Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 18-19 (10.9.1923)
- Date
- 1923-09-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18/19 DIE WAHRHEIT Seite H jüdische Öhr bearbeitet, desto mehr zerstreut sich die Kampfeslust und ein Verlangen regt sich im jüdischen Herzen zur Verbrüderung aller Menschen auf Erden. Wenn wir Juden nichts anderes als den jüdischen Monat Elul hätten, in dem Tag für Tag der Posaunenruf an uns ergeht, der uns zum Guten und Edlen, zur Wohlfahrtsübung und Menschenliebe, zur Einkehr und Buße ermahnt, so darf es uns — trotz der Verachtung und Unterdrückung, trotz Spott und Hohn seitens gewisser Kreuzträger und Kreuzschänder — nicht reuen, daß wir Juden sind. Wir sind im Gegenteil stolz darauf und auf das jüdische T'kioh, auf diesen unvergleichlichen Zapfenstreich, der zum Guten aufruft, eilen am Rosch- Haschanoh ausnahmslos zur großen Versammlung in die jüdischen Gotteshäuser und danken dem Allmächtigen mit den Worten: Gelobt seist du Gott, unser Herr, der uns geheiligt durch seine Gebote, und uns geboten, zu hören auf den Klang des Schofars. Das Evangelium und der Talmud. Von Herrn Rabbiner Dr. Beermann -Heilbronn. Man kennt das Streben wilder Parteileidenschaft, das Christentum als eine Religionsschöpfung darzustellen, die im Gegensatz zum Judentum aus indogermanischem Gedankengut sich gebildet hat. Bei näherer wissenschaftlicher Prüfung zeigt sich aber, daß diese Behauptung völlig haltlos ist. Nicht nur war Jesus kein Arier, sondern Jude, nicht nur waren , die Verfasser der neutestamentlichen Religionsurkunden Juden, sondern sie können auch nur religionsgeschichtlich im Zusammenhang mit dem Judentum zur Zeit Jesu richtig gewürdigt werden. Darum wünschte man längst eine Erläuterung des neuen Testaments, die den zur Beleuchtung dienenden Stoff aus der talmudischen Literatur sammelt und in zuverlässiger Uebersetzung dem Leser zugänglich macht. Zu dieser Riesenarbeit hatte sich der Meister christlicher Talmudgelehrsamkeit Professor Herrmann Strack, der jüngst von hinnen geschieden ist, mit seinem kenntnisreichen Jünger, dem Pastor Paul Billerbeck verbunden. Geineinsam schufen die beiden in löjährigem Bemühen ein imponierendes Werk in 4 Bänden: (München, Becks yerlag) „Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch", von dem soeben der erste umfangreichste Band, das Evangelium nach Mathäus, vorliegt. Schon aus diesem Umstand, daß die talmudischen Aehnlichkeiten, Beleuchtung, Hinweise zu diesem Evangelium einen Band von mehr als 1000 Seiten füllen, kann man abfühlen, wie stark der jüdische Einfluß in diesem Evangelium zu Worte kommt. Es kann an dieser Stelle auf die gewaltige Fülle wissenschaftlicher Anregungen, die dieses Denkmai deutschen Gelehrtenfleißes bietet, nicht eingegangen werden. Aber einige Einzelheiten, die auf allgemeinere Anteilnahme rechnen dürfen, sollen doch herausgehoben werden, um auch dem Laien eine einigermaßen hinreichende Anschauung von dem ' Werte des hier Gebotenen zu vermitteln. Der Talmud, ein viele Jahrhunderte umfassendes Sammelwerk von Besprechungen und Diskussionen über alle Fragen des jüdischen Religionsgesetzes, will durch die strenge Zucht der jüdischen Lebensordnung die Reinheit des geistig-sittlichen Eingott-Glaubens vor heidnischer Trübung sicherstellen; daß ihm aber die ethischen Werte der Frömmigkeit die höchsten sind, zeigte folgende Erzählung, die der Kommentar auf S. 134 unten anführt: Abba Tachna, der Fromme, kam an einem Rüsttage auf den Sabbat beim Eintritt des Dunkelwerdens nach seiner Stadt und sein Bündel lag auf seinen Schultern. Er fand einen Aussätzigen, der an einem Scheideweg lag. Dieser sprach zu ihm: Rabbi, tu ein gutes Werk an mir und schaffe mich nach der Stadt. Trotz des nahenden Sabbats willfahrte der Rabbi. In jener Stunde ließ Gott die Sonne noch einmal aufleuchten (um ihm ziu zeigen, daß er den Sabbat noch nicht entweiht habe). So triumphiert die Pflicht der Nächstenliebe über die rituelle Rücksicht, so leuchtet über den Bedenken gesetzlicher Religiosität die Sonne der Herzensgüte. Aus dem reichen Material, das unser Buch bietet, ergibt sich deutlich, daß die Gleichnisse Jesu sich nicht nur in ihrer Form, sondern auch in ihrem Inhalt mit denen der Rabbiner berühren, daß die Worte der Bergpredigt ihre Parallelen in der jüdischen Ueberlieferung haben. Der Gedanke, daß Gott der Vater der einzelnen Menschen sei, begegnet lange vor Jes. S. 471: „Mit welchem Maße ihr messet, wird eaich gemessen werden" ist wörtlich im Talmud zu finden. S. 472 heißt es: In der alten Synagoge hat es eine Geistesmacht gegeben, der sich niemand entziehen konnte, der einen öffentlichen Einfluß gewinnen wollte; eine Geistesmacht, der auch Jesus unterstanden hat. Diese Macht ist die religiös sittliche Gedankenwelt des alten Testaments gewesen. Wenn Hillel im Talmud die Worte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst damit erläutert: „Was dir unliebsam ist, sollst du ihm nicht tun," so ist zuzugeben, daß die positive Fassung, die Jesus wählt, die weitergehende Forderung enthält. Es darf aber nicht übersehen werden, daß Hillel zu einem Heiden spricht, dem er gleichsam den ersten Schritt in seiner neuen jüdischen Religion, zu der er sich jetzt bekehren will, mit diesem Worte umschreibt; er sagt ihm: „Fang erst einmal an, keinem wehe zu tun, dann bringst du es schließlich fertig, jedem wohl zu tun." Sicher meint aber Hillel mit dem Nächsten jeden Menschen, auch den Nichtjuden, wie man seinem Wahlspruche entnehmen kann: „Sei ein Jünger des friedliebenden Aron, liebe die Geschöpfe, so bringst dw sie zu Gott", d. h. so wirst du auch am besten die Heiden von ihrem Irrwahn zur wahren Religion leiten. S. 358 wird auch der Grundsatz Ben Asais angeführt: Der wichtigste Satz der Religion . ist, daß alle Menschen durch Abstammung von einem Elternpaare Geschwister seien. In diesem Zusammenhang wird S. 360 die heiß umstrittene, von den Antisemiten auf die Christen bezogene Abkürzung Akum richtig als Anbeter der Sterne und Sternbilder erklärt und betont, wie sich diese Wendung als eine Erfindung der christlichen Zensoren in den Handschriften und ältesten Drucken überhaupt nicht findet. ...„......__......._______