Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 20 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nrjjjt. .._ _ DIE WAHRHEIT_______ ggitg_Z Rechte treten, in welchem eine strammere Zusammenfassung aller Organisationsglieder zu einem gewissermaßen einheitlichen Ganzen notwendig zutage tritt. Denn es ist ja klar, daß eine Verwaltung, die von einem einheitlichen Geiste getragen wird, um vieles mehr zu leisten vermag als im umgekehrten Falle. Nur so ist es zu erklären, daß in der sozialen Kommission des Kongresses, in der ein von der Wiener Zentrale vorgelegter Entwurf über die" Organisation des zu gründenden jüdischen Hilfswerkes zur Verhandlung stand, im Prinzipiellen vollste Einmütigkeit fand. Dieser Entwurf, der im ganzen drei Punkte aufweist, lautet: Ii Dasjüdische Hilfswerk hat sein Hauptbüro ajn Sitz der Zentrale (Landeszentralen befinden sich in den dnzelnen von Juden bewohnten Ländern) und erstreckt seine Tätigkeit über die ganze Erde. 2. Das jüdische Hilfswerk untersteht dem Zentralrat der Agudas Jisroel. 3. Die Tätigkeit des jüdischen Hilfswerkes ist: a) Zusammenfassung der bestehenden sozialen Institutionen, die auf religiöser Grundlage geführt werden, zwecks Systematisierung des Verwaltungswesens, - b) Gründung und Erhaltung von sozialen Institutionen' (Kranken- und Waisenhäuser, Lehrwerkstätten, Säuglings- und Altersversorgung), c) Schaffung und Ausbau von Fürsorge- und Beratungsstellen, d) Gründung und Erhaltung von gemeinnützigen Banken zur Förderung von Kaufleuten und Gewerbetreibenden; ~ e) Errichtung von Büros für Rechtschutz und Berufsberatung, f) rascheste Organisierung besonderer Hilfsaktionen für den Fall plötzlich eintretenden Massenelends; Bedenkt man, daß die Vorarbeiten für die endgültige Errichtung des jüdischen Hilfswerkes bis Ende' 1923 fertiggestellt sein müssen, wird man sich einen Begriff davon machen können, welch eine fieberhafte Tätigkeit bei der Wiener Filiale des jüdischemHilfswerkes, das mit diesen Vorarbeiten betraut ist, einsetzen wird, wenn zu ihren sonstigen Obliegenheiten, die in der Erhaltung von zwei Waisenhäusern in Baden, einem Internat für verlassene Knaben in Wien und in der endlichen Errichtung und; Eröffnung der großangelegten jüdischen Lehrwerkstätten in Meidling bestehen, noch erstere hinzukommen. Durch die von der Kenessio Gedauloh erfolgte Annahme des oben erwähnten Entwurfes hat die soziiate^Fürsorge der Agudas Jisroel einen in seiner Bedeutung kaum abzuschätzenden Schritt nach vorwärts' getan. Wollen wir hoffen, daß dieses durch nennenswerten Fleiß hervorgegangene Produkt auch bald die schönsten Früchte zeitigen wird. Das Judentum bei Oswald Spengler. Von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Ist somit das Juidientum nicht als eine Rassengemeinisohaft anzusehen, was übrigens auch ein so objektiver Beurteilter wie Coudenhove auf Gromd iumfaissendler persönlicher Eindrücke feststellt umd v. Lu sc han („Völker, Rassen, Sprachen") wissenschaftlich erhärtet, so fragt es sich, was Sp. mit der Bezeichnung der Juden dies Altertums aits „Urvolk" meint. „Jeder Mensch", schreibt Sp. (I, 190), „bezeichnet die Gemeinschaft, die ihm innerlich am nächsten steht — und er gehört vielen m — mit Pathos als s^in „Volk". (Der großstädtiische Arbeiter spricht von sich als dem „Volk" im Gegensatz zum Bürgertum, mit dem ihn kein Gemeingefühl verbindet. 1784 tat es ebenso das Bürgertum dem Adel und Klerus gegenüber.) „Er ist dann geneiiigt, diesen ganz besonderen Begriff, dler aus einem persönlichen Erlebnis stammt, auf die verschiedensten Verbände anzuwenden . . . Deshalb kann von zwei Brüdern der eine sich einen Schweizer und der andere mit dem gleichen Recht einen Deutschen mennen. Volk ist ein Verband' von Männern, der sich als Ganzes fühlt. Erlischt das Gefühl, so kann der Name, und jede einzelne Famiiifile fortbestehen, das Volk aber hat zu bestehen aufgehört. Ein solcher Verband kann dlie Rasse wechseiln wie die Osmanen, dlie als Mongolen in Kleinasien erschienen sind, die Sprache wie die sizilianisehen Normannen, den Namen wie die Achäer oder Danaer. Solange das Gemeingefühl dauert, ist das Volk als solches vorhanden. „Volk bedeutet Einheit der Seele" (197). „Was ein Volk von einer Bevölkerung unterscheidet, ist stets das innere Erlebnis des „Wir". Je tiefer dieses Gefühl, desto stärker ist die Lebenskraft des Verbandes." Solange seine,Seele dauert, eignen seine Mitglieder sich Menschen jeder denkbaren Herkunft innerlich an und formen sie um. Nie wurde ein Volk durch die bloße Einheit der leiblichen Abstammiung zusammengehalten . . ., auch nicht durch zehn Generationen. Kein Volk hat sich je für das Ideal des „reinen Blutes" begeistert." Auch diese Bemerkung Sp.*s bedeutet eine scharfe Absage an die teutonischen Fanatiker der „Rein-" und „Edelrassigkeit" und entspricht ungefähr den Definitionen Grosses. Nach diesem ist Volk „eine größere Gruppe von Menschen, die durch den nicht erblichen Gemeinbesitz bestimmter Kulturgüter ihre Zusammengehörigkeit erweist", während Rasse „eine größere Gruppe von Menschen ist, die durch dien erblichen Gemeinbesitz eines bestimmten körperlichen und geistigen Habitus ihre Zusammengehörigkeit erweist". Wobei immer fetszubalten ist, daß dieser Habitus, wie bereits betont, an ein bestimimtes Milieu gebunden ist, wofür das Schulbeispiel gerade der Jude ist, der sich infolge seiner Wanderungen im Verlaufe einer wechselreichen Geschichte vom Bauern zu den verschiedensten Typen gewandelt hat. Daß aber selbst dias Milieu, der Boden als konstanterRassenkomponent nur im relativen Sinne angesehen werden kann, weäi auch *r der Veränderung unterliefet, ist eine Tatsache, der Friedrich R ü c k e r t im „Chidiher" poetischen Ausdruck verliehen Hat. Wie bei Grosse ist auch bei Sp. Volk eine Seelengemeinschaft, doch was er Kultur nennt, erscheint bei ihm mehr landschaftlich als volksmäßig gebunden. „Kultur entsteht, wo eine große Seele aus dem unseelenhaften Zustand ewigkindüchen Urmenschentums erwacht, ein Begrenztes und Ver-