Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 20 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20 Seite 9 wohnt ist, gerät in diiesem Fall iii einen gewissen inneren Zwiespalt und wird seelisch verwirrt. Eiweiß nicht, befindet er sich in einer Art von Variete, wo der Schauspieler oder Künstler seine Produktionen! darbietet, oder in efoem Gottesbause. Solche Vorgänge müssen aber auf die Dauer auch das Anseilen und die Stellung des Rabbiners gefährden. Gibt es doch gewiß auch bei den welfchen Bühnen Sprechkünstler, welche größere rhetorische Leistungen zu vollbringen imstande sind, als die Prediger in der Synaigoge. Und wenn es möglich ist, daß der Scheliach Zibbur, der als würdig befundene Dolmetsch der Gebete aller Tempelbesucher, auch des Rabbiners, vor Gott, durch einen profanen Sänger ersetzt werden kann, dann ist nicht abzusehen, warum nicht auch der Prediger durch einen Schauspieler sollte ersetzt werden können. Das Verhalten des Präsidiums der Kultusgemeinde bei Ausbruch und während des Krieges gegenüber den Wiener Kantoren in der Frage der Unentbehrlichkeit derselben für den Gottesdienst, ein Verhalten, das schließlich zu dem Vorstandsbeschluß führte, die Kantoren seien nicht Seelsorger im Sinne des oft genannten § 29 und könnten demnach die Begünstigung dieses Paragraphen nicht in Anspruch nehmen, liefert ein beredtes Zeugnis für' die Verkennung der Bedeutung dieses Standes, derzeit unvordenklichen Zeiten bei allen bedeutungsvollen Momenten des jüdischen Familien- und öffentlichen Lebens amtlich in Aktion trat. Ja, wie steht es denn aiigenitlich mit dem dem Judentum wesensfremden Begriffe eines Seelsorgers?-Fragt man, wer ist der Seelsorger? So hört man, der Rabbiner. Welche seelsorgerische Tätigkeit entfaltet der Rabbiner? Er predigt.*) Seine im übertragenen Wirkungskreise für den Staat zu leistenden Dienste gehören nicht mehr in diese Sphäre. Wie wird nun für diese etwas karge seelsor<gerische Mühe der exklusive Begriff „Seelsorger" fundamentiert? Um Rabbiner zu werden, muß der Kandidat den Doktorgrad erlangt haben, muß Absolvent eines Rabbinerseminars und von diesem zur Vornahme rabbinischer Funktionen autorisiert sein, d..h. die Hatara erhalten haben. Was haben wir aber in der Praxis erlebt? Ein Doktor philosophiae, der mangels des Nachweises der erhaltenen Hatara weder vor noch nach dem Kriege vom Vorstande der Gemeinde zur Vollziehung von Trauungen zugelassen wurde, wird von der Heeresverwaltung, wenn auch nicht mit Zustimmung, so doch ohne Widerspruch der Gemeinde als Feldrabbiner ersten Grades angestellt und übt so während der ganzen Krieigszeit die see'lsorgerische Tätigkeit unbehindert aus. Jene Funktionäre aber, die nach jüdischen Begriffen und nach .jüdischem Gefühle tatsächlich das Seelsorgeramt ausüben, werden von der Gemeinde als Seelsorger deshalb nicht anerkannt, weil sie im allgemeinen auf einer für die jetzige Zeit zu niedrigen Bildungsstufe stehen. Ja warum verlangen unsere Gemeinden von den Ansprechern einer solchen Stelle nicht den Nachweis eiiner gewissen allgemeinen Bildung und d&s Zeugnis fachmännischer Autoritäten auf diesem Gebiete? Täten sie das, dann könnte es nicht so weit kommen, daß ein Opernsänger, der zufällig *) In dieser Verallgemeinerung wohl kaum aufrecht zu erhalten. auch vorbeten kann, beide Berufe gleichzeitig ausübt. Und wenn derartige Unterrichtsanstalten heute noch nicht bestehen, wem läge die Pflicht zur Errichtung einer solchen Kantorenschule näher als der Wiener Kultusgemeinde, die, wenn nicht die größte, so doch die angesehenste Kultusgeineiinde der Welt genannt werden darf? Auf diese Waise könnte ein erlesener, befähigter, nach jeder Richtung vollkommen entsprechender Nachwuchs von jungen Kantoren herangebildet werden und damit wäre die Wiederkehr der traurigen Erscheinungen der letzten Jahre für alle Zeit unmöglich geworden. Der heutige Usus aber führt zum sicheren Ruiim. Ein qualifizierter Befähigungsnachweis wird nicht verlangt, die Führung eines nach religiösen Vorschriften einwandfreien Lebenswandels ist überflüssig, die gleichzeitige Ausübung zweier vollständig inkompatibler Berufe wird widerspruchslos toleriert und damit der letzte Rest frommer Gläubigkeit erschüttert oder gar vernichtet. Und von einem solchen quasi-Scheiiaeh Zibbur soll dem Publikum ein erhebender und die Andacht erhöhender Gottesdienst geboten werden! In Wirklichkeit aber sind die Tempelbesucher von der Empfindung beherrscht, einen Rhadames oder Rodolfo vor siieh zu haben und die Erinnerung an verschiedene Motive der Bajazzo-Arie taucht in ihnen auf. Haben die Gründer und Erbauer der verschiedenen großen Gotteshäuser in Wien etwa beabsichtigt, aus den Tempeln Varietes werden zu lassen? Ich erlaube mir, das zu bezweifeln. Aus welchen Gründen arrogieren sich heute aber die Herren Vorsteher das Recht, das fromme Werk ihrer Vorgänger zu zerstören? Wenn sie durchaus irgendwo Vorsteher sein wollen, dann mögen sie einen Theaterverein gründen, in dem ihre ehrgeizigen Gelüste sich anstoben können; unsere Gotteshäuser aber sollen sie der Bestimmung überlassen, für die sie geschaffen wurden. Wie schon oben gesagt, besteht ja leider das moderne Judentum nunmehr nur zwischen den vier Wänden der Synagoge. Die Einhaltung der rituellen Speisegesetze, der rituellen Ehevorschriften, der Sabbathheiligung und der Feiertage kommen doch ohnehin gar nicht mehr in Frage. Nun wollen sie aber an der letzten heiligen Stätte sich vergreifen, sie erbarmungslos niederreißen und zerstören, den Altar zur Schaubühne degradieren Diesen revolutionären Vorstoß gegen ihr religiöses Gefühl wird die glaubenstreue jütische Bevölkerung nicht dulden. In Massen werden sie sich erheben und in flammender Empörung den Vorstehern zurufen: „Hände weg von unserem Altar! Gebt uns wieder unseren würdigen Scheliach Zibbur! Bewahret unsere Tempel vor Entweihung und Untergang!" Es lebt in mir die zuversichtliche Ueberzeugung, daß diese Vorgänge, wenn sie in der großen Oeffentlichkeit bekannt werden, nicht einfach als etwas Unabänderliches werden hingenommen werden. Proteste über Proteste werden erhoben werden, mein Ruf wird nicht ungehört verhallen, denn es handelt sich um den letzten Pfeiler des Judentums, um die Erhaltung des traditionellen jüdischen Gottesdienstes. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA Werbet Abonnenten für „Die Wahrheit"! »TTTfTTTTTTtfTTTVTTTTTTTTfTTTTTTVTTfTTTT