Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 20 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 20 JlhTj^^ Von Oskar Hirschfeld. Der langjährige Apologet des Judentums, bis vor kurzem noch ein Stattlöfoer, aufrechter, seine 73 Jahre leicht tragender Mann, ist Montag, den 1. d. M., im Parksanatoriiuni einem schnell aufgetretenen und rapid verlaufenen Herzleiden erlegen. In ihm hat das österreichische Judentum ein Mitglied von außergewöhnlichen Eigenschaften verloren, das durch seine Persönlichkeit und die Art seiner politischen und publizistischen Betätigung unserem Volke in jeder Hinisiicht zur Ehre gereichte. Einer von den wenigen, die über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus bekannt sind, hat er, der infolge seiner Erfahrungen, des Vertrauens und der Verbindungen1, die ihm in langer Laufbahn erwachsen waren, auch zu den seltenen Menschen gehört, die über die Wirkung teer Feder hinaus in der Stille der Gelehrtenstuibe, in der er am Ende seiner Tage 'das von uns vor kurzem gewürdigte groß •angelegte Werk „Israel und die Völker nach jüdischer Lehre" und seine Memoiren — beide Werke sind ins Englische übersetzt worden — schrieb, großen und bedeutenden Einfluß ausüben. Seine Heimat war Galizien. Sein Vater, ein biederer Bäcker, in dem Beskidenstädtdhien Dukla, das im Weltkriege eine besondere Bedeutung erlangen sollte, starb früh. Schon der Dreizehnjährige ist als „Illuj" angestaunt worden und produzierte sich in allen talrciudöschen Kunststücken. Eine Talmudgröße wie Josef Saul N a t h a n s o n zitiert seinen Vorzugsschüler, den fünfzehnjährigen Bloch, in seinen Gutachten. Ein Chaim Cohen R a p p ap o r t richtet an ihn Rechtsbescheide, an den „Isch (= Josef Schmuel) Bloch", wie er ihn apostrophiert. Richtunggebende Eindrücke empfing er im der Rabbinerschule Israel Hildesheimers i'n Eisenstadt. Bettgferrrn1, auf Seihritt und Tritt durch seine östliche Aussprache behindert, setzte sich Bloch als Jünigflirug iln Magdeburg und Liegnitz neben Knaben auf die Gymnasialbank. In München, wo er oft mangels eines Obdachs unter freiem Himmel nächtigen mußte, nachdem er tagsüber als „Kopfarbeiter" — als Ziegelträger — sich Geld hatte verdienen müssen, besuchte er dlie Universität, begann er auch seine wissenschaftlich-literarische Tätigkeit. An der Universität in Zürich errang er den philosophischen Doktorgrad Nun begann seine Lauf- oder für ihn besser: seine Leiidensb&hn alis Rabbiner. Rendsburg (Holstein), Kobylin (Posen), Brüx und F1 o r i d sdorf, das damals noch eine eigene Judengemeinde bildete, waren die Stationen. Als Familienvater teilte er seine Zeit gewissenhaft zwischen Amt, reger wissenschaftlicher ArDeit und häuslichen Pflichten, die ihn sogar als Trocken'amirne bei der jüngeren Tochter mitunter Tag und Nacht in Anspruch nahmen. Ein ergötzliches Idyll bildete im Flonidsdörfe'r Rabbinatsgärtehen Bloch, lustwandelnd im Schlafrock, in der einen Hand ein Predigtmanuskript, mit der anderen den Kinderwagen schiebend. Er gab seinen Kindern auch1 später ohne jedes Training dien unermüdlichsten Begleiter auf den gewagtesten Bergtouren ab.. Das Wort „Unmöglich" hat niie in sföinieitn! Lexikon gestanden. Bis in diese Zeit waren außer Aufsätzen in Wochenschriften als selbständige Arbeiten von ihm erschienen: „Ursprung unid Entstehung des Buches Kohelet", Feuilleton Brief aus Deutschland. Von Dr. Willy Cohn. Wenn dieser Brief zum Abdruck gefangt, dann liegt die Reihe der Feste hinter uns, und der Alltag, der seine Schönheiten hat, wenn man seine Tätigkeit liebt, hat wieder sein Recht. Der deutsche Jude kann in diesen Zeitläuften nur schwer die Ruhe finden, die er für seine Arbeit braucht. Die völlige Unsicherheit der Verhältnisse reißt an den Nerven der meisten und man muß es immer wieder erleben, daß auch geistig hochstehende Menschen über nichts anderes reden als über die Sorgen der Gegenwart, über die Gestaltung der Preise. Aber wir wollen an dieser Stelle nicht von den allgemeinen Zuständen Deutschlands sprechen, die ja aus der Tagespresse sattsam bekannt sind, sondern die Dinge vom jüdischen Gesichtspunkt aus betrachten. Der deutsche Jude hat in den letzten Jahren viel Schweres erdulden müssen; nicht die allgemeine Not, die er mit den anderen teilen mußte, war es, sondern der Haß, der sich bei jeder Gelegenheit gegen ihn entlud. Aber trotz alledem ist sein Gefühl für das Land, in dem er lebt, nicht erloschen. Er trägt das Leid als sein eigenes, und ob der deut sche Jude Zionist ist oder Naumannianer, er wird es mit bitterem Schmerze fühlen, wie man seinem Vaterland von außenher Unrecht tut, wie man ein im Grunde arbeitsames und fleißiges Volk zur Verzweiflung treibt. So findet ihn die allgemeine Not auf dem Platze, wo es zu helien heißt. Wohl weiß er, daß man ihm die aus seinem jüdischen Herzen kommende Hilfe nicht als gute Tat anrechnen, vielmehr nur sagen wird, daß der Jude als besonders begüteter Mensch nur Wohltaten ausübt, um sich damit zu brüsten, während es ihm doch Bedürfnis ist. Dabei stehen die eigenen jüdischen Anstalten fast vor dem Zusammenbruch! Wie sollen die jüdischen Krankenhäuser, denen die Banknotenpresse ja nicht zur Verfügung steht, wie mittelbar den städtischen und staatlichen Anstalten, für die Heizung der Operationssäle, der Krankenzimmer sorgen, wenn die Kohle über 30 Millionen Mark für 50 kg kostet? Die Beiträge schmelzen zusammen, die Zahl der Kranken, die voll bezahlen können, geht zurück, soll nun das zugrunde gehen, was unsere Väter einst aufgebaut haben? Sollen unsere Rabbinerseminare, aus denen so viele Männer, die den Geist des Judentums verkündigt haben, hervorgegangen sind, ihre Pforten schließen müssen? Nun muß es sich zeigen; ob das Wort, ganz Israel muß für einander Bürge sein, seine Geltung hat! Gerade die geistigen Werte des deutschen Judentums sind der - Gesamtheit unentbehrlich. Waren wir Juden nicht mit Recht immer stolz auf