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Die Wahrheit · 1923-10-17 · Heft 21 (17.10.1923) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 21 (17.10.1923)
Date
1923-10-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHgHElT gemeiner weltlicher Bildung überhaupt. Eine Erscheinung, die auf die Jugend im Bet ha Midrasch wie in der weltlichen Schule erzieherisch und bildend.1 gewirkt hat. Als Dr. Bloch die Lehrhallen der Bet ha Midrasch verließ und nach Westen zog, um mit der Kultur Europas bekannt zu werden, ließ ei sein jüdisches Wissen nicht in den Hintergrund treten, wie viele vor ihm es taten, sondern er vertiefte und mehrte noch dasselbe. Die Vereinigung vom jüdischen und weltlichen Wissen mit unbeugsamem Willen. Mut und stolzem jüdischem Selbstbewußtsein, das war. der lebendige Quell, aus dem er seine wunderbare Kraft geschöpft hat. Unermüdlich und rastlos stand er wie ein treuer Wächter auf den hohen Zinnen des Judentums, um dasselbe vor Angriff und Kränkung zu schützen. „Die alten Gelehrten — sagen unsere Weisen — je älter sie werden desto abgeklärter wird ihr Geist". Diesen Ausspruch unserer Weisen finden wir bei Dr. Bloch verwirklicht. Weder Ruhe noch Rast gönnte er sich nach so vielen, arbeitsreichen und mühevollen Jahren. Am Abend seines Lebens ging er noch mit geistiger Frische und jugendlichem Eifer daran, die Früchte seiner vieljährigen Arbeit zu erhalten. „Israel und die Völker" benannte er das große Werk, das der schon im Greisenalter Stehende geschaffen und seinem Volke geschenkt hat. Es ist dies das große Arsenal, in dem er die Waffen zusammengetragen, die er in den vielen Jahren des Kampfes zur Verteidigung des Judentums geschmiedet und die er so tapfer und siegreich geführt hat. Aus dieser Rüstkammer wird uns auch in der Zu- Jfunft der nun in die Ewigkeit eingezogene Doktor Blochdie Waffen zum Schutze der Ehre unsere* Volkes geben. Unsere Brüder jenseits des Ozeans erkannten bald die Bedeutung und den Wert dieses Werkes und ließen dasselbe auch in die englische Sprache übersetzen, damit auch sie angesichts des dort gegen sie bedrohlich wachsenden Feindes gerüstet und gewappnet dastehen. „Die Gerechten — heißt es im Talmud — bedürfen keines Denkmals, denn die Worte bilden ihr Denkmal". Dr. Bloch bedarf keines vergänglichen Denkmals aus Erz oder Stein. Seine Taten und Werke, die er für sein Volk vollbracht hat, sie sind das ewige Denkmal, das er sich zu Lebzeiten selber gesetzt hat. Zur großen unendlichen Liebe zu seinem Volke gesellte sich in seiner Seele die ewige, unverlöschliche, traditionelle Liebe zu Erez Israel. Einem in seiner Seele langgehegtem Wunsche.-folgend, ging er, der-Zweiundsiebzigjährige, in das Land der Vätr, um die hinter den Bergen Judas aufgehende, einen heiteren Morgen verkündende Sonne, die Arbeit und das Bauen des jungen Israel wie das Werden und Wachsen der Heimstätte für das jüdische Volk mit eigenen Augen zu schauen. Ein glückliches und freies jüdisches Volk wird einst in seinem eigenem Heime, in Erez Israel, in ewiger unvergänglicher Dankbarkeit jener Männer gedenken, die im Galut für ihr Volk gelebt und gekämpft haben. Auf der Liste jener Großen und Unsterblichen wird, mit eisernem Griffel verewigt geschrieben stehen: Dr. Josef Samuel Bloch!" Nach diesen Reden wurde -Dr. Bloch in der Familiengruft beigesetzt und die Trauergemeinde verließ in tiefer Ergriffenheit die Ruhestätte des Heimgegangenen. _ Die neueste Wendung im Babel- Bibel-Streit. Von Bezirksrabbiner Dr. Beerma n n, Heilbronu. Als vor etwa fünfzehn Jahren mit marktschreierischer Reklame die Ansicht verfochten wurde, daß die Religion der Bibel ihre Wesenszüge aus der Gesamtkultur des Morgenlandes entlehnt habe, mahnten vorsichtige Forscher zur ernsten, gründlichen, leidenschaftslosen Prüfung und Vergleichung der Tatbestände. Inzwischen ist die Durchforschung und Erläuterung der babylonischen Religionsurkunden und ihre Gegenüberstellung mit den ähnlichen biblischen Erscheinungen rüstig fortgeschritten. Und die Folge? Eine völlige Anderswertung der Dinge, als sie die bibelfeindliche Tendenzwissenschaft gewünscht und erwartet hat. Bezeichnend für den gründlichen Umschwung, der sich nunmehr vollzogen hat, ist das gediegene Beksimtnisbuch des Tübinger Lizentiaten Seger, der unter dem Titel „Die Triebkräfte des religiösen Lebens m Israel und Babylon" eine streng wissenschaftliche Erweisung dafür liefert: daß erstens die Religion des alten Testaments eine völlig urwüchsige und selbständige Geistesschöpfung ist; daß zweitens diese biblische Religion in ihren literarischen Aeußerungen eine Höhenlage bekundet, die in Babel nach Zeugnis der Inschriften niemals erreicht wurde. Während die Bibelreligion ein wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Gott und Seele schuf, die in der Lehre Gottes ihre Leuchte, in seinem Gesetz ihr Licht sah, tappte der babylonische Fromme wie im Finstern und kam aus Angst und Unsicherheit seinem Gott gegenüber, dessen Willen er nicht kannte, nicht heraus. So lesen wir im Gebete dss babylonischen Königs Tabiutul-Bel: „Wüßte ich nur, was bei Gott angenehm. Doch wer kennt den Sinn der Himmelsgötter? Unverständlich ist ihr Wille, unbegreiflich, Und Menschen, blöde, erschau'n nicht seinen Pfad/' Ganz begreiflich, sind doch die babylonischen Götter Wesen, die launenhaft ihren Leidenschaften folgen, bei denen man nicht ein Handeln aus sittlichen Grundsätzen voraussetzen darf. Wie die Elemente, so bricht ihr Wille unmotiviert hervor und vernichtet wahllos Gute und Böse. Anders in Israel, wo man wußte, daß Gott nach den sittlichen Maßstäben von Liebe und Gerechtigkeit seineWelt lenkt. Noch deutlicher tritt dieser Fundamentalunterschied hüben wie drüben im religiösen Stimmungsgehalt hervor, wenn wir sehen, wie man sich hier und dort zur Frage der Gottesgerechtigkeit gestellt hat. In beiden Kreisen empfindet man das dunkle Rätsel vom Leid und Uebel. In Babel aber ist keine Spur zu finden, daß man zur Klarheit kommen wollte über das Verhältnis der göttlichen Gerechtigkeit zum tatsächlichen Weltlauf. In Israel müht man sich, dieser Schwierigkeiten geistig Herr zu werden. Des sind neben dem Buche Hiob viele Stellen der Schrift ergreifende Zeugen. Ja, hier hat man sich zu positiverer Wertung des Leids erhoben, hier spricht man sogar von der veredelnden und erlösenden Wirkung, die geduldig getragene Leiden üben f Jes. 53).

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