Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 21 (17.10.1923)
- Date
- 1923-10-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT _ _ __^_ __Nn_ 21 Seite 6 Mit dem Gefühle tiefer Wehmut und inniger Dankbarkeit stehen wir an dieser Bahre. Wenn das ganze Jüdische Volk, für dessen Ehre und Schutz der Heimgegangene sein ganzes Leben gekämpft und für welches er stets furchtlos und unversagt in die Schranken trat, seinen Namen in Dankbarkeit nennt, so sind es wir, die Ostjüden, die ihm ganz besonders ewigen Dank schulden. Dr. Bloch war für uns Ostjuden nicht nur der große Streiter und Kämpfer für die Ehre des jüdischen Volkes und seines Schrifttums, uns war er zugleich auch der große Wecker und Rufer zur Freiheit und' jüdischen Selbstbesinnung. Noch dunkel war es im galizischen Ghetto, als Dr. Bloch seine später so ersprießliche und segensreiche Tätigkeit begann. Der gebückte und schüchterne Ghettojude, er wagte nicht zu murren, wenn man ihn um sein bürgerliches Recht kürzte und in seiner und seines Volkes Ehre kränkte. Die gebildeten, sogenannten aufgeklärten assimilierten Kreise, fanden, der nichtjüdischen Umgebung sich anbiedernd, nicht den Mut als J u d e n für die Ehre des Judentums offen und furchtlos einzuschreiten. Ihr Judentum nach Möglichkeit verhüllend, segelten sie zumeist unter fremder nichtjüdischer Flagge. Doktor Bloch, ein Kind; des galizischen Ghetto, großgezogen im Bet ha Midrasch am Urquell jüdischen Geistes und jüdischen Wissens, kam als großer Rufer in seine Heimat, zu seinen noch im Halbschlafe liegenden Brüdern im Osten und mit lebendigem machtvollem Worte weckte er die Schlummernden und mahnte sie, sich auf ihre schwererkämpften Bürgerrechte zu besinnen. Begeistert wurde er vom Volke umjubelt. Er sprach dieses Volkes Sprache und kannte sein Herz. Er war Fleisch von seinem Fleische und Geist von seinem Geiste. Den Gebückten und Genis mit Inschrift ein ehrendes Zeugnis ablegt. Auch Karl Marx selbst hätte wohl auf seine Herkunft von jüdischen Geistesgrößen stolz sein dürfen — wenn ihm dieselbe bekannt gewesen wäre. Aber seine frisch getauften protestantischen Eltern, der Rechtsanwalt Heinrich Marx in Trier und dessen Frau scheinen den Wert ihrer jüdischen Abkunft verkannt und mit falscher Schamhaftigkeit verleugnet zu hüben, was sie mit Stolz hätten bekennen dürfen. Zeugnis dessen ist auch ein von Wachstein reproduzierter Brief eitner Schwester Karl Marx4, die erst durch eine Erbschäftsangelegenheit veranlaßt wird, sich den ungetauften Verwandten ihres Vaters zu nähern. Gefühlsüberschwang muß hier das Fehlen echten Gefühls ersetzen, und Emilie Conradi ist „sehr neugierig", die bisher unbekannte Kousine Sara „kennen zu lernen und ob „mein Herz sich zu ihr hingezogen fühlt". Karl Marx selbst hat im Bestreben größtmöglichster Objektivität eine scheinbar gehässige Haltung gegen das Judentum eingenommen. Er leugnete dessen seelischen Inhalt, weil er ihn augenscheinlich gar nicht kannte, und in der sozialistischen staatlichen Organisation jede Religionbetätigung überhaupt ausgeschaltet wissen wollte. Ein im Unterbewußtsein lebendiges Gefühl mag ihm jedoch gesagt haben oder hätte ihm sagen können, daß die jüdische Religion, die niemals in Europa Staatsreligion gewesen war, als solche auch nicht entthront werden könne; aber sein in die Irre gehender Oerechrigkeitsbeugten verwandelte er zum Aufrechten, für seine Rechte mutig einstehenden Bürger und selbstbewußten Juden. Das Erwachen des stolzen jüdischen Selbstbewußtseins wie der mutige Kampf um die bürgerlichen und nationalen Rechte im jüdischen Osten, das offene jüdische Sichbekennen auf parlamentarischer Tribüne ist eines der unsterblichen Verdienste Dr. Blochs. Er war es, der den ersten Grundstein zu diesem grandiosen Werke gelegt hat. Dank und Stolz erfüllte das Herz aller Juden und ganz besonders der Ostjuden als sie „ihren" Doktor Bloch mit den Waffen, die er aus der Rüstkammer seines im galizischen Bet ha Midrasch erworbenen talmudischen Wissens geholt hat, die gegen das Judentum und seine Lehre erhoben enlügn'erischen Angriffe abwehren und die Feinde mit der Wucht seines Geistes vernichten sahen. Das jüdische Volk liebte Bloch. Als er anläßlich der Reichsratswahlen im Jahre 1907 nach Galizien wieder kam, da wurden die Pferde seines Wagens ausgespannt und die Menge wetteiferte um die Ehre. den Wagen ziehen zu dürfen, in dem Dr. Bloch saß. In einem der angesehensten literarischen Jahrbücher, in welchem das Leben und Wirken Dr Blochs geschildert wird, trägt sein Bild die Bezeichnung der Kämpfer unseres Kampfes. Diese wenigen Worte besagen in der Tat kurz und präzise die Bedeutung Dr. Blochs. Er war der große Kämpfer des Kampfes des jüdischen Volkes. Dr. Bloch! war für uns, die heranwachsende Jugend des Ostens nicht nur" der. Streiter für das Judentum und seine Ehre; für uns war er auch das Sinnbild des gebildeten Juden, wie er sein soll. Doktor Bloch war die harmonische Synthese von tiefgründigem jüdischen Wissen und umfassender äüsinn verleitete ihn, auch der jüdischen Religion trotz ihrer Ohnmacht und Ungefährlichkeit das Verdammunigsurteil zu sprechen. Inideissen kann niemand bestreiten, daß sein Mitgefühl für die Besitzlosen, die Ausgebeuteten, die Abhängigen tief in ihm als dem Abkömmling von Generationen wurzelten, denen 'das mosaische Gesetz gesagt hat: Behalte den Sohn des Arbeiters nicht über Nacht hei dir, seine Seele hänigt an seinem Verdienste." Daß im Geiste von Karl Marx' Vorfahren Almösen geben mit Gerechtigkeit üben identisch war und ist und daß das Gesetz vom Jobeljahr die Anhäufung von Familienbesitz verhinderte und den Besitzenden lehrte, sich selbst vom Besitze zu trennen und seinen Nächsten in den Genuß desselben treten zu lassen. Nur dem Erben der Gemütsart und der Denkweise der Rabbi Minz und der«Rabbiner Katzenellenbogen, der Rabbiner Cohen und Lwow war es gegeben, jene Grundsätze der allgemeinen Menschlichkeit aufzustellen, wie sie durch Karl Marx verkündigt worden sind. Dieses Wesen des großen Reformators auf seine jüdische Abstammung durch den mühevollen Beweis derselben zurückgeführt zu haben," ist Dr. W'achsteins Verdienst, dessen glückliche Intention seinem restlosen Forschen die rechten Wege weist. Möge er noch vielfach aufhellend und die Vergangenheit belebend wirken! Rah el Edelstein-Friedmann.