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Die Wahrheit · 1923-09-10 · Heft 18-19 (10.9.1923) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 18-19 (10.9.1923)
Date
1923-09-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 18/19 Auch sonst sind alte Vorurteile als solche erkannt z. B. zu der Pflicht, dem Bruder siebenzig mal sieben zu vergeben, hat Lightfoot gemeint, daß nach rabbinischer Lehre nur dreimal nötig sei, den Beleidiger um Verzeihung zu bitten. Man berief sich dabei auf den Satz: „Wenn ein Mensch eine Uebertretung einmal und zweimal begeht, so verzeiht man ihm, aber begeht er sie zum dritten Male, vergibt man ihm nicht." Dieses Wort handelt jedoch gar nicht vom Vergeben seitens eines Menschen, sondern von dem Vergeben Gottes. Das unbestimmte „man" ist eine ganz gewöhnliche Ausdrucksweise, um den Namen Gottes zu vermeiden, im Stilgebrauch neuen Testaments wird dafür aus demselben Grunde die passive Form des Verbums angewandt. Daß bei einem so großangelegten Wrerke auch einige bestreitbare Punkte sich finden, nimmt nicht Wunder. 2. B. wird auf S. 410 die Vermutung ausgesprochen, daß man im Gebete möglichst in der ,.Wir"-Form sprach, und „unser Vater" sagt statt „ich und mein Vater" hinge offenbar mit abergläubischen Beweggründen zusammen. Vielmehr läßt sich zeigen, daß darin ein soziales Gefühl, ein warmes Empfinden dafür, daß der Einzelne sein Schicksal nicht von dem der Gesamtheit trennen soll, zum Ausdruck kommt. Schade ist, daß die angekündigten Sonderuntersuchungen z. B. über den Synagogengottesdienst, über Heidentum und Judentum, auf die oft hingewiesen wird, erst später erscheinen werden und daß dem Bande kein Verzeichnis der Schlagwörter und Begriffe zur Erleichterung des Auffindens beigegeben ist. Dem gegenüber steht aber der gewaltige Gewinn, den die Forschung aus dieser Arbeit schöpfen wird. Fortan wird die Erkenntnis als unbestritten gelten: Ueber neutestamentliche Dinge zu urteilen, ist nur berechtigt, wer die jüdische Ideenwelt kennt, zu der auch die Evangelien na:h Form und Inhalt gehören. „Numerus Clausus" einst und jetzt. Von Josef Lazarus. (Fortsetzung) Die Scheiterhaufenpolitik halt Spanien um seine amerikanischen Besitzungen gebracht. Durch seine Judenverfolgungen verarmte es, und erholte sich erst infolge seiner Neutralitältskonjunktur in diesem letzten Kriege. Die Konjunktur der Kriegstränen ist nicht die Ursache des heiitigen Antisemitismus; denn sie hat sowohl die allerniedrigsten Schichten der jüdischen Bevölkerung erfaßt wie auch, die allerhöchsten der Christen. Die Ursache liegt bei kurzsichtigen Politikern, die dieses Agitationismittel benützen, um irgend einen Tageszweck zu erzielen, obwohl sie dadurch ihr Land in den Ab&rundS führen, wie alle geschichtlichen Beispiele beweisen. Denn so wie der Granitblock zu Staub wird, wenn er in seine Elemente: Feldspat, Quarz, Glimmer und Calcit zerfällt, ebenso gehen alle Staaten zugrunde, die zu Religions- und Rassenelementen sich auflösen. Wir Juden glauben daran, daß der Allmächtige sein Bibelvolk über die Erde wälzt, damit es die verschiedensten Völker friedensvermittelnd amalgamiere. Das> Weltreich der Perser, welches so groß war wiäe das heutige britische Imperium, ausgebreitet über Asien, Afrika und Europa, konnte bloß durch die friedenvermitltelnde Bindekraft seiner jüdischen Untertanen bestehen, die sowohl irrt rebellischen Babylon, wie auch im rebellischen Aegypten das staatstreue persische Element bildeten26) (in dankbarer Erinnerung an den aufgeklärten Perserkönig Cyrus, der sie aus dem babylonischen Exil befreite und ihnen die Urheimat wieder schenkte). Durch ihre Allgegenwart sind sie die prähistorische Bindemasse unter den Völkern, um diese zu Nationen zu verkitten, sowie der Erupitionsstrom des Urgesteines die heterogensten Mineralien verschiedener Landschaften zu Granit verbindet. Staatstreue in der Zerstreuung und Friedensvermittlung durch die Zerstreuung, 'das sind1 die zwei historischen Aufgaben der Juden, mit denen sie zu wiederholten Malen „die Völker segneten". Nun könnte man aber fragen: Wie kann ein simpler Mann, der kein Politiker, kein Diplomat, kein Gelehrter ist, wie könnte zum Beispiel ein einfacher Kaufmann zum Segen seiner Umgebung gereichen? Die Antwort hierauf erlteilt das Talmudische Handelsrecht, von welchem den französischen Königen berichtet wurde: „Sie (die Juden) haben ein Handelsrecht, welches besser ist als das unsrige27). Das Talmudische Handelsrecht umfaßt alle Lagen des geschäftlichen Lebens, sogar das Versicherungsrecht für See- und Karawanentransporte (Baraita Baba Kama) (Jewish Encyclopedia artikel „Commerce"). Um den Verkehr mit jüdischen Kaufleuten aufrecht zu erhal/ten, wurden die Wochenmärkte in Frankreich von Samstag auf einen Wochentag verschoben. Nach dem Talmudischen Handelsrechte, sind bloß solche Handelsgeschäfte gestattet, die kulturfördernd sind. Ein Schuster ist kulturfördernd. Einer aber, der da spielt oder wette! oder mit Ware spekuliert, ohne sie zu vermehren oder zu verbilligen, wird als Schädling der Gesellschaft betrachtet und zwar derart, daß ihm die Fähigkeit abgesprochen wird, Zeugenschaft bei Gericht abzulegen (Mischna Sanhedrin). An Nahrungsmitteln darf nicht zweimal verdient werden (Traktat Baba Batra Seite 91). Keftenhändler sind nach talmudischem Handelsrecht unmöglich. (Fortsetzung folgt.) a6) Dr. Ii. P. Chajes, Purim-Predigt. a7) Vaisette, Histoire du Languedoc p. 372 und Dr. David Rossin „Ethik des Maimonides". An unsere geehrten Leser! Die vorliegende Nummer ist 36 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint wegen der hohen Feiertagen Donnerstag, den 4 Oktober.

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