Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 18-19 (10.9.1923)
- Date
- 1923-09-10
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Veröffentlichungen UÄÄ« der» * „Union deutschösterreichischer Juden" Postsparkassen- Konto Nr. 9464 Telephon Nr. 19-2-7* Politik und Fremdenverkehr. Wir haben an den Bundesminister für Verkehrswesen, Dr. Hans Schürff, am 29. August folgende Zuschrift gerichtet: Geeinter Herr Bundesminister! Vor kurzem hat auf Ihre Anregung und unter Ihrem Vorsitze eine Enquete zur Förderung des Fremdenverkehrs in Oesterreich stattgefunden, bei welcher der Präsident der Hauptvereinigung der Landesverbände für Fremdenverkehr, Herr Oberkurator Leopold Steiner, einen der wesentlichsten Uebelstände, welche der Entwicklung des österreichischen Fremdenverkehrs hinderlich sind, berührte. Herr Oberkurator Steiner wies auf die abschreckende Wirkung politischer Agitationen» in den Kurorten und Sommerfrischen hin, und fügte hinzu: „D e r Fremdenverkehr hat mit Politik nichts zu tun." Die gleiche Feststellung hat bereits vor Monaten der Präsident der Vereinigung der Gastwirte und Hoteliers, Herr S u k f ü 11, gemacht, der eis auf der Tagung der Gastwirte und Hoteliers beklagte, daß durch politische Parteiungen Unruhe und Zwieltracht in Kurorte und Sommerfrischen getragen werde. Sowohl Herr Oberkurator Steiner als Herr Präsidient Sukfüll haben es unterlassen, das Kind beim richtigen Namen zu nennen. Wenn sie im allgemeinen von politischen Agitationen und Verhetzungen gesprochen haben, so konnten sie darunter nichts anderes verstehen, als die seit geraumer Zeit in den österreichischen Alpenländern betriebene Agitation gegen den Aufenthalt jüdischer Sommergäste. Diese Agitation hat einen zentralen Sitz. Sie wird von dem „Deultschvölkischen Schutz- und Trutzbund" in St. Pölten betrieben, der wiederholt an die Gemeindeaulsschüsse der alpenländischen Kurorte und Sommerfrischen ein Rundschreiben mit der Aufforderung gerichtet hat, durch formellen Beschluß jüdischen Sommergästen den Aufenthalt im Bereiche ihrer Gemeinde zu verbieten. Da nach Artikel 2 des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger vom 21. Dezember 1867, RGBl. Nr. 142, vor dem Gesetze alle gleich sind, nach Artikel 4 des bezogenen Staaltsgrundgesetzes die Freizügigkeit der Person und des Vermögens innerhalb des Staatsgebietes keiner Beschränkung unterliegt und nach Artikel 6 jeder Staatsbürger an jedem Oflte des Staatsgebietes seinen Aufenthalt und Wohnsitz nehmen kann, stellt sich die erwähnte Aufforderung als eine Aufreizung zur Verletzung grundlegender Gesetze der österreichischen Republik dar. Seltsamerweise steht an der Spitze des „Deutschvölkischen! Schutz- und! Trutzbundes" ein Beamter der österreichischen Bundesbahnen, Herr Revident Leo Haubenberger in St. Pölten. Bedenkt man, daß österreichische Bundesbeamte eidlich verpflichtet sind, die Gesetze des Staates zu befolgen, bedenkt man weitens, daß das Rundschreiben des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" geeignet erscheint, den Verkehr auf den österreichischen Bundesbahnen, so weit er die Fahrten jüdischer Sommergäste in alpenländische Kurorte betrifft, herabzumindern, so muß es in hohem Maße Wunder nehmen, daß ein Beamter der österreichischen Bundesbahnen ungehindert solche Agitationen betreiben darf. Neben dem „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund" in St. Pölten hat in den letzten Jahren der „Tiroler Anltisemitenbund" eine gleichartige verderbliche Propaganda betrieben. Am 1. Juli 1921 veröffentlichte die „Tiroler Bauernzeitung" in Innsbruck unter dem Titel „Hinaus mit den Juden" einen Aufruf an die Tiroler Bauern, in welchem es wörtlich hieß: „Wir wollen vom Juden nichts wissen, für ihn sei in unseren herrlichen Bergen, die ihm nur Ausbeuttungsobjekt sind, kein Platz! Hinaus mit ihm, wir brauchen ihn nicht, er ist ja unser größter Feind!" Ueberdies hat die nationalsozialistische Partei in Tirol in ihrem Blatte „Der Nationalsozialist" Wochen hindurch einen sogenannten Judenkataster veröffentlicht, mit dem ausgesprochenem Zwecke, die jüdischen Geschäftsleute Tirols zu boykottieren und somit in ihrem Erwerbe schwer zu schädigen. Diese Verhetzungen hatten zur Folge, daß sowohl im vorigen als auch im heurigen Sommer zahlreiche Gemeinden in Nieder- und Oberösterreich, Salzburg und Tirol den Beschluß gefaßt haben, jüdischen SommergäslLen den Aufenthalt in ihrem Gemeindegebiete zu verwehren. Wir nennen die Gemeinden Spitz a. d. D., S c h e i b b s und Gresten in Niederösterreich, Grein, Mondsee, Helpfau-Uttendorf und Efferding in Oberösterreich, Mattsee in Salzburg und Fieberbrunn in Tirol. Unsere Beschwerden gegen die gesetzwidrigen Beschlüsse dieser Gemeinden hat nur die niederösterreichische Landesregierung durch die Sistierung der erwähnten Beschlüsse Folge gegeben. Aber auch dies zumeist schon in einem Zeitpunkte, in welchem eine praktische Wirkung dieser Sistierung ausgeschlossen war. Geehrter Herr Bundesminister! Es bedarf gewiß keines besonderen Hinweises darauf, daß durch die hier geschilderten Vorgänge nicht nur der Fremdenverkehr in unserem schönen Vaterlande schwer geschädigt wurde, sondern daß die österreichischen Kurorte und Sommerfrischen auch für die Folge in ihrer Entwicklung arg beeinträchtigt werden. Die antisemitische Propaganda ist selbstverständlich sowohl durch die Betroffenen als auch durch die Zeitungen in weitesten Kreisen des Auslandes bekannt geworden. Es handelt sich hierbei nicht nur um jüdische Erholungsbedürftige. Auch gebildeten Ariern, welche in unseren Bergen Em-