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Die Wahrheit · 1923-10-17 · Heft 21 (17.10.1923) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 21 (17.10.1923)
Date
1923-10-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Herkules im Augiasställe der Judenhetze, bis zuletzt den einzigen vollwertigen Gegner fürchteten. Die Geschichte seiner Seele auf Erden ist die Seele der Geschichte der Juden Oesterreichs in den glorreichen Jährzehnten, da er ihr geistiger Führer war. Aber nicht nur das Buch der Kämpfe Gottes, noch ein anderes Buch aus unserem Altertum ist verwoben in seinem Lebenslauf, „das Buch des Geraden und Gerechten", das Buch von seinem Leben als Privatmann. Hier an dieser Bahre trauert das Judentum und"ruft uns zu: „Weinet um ihn, einen eurer Besten, ganz Israel weine um diese Kraft, um dieses Herz, das mit jedem Pulssc'nlag, in jedem Blutstropfen nur für seine Brüder lebte und strebte. Aber auch wir, die Familie, -trauern hier und klagen: Unsere Krone ist uns vom Haupt gefallen. Doch eines tröstet uns: an ihm ging wunderbar in Erfüllung das Wort: „Du wirst Jerusalem sehen in seinem Aufblühen, du wirst deine Enkel um dich versammeln, du wirst Frieden sehen in Israel." Er sah noch im Alter das Land der Väter und wollte dort seine Tage beschließen. Enkel von nah und fern fanden sich ein an seinem Sterbelager. Und vor allem, was ihm sein Leben lang als Ziel heißesten Wunsches vor Augen schwebte, Friede in Israel, es verklärte seine letzten Stunden, die Aussicht auf Einigung der jüdischen Parteien war sein letzter Gedanke und seine letzte Freude. Noch eine •Sehnsucht erfüllte ihn. Er wollte noch den Bruder sehen, den er aus der Ferne erwartete, dem das Judentum verdankt, daß der Tote durch ihn die Möglichkeit erhielt, in Muße seine letzten Werke zu vollenden. Nun ist der Bruder erst nach seinem Tode eingetroffen. Sein irdisches Auge sieht ihn findien, daß es hier, wie auch sonst oft, die weibliche Deszendenz ist, die das geistige Erbteil bewahrt und verwaltet undan Söhne und Enkel weitergeleitet hat. Es ist erwähnt worden, daß Karl Marx väterliche Großmutter das Bindeglied des unsterblichen Forschers von „Das Kapital" mit den größten jüdischen Geistesheroen der frühesten Neuzeit bildet. Wollen wir das im einzelnen verfolgen: Sie, Eva Lwow, ist Tochter, Enkelin und Urenkelin der Rabbinerdynastie Lwow in Trier, ursprüngli'cher Heimatsort ist Lwow — Lemberg. Ihre Urgroßmutter ist die Tochter, Enkelin, Urenkelin und Uriirenkelin des Rabbinergeschlechtes Cohen in Luck und Krakau. Diese Urgroßmutter, deren Namen nachzuweisen selbst Wachstein nicht möglich, ist jedoch durch ihre Mutter Neßle die Enkelin, Großenkelin und Urenkelin der Ra'bbinerfamilien Katzenelnbogen in Brest-Litowsk und Padua, deren Ahne R. Meir b. Isak Katzenelnbogen hinwieder durch eine Frau, seine Gattin Chaima, der Tochter und Enkelin der Rabbiner Minz in Padua der Amtsnachfolge und somit dem geistigen Familienkreise des R. Jehuda b. Elieser ha-Lewi Minz in Padua angehört. Wollen wir diesen jüdischen Großen als den ersten geistigen Stammvater Karl Marx' ansehen, so finden wir dessen Begabung und Fähigkeit, seine individuelle Mueme, an vier Weiblichkeiten geknüpft und von diesen bis zu ihm selbst weitergeleitet. Vier Mütter sind es, die den köstlichen Keim gehegt und nicht mehr, aber wir glauben, daß seine Seele sich seiner freut, wir geloben, daß Joseph fortleben wird, wie sein Name in der Geschichte, so sein Geist und die Dankbarkeit gegen ihn in unseren Herzen, so lange wir atmen." Nach Dr. Grunwald sprach namens der israelitischen Kultusgemeinde der Präsident Herr Prof. Dr. A. Pick, der in längeren Ausführungen die großen Verdienste des Hingeschiedenen um die Wiener Judengemeinde schilderte. Der Präsident der „Union deutschösterreichischer Juden" Dr. Jakob O r nstein würdigte den Verblichenen als Gründer der „Union" und wies darauf hin, daß durch das Zustandekommen der jüdischen Wahlgemeinschaft eine letzte Lebensfreude Dr. Blochs geschaffen wurde. In einer großangelegten Rede sprach Gemeinderat Dr. Plaschkes namens der zionistischen Partei und der jüdischen Mandatare davon, daß Dr. Bloch seinerzeit unter schwierigsten Verhältnissen der erste war, der sein Mandat in die Volksvertretung vom ausgesprochen jüdischen Standpunkt auffaßte und daß dieser Kämpfer für das Judentum in seiner hohen politischen Erkenntnis auch für andere Standpunkte belehrbar war. Oberrabbiner Dr. C h a j e s ergriff das Wort, um, wie er selbst sagte, als Historiker auf das Wesen und die Bedeutung Dr. Blochs einzugehen. Für die große Gemeinde der Bloch-Verehrer sprach Dr. S. R a ppapört, der in Baden durch langjährigen Umgang mit dem Verewigten und in persönlicher Freundschaft verbunden, dessen hohe Verdienste wie folgt schilderte: „Im Namen der Freunde und Verehrer des Dr. Josef Samuel Bloch, will ich nun schmerzerfüllt dem großen Verewigten ein letztes Lebewohl zurufen. genährt und dem ungeahnten späten Enkel in die Wiege gelegt Imben. „So unerschöpflich reich ist das Erbe dieses Denkriesen," sagt ja Karl Renner von Karl Marx, „daß es nicht ein ganzes Reich geistig ausgerüstet hat. sondern zugleich den Meinungsstreit der ganzen Welt." Und die Geisteswafien, die dieser Held aus jüdischem Blute geschmiedet und geschwungen hat, sie sind von den segnenden Lippen von vier jüdischen Müttern geweiht und geheiligt worden. Zu diesen Müttern müßten wir hinabsteigen, wenn wir die Summe der seelischen Kräfte, welche sich von Karl Marx >ius über den ganzen abendländischen Kulturkreis ausbreiten, erfassen wollen. Zwölf Generationen jüdischer Ahnen mußten, über Tenach und Gemorrha gebeugt, in geistiger Arbeit ihr Leben verbringen, um den einen zu erzeugen, der der körperlichen Arbeit Wert und Würdigung bereitet und Beachtung in der ökonomischen und politischen Welt erstritten hat. Wir vermögen zwar uns unter den Almen dieser Ahnen noch größere ausgeprägt jüdische Individualitäten von Geist und "Kraft vorzusteilen. Allein, ich glaube, wir können nur mit der Bedeutung eines Mannes, wie R. Jehuda b. Elieser ha- Lewi Minz vollauf begnügen. Er war nachweisbar nicht nur jüdischer Lehrhausvorsteher und Rabbiner in Padua, er bekleidete auch eine Professur an der dortigen Universität, wofür sein im Stiegenraum des Universitätsgebäudes noch heute befindliches Bild-

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