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Die Wahrheit · 1923-09-10 · Heft 18-19 (10.9.1923) · page 28

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 18-19 (10.9.1923)
Date
1923-09-10
Page
– (sequence 28)
Language
German
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Seite 28 DIE WAHRHEIT Nr, 18/19 Es wird sodann mit Zitaten aus dem Alten Testament zur Rückkehr in den Schoß der Kirche aufgefordert, zugleich aber behauptet: „Die mosaische Religion hat nur Wert als Vorbereitung auf Christus." Hier verwickelt sich der Verfasser in einen Widerspruch. Gegen die protestantische Lehre wendet er nämlich ein: „Derselbe Gott soll bis in das 16. Jahrhundert hinein die Welt im Irrtum gelassen haben?" Nun fragen wir: „Derselbe Gott, der die Thora gegeben hat, sollte sich eines Besseren besonnen und erst durch Christus seine wahre Lehre verkündet haben?" Wobei wir hichtt von 'einer „Aenderung des Testamentes" reden wollen, was ja bei einem Gotte, dier nichtstirbt, leicht als eine Blasphemie gedeutet werden könnte. Auch den Einwand, weshalb die Menschjhelt bis zum Sinai ohne Gottesoffenbarung geblieben sei, brauchen wir nicht zu erwägen, da ja nach jüdischer Auffassung Gott bereits Adam seinen Willen kundgetan und durch die Grundgebote, die er den Söhnen Noahs verkündete, den Begriff des — vor Gdtt zurErlangung der Seligkeit vollwertigen — Menschentums geschaffen hat. Aber weniger auf den theologischen Inhalt dieser Rückbekehrungsschrift kommt es hier an, als auf die oben zitierten Beispiele, die uns im Interesse des bürgerlichen Friedens nicht besonders glücklich gewählt scheinen und bei der approbierenden Kirchenbehörde doch hätten Bedenken erwecken sollen. Im übrigen siteht das Judentum wie von altersher noch heulte auf dem Standpunkt, der Proselytenmacherei entschieden ablehnt. Leider ist es nicht richtig, daß „selten ein Christ Jude wird". Der das geschrieben halt, braucht nur die Trauungsmatriken der Kultusgemeinde einzusehen und er wird seine Behauptung gründlich korrigieren müssen. Jeder bleibe bei seinem Glauben, Christ wie Jude! Nur eines wäre nochmals zu erwägen, ob nicht auch wir Juden angesichts solchen Eifers unseren Fahnenflüchtigen ein paar beherzigenswerte Worte in Begleitung eines entsprechenden Briefes zustellen sollten? Und wenn es nur einmal unter hundert nüftzt! Lernen kann und soll man von jedermann! Es fährt sich so gemütlich .... In einer der letzten Nächlte wurde die Umgebung des großen Leopoldstädter Tempels alarmiert. Ein Wacheaufgebot suchte den Tempel nach Einbrechern ab, da ein Wachmann ihn geöffnet gefunden hatte. Nachdem man Anzeichen für Einbruchsversuche schon früh er am Tempel wahrgenommen hatte, lag der Verdacht nahe. Er erwies sich diesmal als unbegründet. Man hatte nur vergessen, Haus¬ und Tempeltor zu schließen. Offenbar wartet man mit der Anstellung eines richtig gehenden Portiers, bis in den mit unendlichen Opfern wiederhergestellten Tempel wirklich eingebrochen wird. Vorläufig gilt das Liedchen: „Es fährt sich so gemütlich auf der Pferdebahn, das eine Pferd, das zieht nicht, das andeer, das ist lahim" Aber jetzt, wo selbst die Stadtbahn elektrifiziert wird, sollte auch dieser, vom bockenden Amtsschimmel gezogene Schlendrian ein unrühmliches Ende nehmen. Das Land ohne Antisemitismus. So wurde auf dem Wiener jüdischen Frauenkongreß Italien genannt und es dürfte damit auch seine Richtigkeit haben. Denn als der Großordnungmacher Mussolini dort eine Kommission zur gründlichen Bekämpfung des Antisemitismus einsdtzen wollte, erklärten ihm die jüdischen Gemdndekörperschaften des Landes, daß derlei Mühe umsonst wäre und die Kommission nichts zu bekämpfen hätte. Da Ausnahmen nur die Regel .bestätigen, sei als weißer Rabe ein Don Giovanni Preiziosi genannt. Dieser Herausgeber eines Antisemittenblät'tleins „La via italiana", welcher sich durch antisemitische Hetzkampagnen, besonders aber durch Uebersetzung und Verbreitung der „Weisen von Zion" bemerkbar gemacht hat. wurde wegen V erleumdung zu einem Jahr Kerker verurteilt. Auf Grund einer genauen Prüfung der inkrimierten Schriften hat der Gerichtshof unter anderem erklärt: „Diese Zusammenstellung phantastischer Auffassungen, diese radikale Umkehning der Tatsachen, die mit Zugaben und einer gewollt falschen und feindlichen Version ausgeschmückt werden, ist nicht das Werk einer leidenschaftslosen Beurteilung, nicht der Ausdruck gerechter Entrüstung über die Verletzung sozialer Interessen; es ist ein willkürlicher Angriff auf fremdes moralisches Eigentum1, mit der ausgesuchtesten verleumderischen Absicht." — Was sagen die deutschen Faszisten zu dem Regierungskurs ihres Vollbilds, Herrn und Meisters. Michelei. Unzurechnungsfähigkeit ist ein Strafausschließungsgrund vor dem weltlichen Richter in Zivilaiigelegenheiten oder Strafsachen, nachweisbare Verstandesschwäche gilt als mildernder Umstand bei der Urteilsfällung. Von diesem Gesichtspunkte aus haben die meisten völkischen Parteiblätter Anspruch auf schonende: Behandlung. Beim „Michel", um dessen Bodenständigkeit sich vier Städte streiten könnten — wenn es sich der Mühe lohnte — wird das Erkenntnis zwischen leidenschaftlichem Rauschzustand und pathologischer Dummheit den goldenen Mittelweg einhalten müssen. Wenn man dies versteht, wird man auch die neuesten Micheleien der „Ernting'^Ausgabe verzeihen, die noch, um ein Erkleckliches abgeschmackter als die Reichspostausfälle sind. „Michel" hat sich mit dem Grimm eines rassenechten Boxeis in den Gedanken verbissen, daß der alte französische Jude Cremieux mit der Gründung der „Alliance Israelite Universelle" ihr jenes Programm auf den Weg mitgegeben, das aus dem gefälschten Aufruf bekanntgemacht wurde: Weltherrschaft der Juldenkraft, ihres allumspannendjen Kapitals. Sogar die Reichspost, die vor kurzem den alten Stumpfsinn für ihre ebenso stumpfsinnigen Leser brachte, hatte in einer Anwandlung von journalistischer Anständigkeit auf Grund zwingender Beweisführung sich zu einem Widerruf bequeirtt. Michel aber hält trotzdem nach wie vor seine Albernheit hoch und fest. Er betrachtet es als seine Pflicht, die Kniffe der jüdischen Falschspieler in der Geschichte für alle Welt aufzudecken. Für diese Art der Michelei haben wir nur das einzige Wort der Kritik: Nebbich! Fein! „Der deutsche Volksbote", der Schlafgenosse des von uns richtig gekennzeichneten „Michel" bekam über das Begrüßungsschreiben des Bundeskanzlers Dr. Seipel an die Kenessio Gedaulo den Dummkoller und spie: „Wenn Seipel dem Vorsitzenden Oberrabbiner Pinchas Kohn hinten hineingekrochen wäre, wir hätten gerne e i n e n S t ö p-

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