Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 22 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. n DIE WAHRHEIT Seite 5 hingewiesen werden, daß Dr. Schwarz-Hiller mit seinem Eintreten in und für die jüdische Wahlgemeinschaft dankenswerte, aber übelgelohnte Opfer gebracht hat. Und sollte — was zu bezweifeln kaum örund vorliegt — bis zur nächsten Nationalratswahl eine in sich gefestigte Partei ihre Mandatwerber aufstellen, dann wird die Zeit für diese prominente Persönlichkeit gekommen sein. * * * Es kommt eben alles, wie es kommen muß, wie es sich aus organischer Notwendigkeit entwickelt und gestaltet. Unbedacht und ungeschickt war der Versuch eines im Schnellfeuer der Not gelöteten Zweckverbandes. Die Wiener Morgen-Zeitung, über den Mißerfolg der Wahlgemeinschaft hinwegsehend, muß in ihrem Artikel vom 24. v. M. erklären, daß für die eigentliche Wahlarbeit kaum ein Monat zur Verfügung gestanden war (die früheren Monate wurden eben verschlafen; d. Red.). Wenn die Morgen-Zeitung sich jetzt damit mausig macht, daß sie allein zum Wiener (Wahl-) Judentum gesprochen hat, so gibt sie sich angesichts der Wirkungen ihrer publizistischen Bemühungen selbst ein Armutszeugnis. Entschieden muß es zurückgewiesen werden, wenn das Organ der Wiener Jüdischnationalen die Organisierung des Judentums in Wien und Oesterreich fordert und ein Junktim zwischen Nationalismus und künftigen Wahlen hinstellen möchte. Dann, meint sie, werden die kommenden Wahlen ganz anders ausfallen können. Jawohl, aber ganz anders als die Morgen-Zeitung träumt. Denn eben die jetzt vollzogenen Wahlen sind eine Probe auf das Exempcl, daß der Nationalismus — ob er unter der großdeutschen oder neuzionistischen Flagge segelt — in Oesterreich keine Daseinsberechtigung hat. Diese Erkenntnis hat sich bereits unter den deutsch-österreichischen Juden durchgerungen und wird nicht ohne Weiterungen bleiben. d. „Die Schlange ist das weiseste Ti'er der ganzen Welt. Sie rollt sich in einem Kreis zusammen, der kein Ende hat, gleich dem Leben und dem Tode. Ihr Verstand ist eine innere Quelle, von der kein Tropfen 'durch Reden oder Zischen verloren geht. Mein Rat geht dahin', daß dm dir eine Schlange auf dem Ring eingravieren sollst." Es sprachen noch viele und ein jeder sagte dasjenige, was ihm am besten schien. Endlich kam ein alter Schiffer aus Zidon an die Reihe. Er verneigte sich vor dem König und sprach: „Groß isit das Meer, das sich immer erneuert. Die Ausstrahlung seiner Gewässer sind der der Sonne gleich. Oben herrscht Unruhe, Sturm und' Getösie; unten aber ist Ruhe und Frieden. Millionen Geschöpfe nähren sich von ihm und dennoch genügt ein zorniger Augenblick, um ein Schiff mit Menschenleben zui zerschellen." Der König hört all die Worte, sein Gemüt ist tief bewegt und seine Seele breitet sich wie ein Sege'l im Morgenwindaus und er lächelt dem Nächsten zu. Ein Wort zur Klärung. Man kann unserem Organ gewiß nicht den Vorwurf machen, daß es nicht zu jeder Zeit und in jeder Lage wärmstens für die Einheit der Kultusgemeinde eingetreten ist. Nichtsdestoweniger gebietet uns der journalistische Anstand dafür zu sorgen, daß das Wort Einheit nicht zur Phrase, zur inhaltslosen Phrase wird. Die ganze Gemeinde ist ein Organismus, innerhalb dessen jedem einzelnen Glied die Möglichkeit voller Entfaltung und des dem Ganzen dienenden Gebrauches seiner Kräfte gewährleistet sein muß. Sonst kommen wir zu der bedenklichen Situation, von der in Fabelform erzählt wird, daß die einzelnen Glieder des menschlichen Körpers erst miteinander stritten, wer denn nun eigentlich das Wichtigste am ganzen Körper sei, bis endlich alle Beteiligten eingesehen haben, daß sie einander bedürfen und einander ergänzen zu einem Organismus, ferner, daß sich jeder einzelne Teil freudig zu dem Zusammenhang mit dem Ganzen bekennen muß. Wir würden es sehr gerne sehen und begrüßen, wenn diese Einsicht, wie dies unser Chefredakteur in der Bezirkskommission Leopoldstadt ausführte, auch in der Gemeindestube sich durchsetzen könnte. Wenn ein großer Teil von Gemeindemitgliedern der Ueberzeugung Ausdruck gibt, daß die jetzige Sachlage ihnen die Möglichkeit raubt, die von ihnen empfundenen religiösen Notwendigkeiten zu befriedigen, so wäre zunächst zu bemerken, daß es unter ehrlichen Menschen nicht Sitte ist, die Ueberzeugung eines anderen anzuzweifeln und zur Diskussion zu stellen. Behauptungen, die unter dem Zeichen einer Gewissensfrage gestellt werden, pflegt man zu glauben, weil keiner das Recht sich anmaßen kann, darüber zu urteilen, ob Gewissensfragen, die ebenso sehr auf Empfindungen wie auf Gedanken beruhen, berechtigt sind. Wir halten es deshalb für die Aufgabe aller Beteiligten, dafür Sorge zu tragen, daß auch die Alis -dem Kreise tritt ein ■einsamer Wanderer a>uf den König zu. Er schaut dem König ins Angesicht und spricht: „Was ist passender für des Königs Siegelring, als das Gemälde eines Wurmes?!*' Rings herum begann ein Gemurmel und die Leibgarde drang auf ihn mit ihren Lanzen ein. Salomo 'befahl ihnen sich zurückzuziehen und der Wanderer sprach weiter: „Schön ist dein purpurner Mantel, wie gereifte Reben im Sonnenlicht und niemand außer dir darf solch einen Mantel tragen. Schön sind die gehauenen Marmorquadern deines Palastes. Und wenn du auf deinem güldenen Throne im marmornen Palast, in deinem Purpurmantel gehüllt, sitzest, wo ist das Wünmchen „Chilazon" (Puirpurschnecke), mit dessen Saft dein Purpuirmantel gefärbt wurde? Und wo ist das Würmchen „Schamir", mit dem man die festen Steine gehauen hat?" Da ließ Salomo die Versammelten nach Hause ziehen und den Siegelring Meß er sich nicht anfertigen.