Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1923-09-10 · Heft 18-19 (10.9.1923) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 18-19 (10.9.1923)
Date
1923-09-10
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064121-3064139--12358-3079805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18/19 DIE WAHRHEIT leerer Raum, der in irgendeiner Weise ausgefüllt werden muß. Verhandlungen hierüber finden statt, sind aber zur Stunde, wo diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht zum Abschlüsse gelangt. Gewiß ist in diesem Augenblicke nur das eine, daß die jüdischen Wahlstimmen nur dann zur Erringung eines freiheitlichen Mandates führen können, wenn volle Einigung der bis jetzt anseLnanderstrebendeii Richtungen und Strömungen in dieser Wählerschaft zustande gebracht werden kann. Alle inneren Gegensätze müßten zurückgestellt werden, um eine Vertretung der staatsbürgerlichen Interessen der Juden in Nationalrat und Gemeinderat zu ermöglichen. Siegfried Fleischer. Mitteilungen aus dem Zentralvorstand. Die Mitgliedsbeiträge pro 1923. Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat an jene Mitglieder, die für das Jahr 1923 einen Mitgliedsbeitrag von K 2000 entrichtet haben, folgendes Rundschreiben gerichtet: „Sehr geehrter Herr! Die am 16. Mai d. J. abgehaltene III. ordentliche Delegiertenversammlung hat beschlossen, es jedem Mi tgl red.e zu überlassen, den Mitgliedsbeitrag nach seiner Selbsteinschätzung, jedoch nicht unter dem Betrage von K 10.000 zu bestimmen. Die Delegiertenversammlung hat ausgesprochen, daß die „Union deutschösterreichischer Juden" ihre wichtigen, für die öffentlich-rechtliche Stellung der österreichischen Juden unerläßlichen und in letzter Zeit mächtig gesteigerten Aufgaben nur dann mit Erfolg durchführen könne, wenn ihr für diese Tätigkeit genügende Mittel zur Verfügung stehen, da sonst die Sorge wegen eines erheblichen Defizits in der Jahresgebarung ihre Tätigkeit lähmen müßte. Wir beehren uns demnach, Sie zu bitten, den von Ihnen bereits geleisteten Jahresbeitrag pro 1923 mit den oben erwähnten Beschlüssen in Uebereinstimmung bringen und mittels des beiliegenden Posterlagscheines eine Nachzahlung von K 8000 leisten zu wollen. Sollte die pro 1923 geleistete Zahlung den Betrag von K 10.000 ei reicht oder überschritten haben, so bleibt es Ihrem freien Ermessen überlassen, ob Sie uns noch eine weitere Beihilfe gewähren wollen. Wir rechnen mit Bestimmtheit darauf, daß Sic in Würdigung der schwierigen Verhältnisse und der Notwendigkeit, gerade im jetzigen Augenblick in dem zähen Kampf um unsere* Gleichberechtigung nicht zu erlahmen, der „Union deutschösterreichischer Juden" treu bleiben und in bewährtem Gemeinsinn dem Beschlüsse der Delegiertenversammlung entsprechen werden." Der Judenhaß wächst! Nur fester Zusammenschluß und Opferwilligkeit zu gemeimisaimer Abwehr können dagegen helfen! Tretet der „Union deutsch-österreichischer Juden", Eurer bewährten Schutzorganisation, bei! Stärket unseren Preßfonds! Abonniert unsör Organ „Die Wahrheit"! Tue Jeder seine Pflicht! ■Ii Wahrheiten vom Tage g „Komm heim!" Von einer Proselytin geht uns folgender Brief zu, den nach ihrem Austritt aus der Kirche der zuständige Pfarrer an sie gerichtet hat: „Dem gefertigten Pfarramte ist behufs Anmerkung m Ihrem Taufbuche die amtliche Mitteilung zugekommen, daß Sie aus Ihrer angestammten katholischen Religion ausgetreten sind. Sollten es religiöse Bedenken gewesen sein, die Sie zu diesem Austritt geführt haben, dann beklage ich es auf das Schmerzlichste, daß Sie den folgeschweren Schritt getan haben, ohne in einer vorherigen Rücksprache bei Ihrem Pfarrer Aufklärung gesucht zu haben, da solche Bedenken fast immer auf Mißverständnissen beruhen und sich bei gultem Willen in den meisten Fällen mit wenigen Worten der Aufklärung beheben lassen. Sollten Sie aber infolge der derzeit gegen die katholische Kirche betriebenen politischen Verhetzung ausgetreten sein, dann gebe ich mich erst recht der Hoffnung hin, daß Sie bei etwas, ruhigei Ueberlegung alsbald von selber zur Ueberzeugung kommen werden, daß Sie sich bloß voreilig zu einem wenig überlegten Schritt haben verleiten lassen. In beiden Fällen bitte ich, es mir nicht übel zu nehmen, wenn ich hiermit meiner seelsorgerischen Pflicht nachkomme und mir erlaube, Sie zu versichern, daß ich Ihnen jederzeit und auf jede mögliche Weise zui Verfügung stehe, um die Angelegenheit wieder zu ordnen, daß Ihnen aus ihr nicht eine schwere Verantwortung für sich und die Ihrigen erwachse. Gott und die himmlische Mutter sei mit Ihnen!" Gegen diesen Brief ist nichts einzuwenden. Es ist nicht nur das gute Recht des Pfarrers, sondern sogar seine seelsorgerische Pflicht, den Abtrünnigen noch einmal die Bedeutung ihres Schrittes zu Gemüte zu führen. Auch die Rabbiner unserer Kultusgerneimde haben bereits vor Jahren mi)t der Versendung solcher Zuschriften an Apostaten begonnen, und e^ ist zu wünschen, d!aß diese Tätigkeit mit allem Nachdruck fortgesetzt werde. Dem Briefe des Pfarrers liegt aber das Flugblatt „Komm heim!" bei, mit dem wir uns hier beschäftigen müssen, zumal es „mit kirchlicher Druckbewilligung" erschienen ist. Es wird darin zunächst als warnendes Beispiel eine Frau vorgeführt, die „einem Juden zu Liebe ihren Glauben verlassen hat". „Als die Frau kränkelte, verließ' sie ihr Gatte1!" Also — heirate keinen Juden! Fürchte seine Herzensrohheit! Weshalb man gerade den Juden, dem das Verlassen der erkrankten Ehefrau durch das Religionsgesetz (Mischna Jebamot XIV, 1) ausdrücklich verboten wird, an die Spitze stellt, ist umso weniger zu verstehen, als es bald darauf heißt: „Es kommt sehr selten vor, daß ein Christ Jude wird." An zweiter Stelle wird eine gotteslästerliche Rede des „bekannten Volksretdners Sch." in Stockerau erwähnt. „Zwei Stunden später aber lag der stolze Frevler tot im Nordwestbahnhof." Was und wer diesen Tod herbeigeführt hat, wissen alle, denen das tragische Ende, die Ermordung Schuhmeiers in frischem Gedächtnis lebt. Hier lesen wir aber: „Der Herrgott hatte herangereicht und ihn gefunden." Soll das vielleicht eine indirekte Aufforderung an weitere Kunschaks sein, sich zum Werkzeuge des Herrgotts zu machen?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.