Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 20 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20 DIE WAHRHEIT Seite 5 Bamberg 1872; „Studien zur Geschichte der Sammlung der althebräischen Literatur", Leipzig 1875; „Dfe Juden in Spanien", Leipzig 1876; „Hellerastische Bestandteile im biblischen Schrifttum", Wien 1880; „Quellen und Parallelen zu Lessings Nathan", Wien 1880; „Jean Bodin, ein Vorläufer Lessings", Wien 1882, und „Gegen die Antisemiten", Wien 1882. Mit dieser Abwehrschrift war Bloch in eine Fehidie eingetreten, die sich bis dahin nur auf literarischem Boden bewegt hatte, in den Kampf zwischen den Juden und ihren Gegnern um die Frage, ob die Ritualmordanklage im jüdischen Schrifttum ihre Begründung finde. Die bisherige Methode der Abwehr erwies sich aber den Ansturm des Antisemitismus gegenüber als völlig unwirksam. Nur ein Mittel konnte, zum Ziele führen und Blochs Verdienst ist es, diesen Schachzug zum ersten Male versucht und glänzend durchgeführt zu haben. Gegen den Hauptwortführer der Judenfeinde, Rohling. Professor an der Prager theologischen Fakultät, erhob er in einigen Zeitungsartikeln die Anklage des M e i neid'es. An den Vorsitzenden des Gerichtshofes in T i s z a - E s z 1 a. r, hatte nämlich Rohling ein Schreiben des Inhaltes gerichtet, daß er bereit sei, zu beschwören, daß die Ermordung christlicher Kinder, um ihr Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden, im jüdischen Schrifttum als religiöses Gebot enthalten sei. Und dlieser Kronzeuge der Ritualmordbeschuldigung wurde in der Oeffentlichkeit von Bl o c h nicht allein als in diesen Dingen vollkommen unwissend1 bezeichnet, sondfern geradezu des bewußten, böswilligen Meineides beschuldigt. Rohling, der nicht ausweichen konnte, mußte klagen. Das Wiener Schwurgericht, vor dem der Prozeß ausünsere Wissenschaft? Reißt aber einmal die Kette, verlassen die Studenten die Seminare, um irgendwo, im Erwerbsleben einen Unterschlupf zu finden, dann ist es schwer, den Faden wieder da anzuknüpfen, wo er gerissen ist. Aber wir hoffen zuversichtlich, daß es nicht so kommen wird. Optimismus war immer Sache des Juden in seiner dornenreichen "Geschichte. Immer wieder bewährte er die ewige lugend seines Stammes. Wir deutschen Juden wissen, daß wir einem sehr, sehr harten Winter entgegengehen, daß es ein Winter sein wird, schlimmer als die anderen seit Beginn der großen Weltkatastrophe. Man wird gezwungen sein, sein Heim immer mehr als den Mittelpunkt seines Lebens zu betrachten; Konzerte und Vorträge werden nicht stattfinden können, wer sollte die Kosten für Heizung und Beleuchtung tragen? In dem Heim aber, in dem wohl nur noch ein Zimmer geheizt werden kann, da soll jüdischer Geist leben. Vielleicht ist dies Wiederaufleben des Familiensinnes ein Glück für unsere Gemeinschaft. Vielleicht hatten wir schon zu viel Zivilisation und zu wenig Kultur! Haben unsere Väter nicht unter schlimmerem Druck die ewigen Werte unserer Gemeinschaft hochgehalten? Wir haben trotz alledem das Zutrauen zum deutschen Volke, daß es sich nicht von gewissenlosen Hetzern zum Pogrom gegen die Juden wird fortreißen lassen. Die Mark steigt nicht, wenn man jüdische Geschäfte plündert. Die Arbeiterschaft gefochten werden sollte, wurde vom Ankläger unter allerlei Einwänden und1 Ausflüchten von Termin zu Termin hingehalten. Endlich war für die Verhandlungen als unwiderruflich der 28. November 1885 festgesetzt worden. Rohling zog seine Anklage zurück und wurde zur Tragung der sahr bedeutenden Prozeßkosten verpflichtet. Das war gewiß für ihn ein klägliches Fiasko, für Bloch aber und damit für das ganze Judentum ein Sieg, nicht etwa nur von temporärer Bedeutung. Die von Bloch herausgegebenen „Akten und Gutachten im Prozesse Rohliog—Bloch" lieferten vielmehr die wertvollsten Bausteine zu einer Apologetik des Judentums. Eine Fundgrube hierfür bietet auch die im Jahrj 1883 von ihm ins Leben gerufene „O e s t e rreichische Wochensch rif t", die er bis zum Jahre 1920 leitete und bis in die letzten Jahre, unter großer Mühe und Aufwand von persönlichen Opfern, selber redigierte. Einen womöglich noch höheren geistigen Genuß bietet die Lektüre seiner Parlamentsreden. Dreimal 1884, 1885 und 1891, wurde B 1 o c h ins österreichische Parlament gewählt. Was er dort als gefürchteter Gegenpart der Judenfeinde durch sein unerschrockenes Auftreten mit dem ganzen, stets scharf geschliffenen Rüstzeug souveräner Beherrschung des jüdischen Schrifttums wie der jüdischen Geschichte geleistet, wie er, o h n e einen Ordnungsruf zu bekommen, den Gegner zu Leibe ging, das wird ihm niemand vergessen, der seine leuchtenden Taten anders als mit den Augen kleinlichsten Neides betrachtet. Rabbi Bloch erhob sich auch in dieser Zeit, wie ein Jahrzehnt vorher gegen einen Rohling, gegen das Konsortium Deck er t, Mayer und den Herausgebar des „Vaterlands", die Rohlings geistiges Erbe angeweiß dies und sie ist für solche Dinge nicht zu haben, aber Gesindel, das für Geld käuflich ist, gibt es genug. Diese Gefahren aber scheinen oft größer, als sie es in Wirklichkeit sind. Unsere Feiertage, die Einkehr in uns selbst, haben uns die Kraft gegeben, auch diesem schweren Winter mit Gottvertrauen entgegenzusehen., -:• . * * Zur Illustrierung der traurigen wirtschaftlichen Lage, in der sich die jüdischen Kultusangestellten des Deutschen Reiches befinden, sei hier auszugsweise das Schreiben eines Kantors und Lehrers der jüdischen Gemeinde Berlin abgedruckt, das wir dieser Tage erhielten: „Die jüdische Gemeinde zu Berlin ist in einer solchen Notlage, daß ich nicht einmal so viel erhalte, um Essen und Trinken selbst in notdürftiger Form davon bestreiten zu können ... Den Unterricht an den Schulen muß ich unentgeltlich geben und noch dazu das teure Fahrgeld bezahlen, die Hochzeiten bekomme ich überhaupt nicht bezahlt, weder von der Gemeinde noch vom Publikum. Mit Beerdigungen habe ich als Lehrerkantor nichts, zu tun, so daß ich bei geringem Haupteinkommen so gut wie gar keine Nebeneinnahmen habe. Dafür habe ich Gymnasium, Lehrerseminar und Musikhochschule absolviert. Meine niedrige (8.) Gehaltsstufe erhalte ich entweder nur zum Teil oder zu spät, wenn das Geld schon linterwertet ist . . A. J.