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Die Wahrheit · 1923-09-10 · Heft 18-19 (10.9.1923) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 18-19 (10.9.1923)
Date
1923-09-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 18/19 DIE WAHRHEIT Seite 9 IL Ein Tag des GedäcHtnisses. Würde man bei der dramatischen Vertonung des Unesanne tokef (vielleicht die Umgestaltung zum Oratorium), den ersten Satz mit Perofischen Akkorden — C neben Cis und D neben Dis — versehen, die Instrumentierung lärmend und chaotisch durchführen und als Zenith der Ekstase: „Sieh', es ist der Tag des Gerichtes . . ." wählen, den Schlußsatz, Berosch ha&chono, sentimental und sanglich gestalten, der Mittelsatz, Kewakoralth, müßte hochlyrisch klingen. Die russischen Kantoren nannten das Kewakoratmotiv „klebanisch". — Wie ein Hhtte seine Herde weidet, daß er Schaf um Schaf musternd vor seineT Rute ziehen läßt, so läßt Gott alle Menschenwesen am Neujahrsitage vorüberziehen, er zählt und wägt sie alle — gedenkt jedes Einzelnen. Das „Klebanische" klingt eben wie des Hirten Rohrpfeife, begleitet von dem Dudelsack oder dem Brummchor. Doch alll dieses IGedächtnis Gottes, am Roschhaschono, wie die Stellen: „Ein 'teurer Sohn ist mir Ephraim . . .", „Wenn ich seiner gedenke . . oder „Ich gedenke Dir die Liebe Deiner Jugend, die Zärtlichkeit Deines Brautstandes usw." kann ja nur sinnbildlich aufgefaßt werden. Denn wie wollen wir uns jenes große, himmlische Kontobuch für alle Manschen 'vorstielen? Gotjt IbMckt iauf ^alle iseiine Wesen und keines bleibt seinen Blicken verborgen! Was wir unter „Gedenken" verstehen mögen, ist das „Sochaur" — das im Gedächtnisbehalten unserer Vergangenheit, wie das Sochaur, al tischkach! . . . Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Wir müssen gedenken, daß zu allen Zeiten Menschen wider fulnsL -aufstanden/, idüd uns} vernichten wollten, die uns alles Böse andichteten und immei wieder stand uns der Herr in allen Nöten bei, immer wieder wurden unsere Widersacher zuschanden. Allein das Gedenken muß bei uns frisch bleiben, daß unsere Altvorderen standhaft im Gottglauben blieben und .gerne ihr bestes für ihre Ueberzeugung — ihr Leben — hingaben, galt es den Namen Gottes zu verherrlichen. Und wenn vor unserer Seele der Ruf zieht: „Siehe, es ist der Tag des Gerichtes! . . .", muß uns nicht bange werden, wenn wir unserei Geschichte gedienken! Gotit ist auch im Urteilsspruche milde, wenn wir reuig zu ihm zurückkehren, wenn wir nur „chotossi" — ich habe gesündigt — ausrufen, wenn wir Zedakka üben, den Armen helfen und die Fallenden stützen. Dann schreibt uns Gott zu Leben und Gesundheit. Das Judentum bei Oswald Spengler. Von Dr. Max Orunwald. (Fortsetzung.) Die Juden als solche keine Rasse, sondern Typen. Spengler unterscheidet als Philosoph „Dasein" und „Wachsen". Dasein ist ldie kosmisch-pflanzenhafte Seite desLebens, Wachsein die mikrokosmischtierhafte, das Empfinden und Verstehen. Mit dem Dasein in diesem Sinne hat der Begriff „Volk" nichts zu tun. „Was seit der Eiszeit die Erde bewohnt, sind Menschen, nicht „Völker". Ihr Schicksal wird zunächst dadurch bestimmt, daß die leibliche Folge von Eltern und Kindern, der Zusammen^ hang des Blutes, natürliche Gruppen bildet, welche den deutlichen Hang verraten, in einer Landschaft Wurzel zu fassen. Damit ist eine Dauer des Daseins gegeben. Das nenne ich Rasse . . . Aber diese Menschen besitzen auch noch die Lebensseite des Wachseins undi die Form, in welcher das Wachsein des einen zu dem der übrigen in Beziehung tritt, nenne ich Sprache. Zuletzt ist jede Rasse ein einziger großer Leib . . . Rasse ist etwas Kosmisches und Seelenbaftes. Irgendwie ist sie periodisch in ihrem Innern, von den großen astronomischen Verhältnissen mitbedingt" . . . Rasse ist die Summe meist optischer, äußerer Merkmale, der Sprechweise der Menschen, ihres Geruches usw. (1, 132). Rasse wandert nicht, sie wurzelt in der Landschaft. Die Yankees werden von Generation zu Generation der ausgerotteten Bevölkerung ähnlicher. Die Kinder der Einwanderer, gleichviel ob langköpfiger Sizilianer oder kurzköpfiger deutscher Juden, weisen dieselbe Kopfform auf (140). Von den Exzessen der Rassenfanatiker sagt Spengler (148): „Diese Rassensteckbriefe sind sämtlich ebenso wertlos, wie die, an welchen der Schutzmann seine theoretische Menschenkenntnis erprobt". Rasse äußert sich in der Physiognomie der Bewegung, im Blick, im Gesichtsausdruck, nicht im Schädel, sondern im „Kopf", im Fleischlichen, Mund usw. Die Schädelform ist ein Merkmal nicht der Rasse äußert sich in der Physiognomie, der Besieren fallen die Unterschiede der Rassen. Soweit können wir Spengler folgen. Zwei Komponenten bilden nach ihm die „Rasse": die / Blutsgemeinschaft und der Boden, oder sagen wir mit Spengler: das „Kosmische", d. h. die Gesamtheit der physischen Einflüsse. Warum nicht das Milieu allein? Man hat eingewandt: Veränderung des Milieus kann nicht aus einem Kohlkopf einen Rosenstrauch machen. Doch der Vergleich hinkt. Kohlkopf und Rosenstrauch sind zwei verschiedene (Pflanzen-) Arten. Zwei sogenannte „Menschenrassen" sind und bleiben aber, naturwissenschaftlich betrachtet, immer ein und dieselbe Spezies. Vielmehr gilt das Gleichnis, das Spengler selbst gebraucht: „Der Weinstock, den die Römer an den Rhein gebracht haben, hat sich dort gewiß nicht sichtbar, nämlich botanisch verändert. Doch der Wein, den er liefert, ist ein anderer am Rhein, ein anderer an der Mosel, ja ein anderer an jedem anderen Bergabhange." Wir könnten hinzufügen, daß gewisse exotische Rinderrassen, in unser Klima verpflanzt, Eigenschaften unserer heimischen Rasse annehmen, daß der in Holland, England usw. wachsende Weizen, bei uns, wenn er sich überhaupt hält, nach einigen Generationen sich unseren Verhältnissen völlig anpaßt, und anderes mehr. So ist auch das, was man allenfalls „Rasse" zu nennen wissenschaftlich berechtigt wäre, die seelische Substanz, nur nach dem jeweiligen Milieu geformt. Konstant bleibt alleinder zweite Faktor, die geheimnisvolle Kraft des Bodens, die sich, wie Spengler erinnert (154), „in jedem lebenden Wesen nachweisen läßt". Denn der Zusammenhang des Blutes wird doch durch jede neue Einwanderung, die Vermischung mit fremden Elementen gelockert, ja aufgehoben, und käme demnach neben der Macht des Milieus, der Lebensbedingungen, nicht

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