Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 20 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 20 gängMclies sich ablöst vom Grenzenlosen und Ver- -harrienden. Gebunden an eine bestimmte Landschaft, erschöpft sie sich wie dliie Pflanzenwelt (144). Kulturen sind Organismen. Weltgeschichte ist ihre Gesamtbiographiie (141). Das Wesen aller Kulturen ist Religion^ das Wesen aller Zivilisation Irreligion. Erlöschen des religiösen Geilstes ist das Klimakterium der Kultur. Die seelische Fruchtbarkeit ist erschöpft und Konstruktion tritt an Stelle von Zeugung" (461). Die Bezeichnug „Urvolk" für das früheste Stadium des Judentums bei Sp. ist somit darin begründet, daß hiier. eine Seele, ein starkes Eiiruhieitsbewußtsein, und zwar in dem die Stämme Israels einigenden Glauben an den Gott der Väter zu Tage tritt. Was aber wird aus dem Judentum nach dem Verlust Palästinas? (Fortsetzung folgt.) Eines Kriegerwaisen- Barmizwah. Von Arnim Wilkowitsch, Eger. Es war am Sabbat frommer Buße,1) In Weiß der Horaun Kodesch stand, Ein Waisenknab mit heil'gcm Gruße Zur Thora stieg — als Konfirmand. Er sollte nun dien Spruch beginnen, In Neugier man des „EfcyTchu" harrt, Dem Knaben doch — im trüben Sinnen — Das Wort im Munde schier erstarrt . . . Er denkt min seines lieben Toren, Deß' Herz ein feindlich Blei einst traf Und, ohne' daß ihm Hilf geboten, Verfällen war dem ewigen Schlaf . . . Daß er in fremder Erde modert, Müt Fremden in dem Massengrab . . .2) Ein Web im jungen Herz auflodert Und statt des Segens schluchzt der Knab . . . Und oben, auf dem „Hort der Frauen" Erhebt sieb Jammern und Geschrei, Den Thoraleser faßt das Grauen, Die Schechina selbst muß traurig sein! . . . Doch bald erklingt des Knaben Stimme Zum Worte Gottes, hell und laut: „Kehrt um! . . . Daß Gott laß' ab vom Grimme. Jerusalem in Gnad' erbaut . . ." Und bald vergessen war dfiie Trauer, Es floß viel Trost aus frommem Reim! Gelobt sei Gott — der Neuerbauer — Sein Wort uns labt wie Honigseim! Der Kampf um den Scheliach Zibbur. A Von Oberkantor Jehuda Müller. Nach der Zerstörung des zweiten* Tempels entstand das Judentum des Ben Sakkai. Den Unterschied hiinsicbtiich der Machtstellung zwischen diesem und dem biblischen und Prophetenjudentum kennzeichnet ein Zeitgenosse Ben Sakkais mit dem im Talmud festgehaltenen Ausspruche: „Vom Tage - r *) Sabbat Schuba 5684. 2) Josef Salus, gef. am 12. Juli 1916 am Col di lano. der Zerstörung des Tempels blieben dem Heiligen, gelobt sei er, in seiner Welt nur mehr die vier nllen der Hailacha." Aehnlich können wir zur Charakterisierung des heutilgen Judentums sagen: „Es blieben nunmehr dem Heililgen, gelobt sei er, auf seiner Welt nichts mehr als düe vier Wände des Bethauses. Auch dieses Ueberbleibsei stammt aus d'er Schule der Nachfolger des Ben Sakkai, der in Jabneh lehrt; und dessen Schüler Rabban Gamliei zum Zwecke der Erhaltung des jüdischen Gottesdienstes das Amt des Scheliach Zibbur schuf. *) Vorher hatte der synagogale Gottesdienst keime festen Formen. Die Neuerer der jüngsten Zeit, die zwar an dem Gottesdienst selbst, als dem einzigen Ueberbleibsei den jüdischen Religion, nicht zu rütteln wagen, untergraben diesen aber dadurch, daß sie das Amt des Trägers dieses Gottesdienstes als bedeutungslos hinstellen, so d'aß der völlige Zusammenbruch - des letzteren unausbleiblich erscheint. Es sind aber, was die Person des Scheliach Zibbur betrifft, die für dieses heilige Amt erforderlichen besonderen Qualifikationen im Talmud, Traktat Tainitlh, genau umschrieben. Es wird Frömmigkeit und Gottesfurcht und ein gewisser Grad jüdischer Gelehrsamkeit verlangt, das Schwergewicht aber auf moralische Makellosigkeit gelegt Gegenwärtig sind aber diesbezüglich die Verhältnisse derart ausgeartet, daß unsere Gemeindevorsteher es heute für angemessen, möglich und erlaubt halten, daß Schauspieler'oder Opernsänger gleichzeitig auch den Beruf eines Scheliach Zibbur ungehindert ausüben, wie dies in letzter Zeit wiederholt in Wien geseh&h. Das Rabbinat gibt stillschweigend seine Zustimmung dazu und den intervenierenden essenten gegenüber wurde die gefallene Ausrede gebraucht, Rabbinat keine Einflußnahme auf den Vorstand in. diesem Punkte zu.**) Hier fragt es sich: Hat denn die Gemeinde kein Statut, welches den jüdischen Funktionären einen religiösen Lebenswandel vorschreibt? Und gibt es denn keine Behörde, welche die Einhaltung dieser Bestimmunigen von Seiten der Gemeindevorstehung kontrolliert? Mit welcher, fahrlässigen Gleichgültigkeit die Besetzung einer der bedeutendsten Stellen, welche das Judentum zu vergeben hat, heute vongenommen wird, illustriert am besten die Tatsache, <d!aß x-beliebige junge Menschen, die über einige Gesangstöne in der Kehle verfügen, von den kompetenten Stellen zum Scheliach Zibbur, zum Mittler der Gebete vor Gott bestellt werden, und zwar an den höchsten Feiertagen und in der hervorragendsten Kultusgemeinde des ganzen Kontinents, ohne d'aß man es für nötig draohtet, sieh auch um den Lebenswandel und die sonstigen moralischen Qualitäten dieser Herren zu kümmern. Wahrlich, ein trauriges Zeichen des Niederganges! Solche Vorfälle untergraben nicht nur das Ansehen und de Stellung des Scheliach Zibbur ad personam, in noch viel höherem Grade schädigen sie den Gottesdienst selbst, der dadurch über alle Maßen profaniert wird. Der Synagogenbesucber, der dli'e heilige Stätte zum Zwecke der Andiachtsvenrichtung aufzusuchen ge- *) Berliner: „Jüdische Presse", 1899, 2. Heft. **) Wie wir unterrichtet sind, ist vom zuständigen Rabbinat im 2. Bezirke in einem ähnlichen Falle Einspruch erhüben worden. (Anm. d. Red.) beruflichen. Interetwas mager auses stünde dem