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Die Wahrheit · 1923-11-02 · Heft 22 (2.11.1923) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 22 (2.11.1923)
Date
1923-11-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 DIE WAHRHEIT Seite 7 gegenseitige Duldung, um eine; Vereinigung in allen Punkten, die alle eint. Die trennenden Momente scheiden aus. „Welch lächerlicher Hochmut," sagt T r ö 11 s c h, „wenn sich die Christen öder Juden oder Chinesen als ,die' Söhne des Himmels oder als ,den' Mittelpunkt der Welt empfinden wollen?! Jeder Lichtkreis im Kosmos hat seine1 Lichtquelle für sich." Diese Auffassung zeugt von liebevollem Verständnis im Gegensatz zu jener Intoleranz, jener Unduldsamkeit, die von einer tiefdurchfühlten Menschenliebe soweit entfernt ist. Mit wahrer Begeisterung hat es uns erfüllt, als wir vor kurzem in dem ausgezeichneten! Werke: Kulturwege und Erkenntnisse von Prof. Dr. Köhler (Leipzig 1916) die vorurteilsfreien Worte lasen: Und was schon die Wissenschaft fordert, das fordert gebieterisch die Not der Zeit. Es gilt den Glauben wiederzugewinnen gegenüber der Selbstsucht der Völker und dem Materialismus der Stände. Nur in sozialer Sittlichkeit und nur in weit bürgerlich er Humanität atmet der echte lebendige Gott, den die Propheten Israels zum Gotte Israels und zum Gotte der Menschheit gemacht haben." Wie gesagt, in unseren eigenen Reihen klafft eine nahezu unüberbrückbare Kluft — zwischen den gesetzestreuen und den liberalen Juden. Judentum dürfen wir nicht sagen, denn die Orthodoxie erkennt nur i h r Judentum als das einzig wahre an, obgleich es auch da verschiedene Schattierungen gibt. Interessant und charakteristisch ist folgende Anekdote oder Episode, die Rabbiner Dr. Cohn (Basel) in seinen persönlichen Erinnerungen an Rabbi Israel Hildesheimer s. A. (Jüd. Jhrb. für die Schweiz, 4. Jhrg., 5680) erzählt: „Einer der größtem Gaonim in Ungarn war einmal zum Rabbi gekommen, um ihn kennen zu lernen. Beim Abschied sagte er: „Mein Freund, ich bin zu Ihnen gekommen, um Sie in Ihrer Tätigkeit zu sehen. Wir ungarischen Rabbiner sprechen täglich stundenlang von Ihnen. Ihr ganzes Wesen islt uns wunderbar, Sie sind gelehrt wie wir, Sie sind gottesfürchitig, vielleicht noch mehr wie wir, Sie sind achtungswert in allem, und wir bewundern Sie. Aber eins machen wir Ihnen zum Vorwurf: Wie ist es möglich, daß ein solcher Godäul, ein solcher Zaddik stundenlang Lateinisch und Griechisch unterrichtet? Wir wollen nicht mit Ihnen streiten, ob es erlaubt ist oder nicht. Wir sagen, es ist verboten, Sie sagen, es ist erlaubt; aber wir fragen Sie, wie können Sie soviel Stunden dem Thorastudium entziehen?" Da antwortete der Rabbi : „Verehrter Freund, sehen Sie, Sie haben damit angefangen, daß Sie täglich stundenlang von mir sprechen, diese Stunden erspare ich. Ich .spreche nicht von Hildesheimer und spreche nicht über andere, und diese Stunden sind es, die ich für Lateinisch und Griechisch verwende. Ich entziehe die Stunden nicht meinem Thorastudium, ich entziehe sie der Versuchung, über andere zu reden." In einem Punkte herrscht wohl völlige Uebereinstimmung im gesamten gesetzestreuen Lager, nämlich in bezug auf das starre Inspirationsdogma, daß Goitt wortwörtlich mit unseren Vorfahren von Mund zu Mund gesprochen hat. Das liberale Judentum bekennt sich zu der Auffassung, daß wie auf anderen Lebensgebieten, so auch in der Religion eine sich in Jahrtausenden vollzogene Entwicklung stattgefunden hat und stimmt Lazarus (Erneuerung des Judentums, Berlin 1909) zu, wenn er sagt: „Fortschreitend veredelte und vertiefte Gesinnung, fortschreitend erleuchteite Lebensauffassung ist jüdische, ist höchste und wahrhaft jüdische Tradition, durch sie ist es möglich, die steigende Uebereinstimmung mit aller Fortbildung der allgemeinen Kultur herbeizuführen." Wir kommen zu der vielumstrittenen Frage: Ist Religion lehrbar? Vielumstritten in christlich pädagogischen und theologischen Kreisen — nicht in jüdischen. Wenn auch vielfach die christlichen Methodiker den jüdischen als Vorbild dienen können, so müssen wir uns doch hüten, allen ihren Anschauungen zu folgen. Christliche Religionslehre deckt sich nicht mit der jüdischen Religionslehre. Wenn z. B. behauptet wird, daß die orthodoxe Theologie, die ein systematisches Katechismus- Lehrgebäude den Kindern äußerlich aufpreßt, sich am Kindesgeist versündige, so trifft das bei der jüdischen Orthodoxie nicht zu, denn hier ist das „Rachamono libbo boi" (Gott fordert das Herz) maßgebend. (Schluß folgt. Das Judentum bei Oswald Spengler. Von Dr. Max Qrunwald. (Fortsetzung.) Zionismus. So viel Sätze, so viel Irrtümer. Antiochus wollte das Judentum in seinem Lebenskern, in Palästina treffen. Im Tempel auf Moria sollte dem Zeus geopfert werden. Der Kampf der Makkabäer gewinnt seine weltgeschichtliche Bedeutung dadurch, daß hier das Judentum als solches dem Hellenentum entgegentrat. Ihr Sieg entschied eine Menschheitsfrage. Ueber die Bedeutung Judäas für die gesamte Judenschaft und deren Anteilnahme an den Kämpfen mit Rom hätte Sp., wenn schon nicht aus jüdischen Quellen, so doch wenigstens aus S c h ü r e r, Gregorovius („Hadrian") u. a. eine andere Anschauung gewinnen können. Und wenn er selbst (II, 206) anerkennt, daß eine „Nation von der Geschichte durch eine Minderheit repräsentiert" wird, so müßte auch er und gerade er als Vertretung der gesamten jüdischen Nation jene jüdische Gruppe, selbst wenn sie nur eine Minorität wäre, gelten lassen, die, wie früher die Judenheit als Ganzes in Babylonien und sonst überall bis auf das moderne Reformjudentum es gehalten wissen wollte, nicht die Synagoge, sondern ein jüdisches Gemeinwesen im Lande der Väter als „die ideale Form" ansieht. Und woher nimmt Sp. die Wissenschaft, die Juden hätten bei ernstlichem Willen Palästina vom Römerjoch befreien können? Sein Urteil über den Zionismus streitet aber wiederum mit seinen eigenen Worten an anderer Stelle, wo er von dem Judentum der Gegenwart spricht. Die Juden Westeuropas ein Feüachenvolk. Er sagt von den „Nationen" in seinem Sinne (II, 214): „Mit dem Ende des ersten Jahrtausends gehen sie in die Form von Fellachenvölkern über, so die Christen auf dem Balkan unter türkischer Herrschaft, die Parsen in Indien, die Juden in Westeuropa." Er spricht (II, 398), bedauerlich überem-

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