person, lange bevor ein Mensch den Begriff selbst entdeckt hatte." (Fortsetzung folgt.) „Numerus clausus" einst und jetzt. Von Josef Lazarus. (Schluß Eine andere Karawanenstraße ging aus von P e t r a in Arabien, sowohl nach Gerrha am Euphrat, wie auch nach F o r a t am Tigris, wo sie die Straße nach Persien, Indien und China fand. Daß sich auch mit dem industriellen Geist unserer Väter die Völker zu allen Zeiten segneten, ist bekannt. Viele Städte und Ländler verdanken ihre heutige Spezialindustrie dem Geiste unserer Vor-

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