Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 18-19 (10.9.1923)
- Date
- 1923-09-10
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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Nr. 18/19 DIE WAHRHEIT Seite 29 sei gewidmet. Loki zeichnet der Schweinigel, der solchen Stoßseufzer von sich gegeben hat. Die Ruhrlegende. In den „Eisernen Blättern" Nr. 8 erzählt Dr. T r a u b, der mit Recht bei Freund und1 Feind Vertrauen genießt, von unterwegs: Auch auf der Bahn konnte man manches Gespräch über „Ruhrkinder" belauschen. Man machte es ihnen wirklich gut und empfing sie gern und mit Freuden. Wenn aber Arbeiterkinder eine Menge Schokolade mitbrachten oder Unterwäsche mit den besten Spitzchen trugen, besannen sich doch manche und fragten sich, ob denn das nun wirklich die notleidenden Kinder seien, öder ob man die aus dem wirklich leidenden Mittelstand vielleicht vergessen haittö. Auch über eine Vergnügungsreise eines Lehrers wurde hart geklagt, der zur Beaufsichtigung der Kinder nach Ostpreußen gefahren war. Aehnliche Beobachtungen hörte ich später von Turnern, die mich aus dem besetzten Gebiet selbst hier in München besuchten, oder auch aus Württemberg, wo die Schwaben stutzten, als Ruhrkinder die trockenen Brotschnitten nicht annahmen, weil „keine Butter drauf sei"; sie wußten nicht, daß man in Württemberg immer noch gern sein trockenes Brot ißt und dazu seinen „Most" trinkt. Auch die ausgedehnten Besuchsreisen der Eltern aus dem Ruhrgebiet erregten manches Kopfschütteln, weil sie sich nicht entschließen wollten, mitzuarbeiten. — Wir verzeichnen die Aeußerungen de>s Herrn Dr. Traub gewiß nicht aus Scheelsucht, wohl aber zur Folgerung, wie es mit der Ruhrlegende auch in anderen Punkten beschaffen sein mag. An den Zuständen der Ruhrkinider gemessen, dürfte die Legende kaum in allen Stücken die Feuerprobe der Wahrheit aushalten. Aber als deutschvölkisches und deutschnationales Wühl- und Zündmaterial mag sie gute Dienste leisten. Sie möchten gerne in die Laube gehen. Seit einiger Zeit bemerkt man auffallend© Packereien zwischen Deutschvölkischen und Nationaldeutschen einerseits und deutschen Kommunisten anderseits. Diese und jene hospitieren als Redner gegenseitig in Viersammlungen, Denützen auch ihre Parteiorgane zu Versitändigungsversuchen, so daß es den Anschein gewitant, als wollte die geträumte Einheitsfront zur Niedertramplung des inneren Feindes (speziell Juden) entstehen. Herold und Fahnenschwenker dieses dalkischen ^ögimtents ist der Reichswart Reventlow, der seine Ideen dahin entwickelt, daß selbst ein Zusammengehen aller wahren Deutschen des Reiches mit Sowjet-Rußland zu begrüßen wäre, wenn ... ja es gibt da sogar zwei inhaltsschwere Wenn. Erstens müßten sich die Russen ihrer jüdischen Führer entschlagen und dann Bürgschaften ihrer Verläßlichkeit geben. Reventlow geht den Sowjets freimütig um den Bart, stoßt sie aber gleich darauf mißtrauisch zurück, bekennt zwar, daß ein 150 Millionenvolk keine quantite negligeable sei, aber daß es Garantien der Sicherheit im Gebrauch gegen den französischen Erbfeind geben müsse. Denn auf nichts weniger als -ein Bündnis zwischen den Sowjets und Deutschland wäre es abgesehen. Das Mittel heiligt den Zweck und die Arbeit rechtfertigt das Werkzeug. Es ist kein Platz noch Anlaß, auf alle Gedankengänge des Grafen Reventlow einzugehen. Außerdem handelt es sich um eine Sache, die, weil theoretisch behandelt, noch im fernen Hintergrund steht. Näher läge die Möglichkeit der Gemeinbürgschaft der Völkischen mit den Kommunisten und da muß man bekennen, daß Graf Reventlow sich die erdenklichste Mühe gibt, den Kuppelpelz zu verdienen. Die Rechnung ginge zwar nicht glatt auf. Denn die Kommunisten als Marxisten strengster Observanz bekämpfen das Kapital in jeder Form und auf jede Weise. Dei natürliche oder unbefohlene Haß der Völkischen aber gilt den Roten jeglicher Couleur. Es ist schlankweg eine Verlogenheit zu behaupten, Kommunisten und Völkische könnten gut ein Stück Weg mitsammen gehen, weil sie männiglich Deutsche sind. Es gibt deren, die sich dafür zahlen lassen, daß sie es sind. Es sollen keine Namen genannt werden. Nie und nimmer aber werden Junker und Schwerindustrielle dafür zahlen, daß ihnen ein kornrnunistischer Pfah! ins Fleisch gesetzt werde. Sie hoffen auch nicht, daß es einem gräflichen oder sonstigen Ueberredner gelingen werde, den Widerpart hineinzulegen. Der Reichswart bekennt auch, daß er bereits eine Menge der unangenehmsten mißbilligenden Briefe ob seines kühnen Liebeswerbens erhalten habe. Was wäre dabei verloren? Den guten Ruf allerdings werden wir verlieren, tröstet er sich. Eine merkwürdige Sprache für einen hochgeborenen Grafen. Er lockt jedenfalls unentwegt hinüber. Aber es wird schwerlich ein frohes Begegnen in der Laube geben, weil Eines dem Andern nicht über den Weg traut. Adolf Hitler. Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" geben eine scharf umrissene Federzeichnung von dem Diktator der bayrischen Nationalsozialisten, der in Braunau (Oberösterreich) 1889 geboren, in Wien und München die Dekorationsmalerei erlernte. Nach Ausbruch des Krieges trat er als Freiwilliger in ein Münchner Infanterieregiment. Im Spätherbst 1919 trat er aus der Reichswehr aus, gründete die nationalsozialistische Partei und verstand es, sich bald an ihre Spitze zu drängen. Weiter heißt es: „Hittler ist unverheiratet, einen bürgerlichen Beruf übt er nicht aus, seine Tätigkeit ist ausschließlich der Organisation seiner Partei und der Agitation gewidmet. Die Nationalsozialisten konnten ja bisher über Mittel verfügen, wie sie allen anderen Parteien zusammen weht xm entferntesten zu Gebote steilen. S) kann man sich auch den Luxus eigener Autos leisten. Mittelgroß, ist Hitler keine imponierende, aber auch keine unsympathische Erscheinung, er darf als ein hübscher, blonder junger Mann gelten. Allmählig ist er recht elegant geworden, über seinem Wesen liegt eine gewisse Lässigkeit, etwas Geheimnisvolles umgibt ihn, er weiß sich selten zu machen. Unstreitig besitzt er eine faszinierende, suggestive Rednergabe. Seine Garden feiern ihn, wie kaum ein Wittelsbacher gefeiert wurde. . Aber auch andere Kreise feiern ihn und er selbst versteht es, Feste zai. feiern. Am 20. April d. J. fand sein 34. Wiegenfest im Zirkus auf dem Marsfeld st* ff und bei dieser Gelegenheit übergab der Leiter der Versammlung Esser dem Geburtstagskinde eine Ehrenspende, die 11,257.000 Mark aus dem Inland und 7341 tschechische Kronen beträgt. Ja, nicht nur Wohltun, sondern auch der Radauantisemitismn^