Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 20 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 20 treten hatten. Sein Einschreiten erwirkte ihre Verurteilung. Dr. Bloch hat auch sonst kn jüdischen öffentlichen Leben unseres Vaterlandes Jahrzehnte hindurch einflußreich gewirkt. Er war einer der Gründer der Oesterreichischen ssraelitischeu Union* der Israe!litälsch'3H Allianz zu Wien, und einer Anzahl anderer jüdischer Gesellschaften, von denen mehrere ihn zu ihrem Ehrenmitgliede gewählt haben. In letzter Zeit hat er am den politischen Organisationen des österreichischen Judentums nicht mehr teilgenommen, vielleicht in dem Gefühl, daß ein Starker am besten aliein wirkt. Aber wenn es gemeinsame Aufgaben und Arbeiten im Interesse des Judentums galt, da war seine mit Eifer geleistete Mitarbeit von unschätzbarem Wert. Außer den bereits oben angeführten Werken hat Dr. Bloch noch eine Anzahl wertvoller Arbeiten veröffentlicht, so: „Die Arbeiter bei Griechen, Römern und Palästinern", Wifen 1882; „Elementarschule oder ErzTOhuaigsweisen bei den alten Völkern", Wien 1883; „Armenpflege und' Heimatsrecht, eine soziale talmudische Studde", Wien 1884; „Einblicke in die Geschichte der Entstehung der talmudischen! Literatur", Wien 1884; „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart", Wien 1886; „Der nationale Zwist und die Juden in Oesterreich", Wien 1886; „Open letter to My Esteemed Colleagues of the Itailiian' Parlilamant", London 1895 (auch italienisch und1 deutsch veröffentlicht) u. a. m. Das viel umstrittene „Kol Nüdre" behandelte er 1918 in einer Broschüre, die alle Vorzüge tiefeiindiränigendlen Blickes unld seiner lichtvollen Darstetung'sgabe aufweist und däe vor kurzem in Philo-Verlag, Berlin, in zweiter Auflage erschienen ist. Während er am dritten Band seiner Memoiren und einem anderen größeren Werke arbeitete, ereilte ihn der Tofci Dr. Bloch war bis zu seiner letzten Erkrankung noch immer unglaublich arbeSits- und unternehmuingislustig. Vor zwei Wochen erst hatte er gegen die „R'e «c h s p o s t" einen von ihr provozierten Kampf angetreten, über den wir in unserem Blatte berichteten. Dieser Lebensgang und größere Reisen, die ihn nach Amerika, und auch nach Jerusalem geführt haben, hätten den klugen und charaktervollen Mann zu einer Summe von Erfahrungen, von Bekanntschaften, engen Beziehungen und Freundschaften in allen Kreisen und in allen Weltteilen verholten, die gewissermaßen das Kapital dies politischen Journalisten bilden. Als einem! von den nicht vielen, die nicht als Zaungäste von der Ferne den Gang der öffentlichen Dinge verfolgen und beurteilen, vieiraehr als Zugehörige und Mitwirkende, waren B1 oc h die meisten Persönlichkeiten, unseres jüdiischen öffentlichen Lebens schon aus einer Zeit bekannt, in der sie noch nicht im Vordergrund standen. Auf Grund dieser mannigfachen Beziehungen hat er über journalistische Betätigung im engeren Sinne hinaus als ein; Mann, auf den alle hörten und den sie befragten, m vielen Fällen erheblichen Einfluß ausgeübt. In Fällen zum Beispiel, wo war Rat brauchten über die Wirkung des in kritischen Augenblicken geschriebenen Wortes, dä war Bloch stets einer von denen, an die man sich vertrauensvoll wandte, um zu hören, welche Wirkung dieser oder jener Schritt ■in der Oeffentlichkeit ausüben würde. Bin guter väterlicher Freund und ein ebenso weiser als erprobter Führer in manch gemeinsamer Arbeit ist irr dem Dahingeschiedenen auch dem Schreiber dieses Nachrufes gestorben. Noch in der vorliegenden Nummer war wieder die puplizh stiscbe Behandlung einer wichtigen -aktuellen Angelegenheit aus seiner autoritativen Feder in Aussicht genommen und nun hat die allmächtige Vorsehung es gewallt, daß an der gleichen Stelle, wo der teilweise schon — auf dem Krankenbett! — itn Angriff geoomimene Artikel erscheinen sollte,, dem schweren Abschied von dem Verehrten Raum gegeben wird. Dr. Joseph S. B l o c h hat zu denen gehört, die dais Judentum durch das heben, was säe sind, und als solchen betrauert ihn auch nebst vielen Tausenden unser Blatt. Das jüdische Hilfswerk, Ein organisatorischer Neubau für soziale Fürsorge Her Agudas Jisroel. Von Martin Rathsprecher. In einem Zeitalter, das wie das unsrige von wirtschaftlichen Krisen in einer Weise heimgesucht wird, wie sie nichtsehr oft in der Geschichte zu finden sind, im dem jedwede materielle Sicherheit schon am anderen Tage durch irgend einen Umstand zunichte werden kann, in dem der Kampf um die Existenz des Individuums in einer noch nie dagewesenen Weise vor sich geht, in einer, solchen Zeit ist soziale Fürsorge mehr als eine Notwendigkeit. Es ist daher ganz natürlich, wenn sämtliche Organisationen, seien sie staatlicher oder privater Natur, die über ein Menschenreservoir verfügen* das ständig durch neuen Zustrom wächst, es sich angelegen sein lassen müssen, entwurzelten Existenzen durch irgend eine Möglichkeit den Lebenskampf leichter zu gestalten. Man kann aber getrost behaupten, daß in der großzügigen Art, wie es die Weltorganisation der Agudas Jisroel durch ihre von der Kenessio Gedauilöh angenommene Resolution versucht, dem Massenelend noch nie so hart an den Ueib gerückt wurde! Der erste Weltkongreß der orthodoxen Judenschaft faßte nämlich den Beschluß, ein interterritoriales jüdisches Hilfswerk ins Leben zu rufen, für alle Juden ohne Unterschied ihrer Staatszugehörigkeit. Ist auch dieser Beschluß an und für sich plausibel, so liegt doch seine Ursache darin, daß infolge der Erstarkung der Gesamtorganisation auch' die soziale Fürsorge, die bisher von den einzelnen Ländern in ihrem eigenen Wirkungskreise und, nach Maßgabe ihrer Bedürfnisse geleitet wurde, - einer Zentralisierung bedurfte, um auch demgemäß Höheres leisten zu können. Mag man noch so sehr für eine Dezentralisierung der Verwaltung sein, wenn die einzelnen Glieder der gesamten Organisation sich durch die Verschiedenheit ihrer geographischen Lage und vielleicht auch sogar durch die Verschiedenheit des Milieus unterscheiden, so muß doch allem Streite zurm Trotz die verwaltungstechnische Zentralisation in dem Augenblicke in ihre