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Die Wahrheit · 1923-09-10 · Heft 18-19 (10.9.1923) · page 26

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 18-19 (10.9.1923)
Date
1923-09-10
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Seite 26 DIE WAHRHEIT Nr.. »8/19 Spannung und Beruhigung ihrer Nerven suchen, kann es nicht passen, wenn in dem gewählten Erholungsorte ihre Ruhe durch politische Treibereien und Demonstrationen gestört wird. Sie wollen den Frieden der Berge, nicht aber die lärmende Gehässigkeit, welche die kleinen Menschen um sie herum verursachen. So kommt es, daß nicht nui viele Juden, sondern auch ebenso viele Christen aus dem Auslande unseren Alpenländern fernbleiben. Hierzu kömmt noch ein für die Mentalität gewisser Wohnungsvermieter sehr bezeichnender und höchst betrüblicher Umstand hinzu. In Plankenberg bei Graz und Gresten in Niederösiterreich ist es vorgekommen, daß die Wohnungsvermieter anstandslos jüdische Sommergäste bei sich aufnahmen und sich den Mieitzins im voraus entrichten ließen, daß aber dann mitten in der Midtzeit gewalttätige Aufzüge veranstaltet und die jüdischen Mieter gezwungen wurden, fluchtartig den Ort zu verlassen, so daß der im voraus entrichtete Mietzins verloren war. Solche Vorkommnisse würden, wenn sie sich in größerem Maßstab wiederholen sollten, auf Treu und Glauben der österreichischen Landbevölkerung ein sehr trauriges Licht werfen. Nicht alles, was auf diesem Gebiete gesündigt wird, gelangt zu unserer Kenntnis und wir sind überzeugt, daß wir hier nur einen kleinen Ausschnitt jenes Sündenregisters wiedergegeben haben, durch welches die antisemitische Agitation dem Fremdenverkehr in Oesterreich schweren Abbruch getan hat. Wir verweisen nur darauf, daß es vor allem österreichische Sektionen des „Deutschen und österreichischen Alpenvereines'* sind, welche sich seit Jahren unablässig: bemühen, in diesem Vereine, dessen unermüdliche Arbeit in Weg- und Hüttenbauten die höchsten Gipfel unserer Berge zugänglich gemacht hat, den Arierparagraphen durchzusetzen, das heißt, die jüdischen Mitglieder, die in hervorragendem^ Maße zu. dieser rühmlichen Tätigkeit des Alpenvereines beigetragen haben, aus demselben auszuschließen. Kein Ausländer wird es begreifen, daß in die erhabene Welt unserer Berge dieser Zank und Streit hineingetragen und der Mensch nicht nach seiner Kuitur und Tüchtigkeit, sondern nach seiner Abstammung und Konfession eingeschätzt wird. Die kleinen Gemeindegewaltigen, welche nur die .zumeist künstlich erregte Volksstimmung im Schatten ihrer Kirchtürme kennen, sind ja gar nicht imstande, die weittragenden Folgen ihres Kirchturmstandpunktes im Auslande abzuschätzen und sie wissen nicht, wie dort dem Fremdenstrome alle Tore weit geöffnet werden, ohne daß nur der geringste Unterschied nach Nationalität und Abstammung gemacht wird. Es besteht die größte Gefahr, daß dieser Fremdenstrom sich dauernd anderen Ländern zuwendet, wenn solchen politischen Verhetzungen nicht mit der größten Energie Einhalt getan wird. Wir unterbreiten diese Ausführungen Ihnen, Herr Bundesminister, in der Erwartung und mit der ergebenen Bitite, denselben bei der Vorbereitung und Durchführung der für die nächstjährige Fremdensaison ins Auge gefaßten Maßnahmen eingehend berücksichtigen und dieselben auch den übrigen mit dem Fremdenverkehr befaßten Zentralstellen zur Kenntnis bringen zu wollen. Die Hebung des Fremdenverkehrs ist eine für den Wiederaufbau unseres mit Naturschönheiten so reich gesegneten Vaterlandes überaus wichtige AngelegenheUt. Es heißt diesen Fremdenverkehr zurückstauen, wenn man den Besuch unserer Wälder und Berge von Glaubenbekenntnis und Stammeszugehörigkeit abhängig macht. Das wird kein Fremder, mag er Christ oder Jude, mag er Deutscher oder Engländer sein, begreifen. Wir schließen mit der Wiederholung der von Herrn Oberkurator Steiner gesprochenen Worte: „Politik hat mit dem Fremdenverkehr nichts zu tun." In verehrungsvoller Ergebenheit für den Vorstand der „Union dieutschösterreichischer Juden": Siegfried Fleischer, Dr. Jakob O r n s t e i n, Sekretär. Präsident. rJt. Die Wahlbewegung. Am 21. Oktober, ist Wahltag. Nationalrat, Gemeinderat und Bezirksräte sollen erneuert werden. Es geht in einem Aufwaschen und stellt sich hilliger. Die gesetzgebenden Körperschaften des Staates und der Stadt, die zugleich Land ist, sollen also wieder vom „Volke" neu gekürt werden. Das ist gewiß eine wichtige Sache, zumal ja in der Republik alle. Gewalt vom „Volke" ausgeht. Oder nicht? Ist es vielleicht nicht das Volk, sondern sind es vielleicht einzelne Parteiklühgel, welche auch bei diesen Wahlen die Macht ausüben werden? Wir haben ja das sogenannte Proportionalwahlrecht. Proporz bedeutet, daß auch den kleinen1 Parteien eine Vertretung nach Maßgabe der Wählerzahl gesichert werden soll. Aber unser Proporz ist durch die Wahlkreise in leilung derart verwässert und verfälscht, daß nur die großen Parteien Aussicht auf Erfolg haben, also die vereinigten Christlichsozialen und Großdeutschen auf der einen und die Sozialdemokraten auf der anderen Seite. Was dazwischen liegt : bürgerliche Demokraten, Demokraten, Jüdisch1 nationale usw., hat nur geringe Möglichkeit, sich zur Geltung zu bringen. Das ist wohl der Grund, warum diesmal eine Wahlbewegung sich nicht recht bemerkbar machen will. Die Großen sind ja ihrer Sache sicher und die Kleinen sind ihrer ganz unsicher. Angesichts dieser Sachlage ist die Stellung der jüdischen Wähler s c h a f t eine recht schwierige. Allein wenn man von „jüdischer Wählerschaft" spricht, so ist damit durchaus nicht eine einheitliche *Und homogene Masse gemeint. Es gibt jüdfische Sozialisten, jüdische Demokraten, Jüdischnationale und Jüdischorthodoxe. Von jenen Juden, die es über sich bringen werden, christlichsozial zu wählen, sei nichts gesagt und nichts gesungen. Die jüdischen Sozialisten und die Jüdischnationalen wissen, wohin sie gehören. Vielleicht wissen es auch die Orthodoxen, wenigstens in der Negation. Die jüdischen Demokraten wissen es derzeit nicht. Denn einer unwidersprochenen Zeitungsmeldung zufolge hat Herr Ottokar Czernin seiner bürgerlfch^demokratischen Partei mitgeteilt, daß er nur dann zu kandidieren gedenke, wenn diese seine Partei eine gemeinsame Liste mit den Christlichsozialen aufstelle. Das kühnen natürlich die Juden nicht ^mitmachen -und es*-entsteht infelitd^en 4n -dem mmm$e\ -äer ¥>zfteitti etf*

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