Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 20 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Uv. 2Ö der „J ii d i s c Ii e n W a h 1 g c m e i h s c Ii a f t" darangehen, alle Kräfte der Juden zusammenzufassen, damit aus ihren eigenen Reihen Männer in dii Vertretungskörper entsendet werden können, -die mit uns denken und fühlen und äusninerstem Empfinden heraus für die jüdischen Interessen einzutreten befähigt sind. Die Zusammensetzung der Kandidatenliste ist auf paritätische r Grundlage erfolgt. In dem Wahlaufrufe wird betont, daß die neue WahJgemeinschaft eine gut österreichische Partei ist und für den Wiederaufbau Oesterreichs im Sinne der Genfer Abmachungen mit allem Eifer fördern will, daß sie sich aber auch der in Gesetz und Tradition des Judentums verankerten sozialen Pflichte n voll und ganz bewußt ist. Die „Jüdische Wählgemeinschaft" schafft eine neue Atmosphäre, eine Atmosphäre gemeinsamer ruhiger und friedlicher Arbeit der österreichischen Juden für die Gegenwart und Zukunft. Von beiden Seiten haben sich die besten Männer in den Kampf gestellt. Wir stehen einer geschlossenen antisemitischen Phalanx gegenüber und wir können der täglich drohender anwachsenden Gefahr nur dann mit Erfolg begegnen, wenn wir unter uns selbst einig sind und nicht nur das Gewicht unserer Zahl, sondern auch jenes unserer wirtschaftlichen Bedeutung für Staat und Gemeinde in die Wagschale werfen. Am Wahltage des 21. Oktober darf keine einzige jüdische Stimme den antisemitischen Parteien zugewendet werden. Wer uns diese Schmach und Schande antäte, gegen den müßte das Scherbengericht allgemeiner Mißachtung angewendet werden. An alle jüdischen Wähler und Wählerinnen ergeht* unser dringender Ruf, am 21. Oktober nur den Kandidaten der „Jüdischen Wahlgemeinschaft4' ihre Stimmen zu geben. Die jüdischenMütter vor allem mögen bedenken, daß es gilt, ihren Kindern für die Zukunft freie Bahn in Schule und Erwerbsleben zu schaffen! Siegfried Fleischer. Dr. Josef S. Bloch gestorben. Am 1. Oktober ist nach kurzem Leiden der ehemalige Reichsratsabgeordnete und Herausgeber der „österreichischen Wochenschrift, Dr. Josef S. Bloch, gestorben. Wir behalten uns vor, die Fülle der Lebensarbeit dieses außerordentlichen Mannes noch eingehend zu würdigen. Die* „Union deutschösterreichischer Juden" (früher „Österreichisch-Israelitische Union"), hat an die Tochter des Dahingeschiedenen, Frau Rabbiner Margarethe Grunwald, das nachfolgende Beileidschreiben gerichtet. Bei dem am 4. Oktober stattgefundenen Leichenbegängnisse hat der Präsident der „Union", Dr. Jakob Ornstein, dem hochverdienten Manne, der auch der Anreger und Gründer der „Union" war, einen tiefempfundenen Nachruf gewidmet. Das Beileidschreiben lautet: Sehr geehrte Frau Doktor! Tief erschüttert durch die Nachricht von dem unerwarteten Ableben Ihres ausgezeichneten Vaters, des Herrn Dr. J. S. Bloch, gedenken wir in dieser Trauerstunde der unvergänglichen und unermeßlichen Verdienste, welche sich der Verewigte sein ganzes arbeitsreiches Leben hindurch um die Wahrung der Ehre und der Rechte des Judentums erworben hat. Ausgerüstet mit einer lückenlosen Kenntnis des jüdischen Schrifttums, aber auch mit einem seltenen Mut und starker Geisteskraft, hat er als junger und unbekannter Bezirksrabbiner von Floridsdorf den gewaltigen Kampf gegen dem Lügner, Fälscher und Meineidigen August Rohling aufgenommen und rmt glänzendem Erfolge zu Ende geführt. Diese heroische Tat hat die Augen der ganzen Welt auf den jungen Rabbiner gelenkt und die Abwehr aller wilden Angriffe und Verleumdungen gegen das Judentum ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Durch die Schaffung der „österreichischen Wochenschrift" und die Gründung der „Österreichisch-Israelitischen Union" hat er zwei mächtige Waffen geschmiedet zur Fortsetzung des von ihm so tapfer aufgenommenen Kampfes, und es war ihm beschieden, von der Tribüne des österrechischen Parlamentes aus mit erhöhter Wirkung, mit durchdringendem Geiste und scharfem Worte unseren Feinden entgegen zu treten. Noch im späten Alter hat er durch die Herausgabe des Werkes „Israel unter den Völkern" das unschätzbare Rüstzeug, das er ein ganzes Leben lang zur Apologethik des Judentums1 gesammelt hatte, an nachwachsende Geschlechter vererbt, und sich mit dieser Hinterlassenschaft ein Denkmal aere perennius gesetzt. Wir betrauern ,.in den Dahingeschiedenen einen treuen Freund, einen weisen Ratgeber, einen edlen Menschen, dessen stete Hilfsbereitschaft nie versagt hat, so oft wir uns an ihn wendeten. Das Judentum aber hat einen seiner größten Männer verloren! Empfangen Sie, verehrte Frau Doktor, sowie Ihr ehrwürdiger Herr Gemahl die Versicherung der tiefsten und Hinigsten Anteilnahme an Ihrem Schmerze. Mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung (folgen die Unterschriften.) Skandalöse Vorgänge an der Hochschule für Bodenkultur. Am Schwarzen Brett der Hochschule für Bodenkultur ist der folgende unglaubliche Erlaß des Rektors zu lesen: Z. 1037. Das Professorenkollegium der Hochschule für Bodenkultur ist auf Grund der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen und mangels eines Forums zur Feststellung der rassischen Herkunft der Aufnahmswerber zu der Anschauung gelängt, daß die Einführung des Numerus clausus für Angehörige der jüdischen Rasse derzeit kein durchführbares Mittel zu der, auch nach Auffassung des Professorenkollegiums notwendigen Bekämpfung der sittlich und wirtschaftlich unverkennbar schädigenden Auswüchse des Judentums