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Die Wahrheit · 1923-11-02 · Heft 22 (2.11.1923) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 22 (2.11.1923)
Date
1923-11-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 22 Kultusgemeinde Wien ein gesunder, lebensfroher und lebensfreudiger Organismus wird. Man sollte es als die vornehmste Aufgabe betrachten, der Orthodoxie, die sicherlich nach Idealismus und Opferfreudigkeit nicht der schlechteste Teil der Gemeinde ist, weitmöglichst entgegenzukommen und man sollte dieses Entgegenkommen nicht mehr als eine abgerungene Konzession, sondern als eine Pflicht gegen die Gesamtgemeinde betrachten, welchen Standpunkt — ebenfalls in der Bezirkskommission — die Herren Medizinalrat Dr. Heinrich H a a s e, Kultusvorsteher Kommerzialrat Reif und J. S c h ö n h e r z, Obmannstellvertreter des Pazmanitentempels, unter Beifall der Majorität vertraten. Auf diesem Wege kämen wir zu einer gesunden Einheit, zu einer Einheit mit reichem Inhalt, die es jedem Gemeindeglied gestattet, innerhalb des Ganzen sich voll auszuleben und mit Stolz und Freude auf seine Gemeinde Wien zu blicken. Einigras über den jüdischen Religionsunterricht Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Die Verantwortung für den Inhalt des folgenden Aufsatzes übernimmt lediglich der Verfasser. In seinem Monumentalwerk „Das Heilige" läßt Rudolf Otto Kapitel 3 also beginnen: „Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Weidas nicht kann oder solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten, nicht weiter zu lesen". Gibt es in der Tat Personen, die bar jedes religiösen Empfindens sind? Von Idioten hat man behauptet, daß ihnen die religiöse Vorstellungswelt verschlossen ist, aber auch geistig hervorragende Persönlichkeiten gibt es, die sich lediglich an das „Gegebene" halten, an die Welt der Wirklichkeit; das Uebersinnliche, das Transzendente geht sie nichts an (Pasitirisimus — antimetaphysische Tendenz). Sie berufen sich auf Goethe, der im Faust den Menschen auffordert: „Er stehe fest und sehe hier sich um! Dem Tüchtigen ist di ese Welt nicht stumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen! Was er erkannt, läßt sich ergreifen." Zu dieser Spezies treten die Materialisten, denen alles stoffliche Bewegung ist. Jeder Vorgang im Verstand oder Willen ist nur eine Bewegung der Moleküle im Nervensystem, die nach festem Gesetzen vor sich geht. Aber wie ist es mit den E m p f i n d u n g e n? „Hier ist die Stelle, wo ich sterblich bin." Alles mechanisch zu erklären, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Den Dualismus Gott und Natur mit dem Dualismus Kraft und Stoff bekämpfen, heißt noch nicht die Schranken zwischen Geistigem und. Körperlichem überwinden, heißt vielmehr den Teufel durch Beelzebub austreiben. Wir kehren zum Ausgangspunkt zurück! Was heißt religiöses Empfinden? Es ist das tiefinnere Erlebnis, das zur Kraft sich gestalten muß, die den Menschen zum Unendlichen emporzieht, so daß alles Leid der Welt überwunden erscheint. „Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor, es ist in Dir, Du bringst es ewig hervor" (Goethe). Oder mit dem Psalmisten zu reden: „Wen habe ich auch einst im Himmel, und neben Dir habe ich kein Verlangen weiter auf Erden. Schmachtet auch mein Leib und mein Herz, Fels meines Herzens und: mein Anteil bleibt Gott auf ewig" (Psalm 73). Schleiermacher nennt das „schlechtsinniige" Abhängigkeit von Gott. Rudolf Otto tadelt hierbei diesen Romantiker unter den Theologen, daß er zum Ausgange macht, was selber erst Reflex und Wirkung ist, und das Objektive erst durch einen Schluß erreichen will von dem Schatten aus, den es in das Selbstgefühl wirft. Bei dieser Gelegenheit möchten auch wir Rudolf Otto leise tadeln, der von einem tief innerlichen Erzittern und Verstummen der Seele bis in ihre letzten Wurzeln hinein spricht und dabei bemerkt: „Es packt auch im christlichen Kult in voller Gewalt das Gemüt bei den Worten: „Heilig, heilig, heilig." Als Kenner der jüdischen Liturgie müßte er vom jüdischen und christlichen Kult sprechen, sowie er u. a. «das „wundervolle Gebet" Ubeken ten pachddka am Jörn Kippur nervorheibt (richtiger Rosch ha-Schana und Jörn Kippur!). Doch statt Definitionen Beispiele! Nach Goethe gibt das Auftauchen der Gefahr die frömmsten Momente, es ist uns dann, als ob eine helfende Macht sich unmittelbar unser angenommen hätte. Nach Kant (oft zitiert!) wird das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt, je öfter und nachhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Diese sinnige! Betrachtung des Weltgeschehens soll religiöse Gefühle erwecken, aber nicht die Tatkraft lähmen und zur bloßen Kontemplation, inneren Beschaulichkeit führen. Dieses Einssein scheucht jeden Zwiespalt und bahnt den Weg zum Allgemeinmenschlichen, zur allgemeinen Nächstenliebe. Der starre Konfessionalismus treibt zur Selbstsucht, zum gegenseitigen Haß. In diesem Sinne ist das bekannte Distichon Schillers zu verstehen: „Zu welcher Religion ich mich bekenne? Zu keiner von allen, die ihr mir nennt — aus Religion." Diese begeisterte Hingabe an die Gesamtentwicklung sollte Einheit und Einigkeit auslösen. Aber statt Versöhnung Verhöhnung, Differenzierungen aller Art stürmen auf einander ein — am politischen, wie am religiösen Himmel. Auf politischem Gebiete zu verstehen — auf religiösem völlig unverständlich, denn Religion, und zumal der jüdische Monotheismus, steuert auf Einheit hin. Unsere Alten werden nicht müde, das zu betonen. Im jüdischen Lager lodert der Kampf zwischen Neuerung und Tradition, zwischen Entwicklung und starrem Konservatismus. Es kommt noch der Feldruf hinzu : Hier Rationalismus, hier Irrationalismus. Es wird nicht bedacht, daß der Mensch ein in sich imgetrenntes d e n k e n d c s, fühlende s und wollendes Wesen darstellt. Es muß eib Axiom werden, diese Trias u n g etrennt zu lassen; die wahr e Religion bekämpft jede Zerstückelung, jede Zerrissenheit, jede Spaltung, weil sie die Einheit und Einigkeit zum Ziele hat. (Siehe die Neujahrs- und Jörn Kippur-Gebete). In unseren Tagen ist eine Vereinigung entstanden, die den Zweck verfolgt, die verschiedenen religiösen' Elemente miteinander in Berührung zu bringen — nicht zu Amalgamierungsversuchen, sondern sich gegenseitig verstehen zu lernen und nicht aneinander vorbeizureden. Es handelt sich um

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