Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 18-19 (10.9.1923)
- Date
- 1923-09-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 18/19 zum Gotteswort in die Herzen der Kinder hineinzulegen versuchen. Die traurige religiöse Lage bei der heranwachsende Jugend in Erez Jisoel ist vor allem den unreligiösen Schulen zuzuschreiben. Deshalb beschließt die Kenessio Gedaulo eine energische Tätigkeit bei der Förderung der bereits bestehenden alten Talmud-Thoras, welche im Geiste der Thora geführt sind, zu entfalten und all überall, wo nur irgendwie die Möglichkeit gegeben ist, Schulen in dem nämlichen Geist zu gründen. Neben der Sorge für die Talmudthoras und die Jeschiwas, hat Agudas Jisroel auch insbesondere zu sorgen für a) Schulen in den Kolonien," b) orthodoxe Mädchenschulen, c) orthodoxe Kindergärten. Zu diesem Zwecke ist ein eigener Fonds unter dem Namen Keren Hathauro einzurichten. 2. Agudas Jisroel hat auch die Aufgabe, in denselben Schulen, welche dem Thorageiste entfremdet sind, diese wieder für die alte jüdische Mehrheit zurückzugewinnen. 3. Agudas Jisroel wendet sich an alle thoratreuen Juden mit der heißen Bitte, bei der Unterstützung des Erziehuneswerkes in Erez Jisroel im Geiste der Thora behilflich zu sein. 4. Besonderes Augenmerk hat Agudas Jisroel auf die Erziehung der Kinder der sefardischen Gemeinden zu legen, da diese sonst dem thoratreuen Judentum völlisr entfremdet werden. Bei der Unterstüt7ung der palästinensischen Juden ist ein bestimmter Prozentsatz für die sefardischen Schulen zu verwenden. 5. Agudas Jisroel soll die Gründung einer großen Jeschiwah in die Wege leiten, deren Besucher sich aus den besten Bachurim der übrigen Jerusalemer Jeschiwohs zusammensetzen soll. 6. Die Kenessio Gedaulo drückt ihren tiefen Dank an die Leiter der Thoraanstalten in Erez Jisroel und ihre Förderer in der Diaspora aus. 7. Die für die in Erez Jisroel zu schaffenden Verwaltungsorgane werden, sofern die obigen Beschlüsse keine andere Wahl vorsehen, durch den Geschäftsausschuß gewählt. Chisuk Hadass. 1. In Kenntnis der traurigen Lage des religiösen Lebens in den Kolonien von Erez Jisroel, beschließt die Kenessio Gedaulo die moralische und materielle Unterstützung alller religiösen Institutionen m den Kolonien, insbesondere die Sorge für Schulen, Synagogen, Lehrer, Schochtim, Mohalim, sowie die Voraussetzung zur Erfüllung aller Pflichten, wie Trumo, Masser und Schmitto. 2. Die Kenessio Gedaulo übernimmt die Verpflichtung, nach besten Kräften die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Erez Jisroel, sowie deren Presseorgan „Kol Jisroel" zu fördern. 3. Agudas Jisroel hat die Verpflichtung, ein Einwanderungsamt für Chaluzim in Jerusalem und Jaffa einzurichten, um diesen in den ersten Tagen ihrer Ankunft behilflich zu sein und dafür Sorge zu tragen, daß das Milieu für wahrhaft thoratreuie Chaluzim geschaffen wird. 4. Die von der Agudas Jisroel gegründete Krankenstation in Jaffa soll weiter ausgebaut werden. Kooption. Angesichts des Umfanges und der Bedeutung der Geschäfte ist die sachgemäße Führung für die Folge nur denkbar, wenn die wichtigsten Ressorts durch hauptamtliche Leiter besetzt werden. Der Geschäftsausschuß wird daher von der Kenessio Gedaulo ermächtigt, bis zu drei Sitzen hauptamtliche Ressortleiter als stimmberechtigte Mitglieder zu kooptieren. Unesanne tokef. Roschhaschonobetrachtung von Armin Wllkowitsch. L Ein Tag desi Posaunenschalles. „Es 'ertönt der Posaunen mächtiger Schall — dazwischen ein leiser dumpfer Ton — die Engel drängen, Zittern und' Beben! erfaßt sie und sie rufen: „Sieh4, es is(t der Tag des! Gerichtes . . .". So schildert der Dichter des Unesanne tokef den Roschhaschono. Er gleicht fürwahr nicht dein bürgerlichen Neujahr, das mit Gläserklingen eingeleitet und eingeläute/t wird, er ist tiefernst und trägt die vom Propheten Arnos charakterisierte Stimmung: „Wenn der Schofarruf in der Stadt erklingt, soll das Volk nicht erschrecken?" Doch wie soll in diesieir schwergefüglten Symphoniej in dem Schwall von Dissonanzen, die Auflösung nach Dur erfolgen? In der Glanzzeit des Reiches Judäa erharrte man de® Hohenpriesters faszinierendes und befreiendes Zeremoniell — ihm folgte die Gewißheit der Aussöhnung mit Gott und sonach auch der Jubel des Wasser schöpf ens, doch wo finden die Galuthjuden leinen Fingerzeig der Aussöhnung mit ihrem Gotte? Mag man über „Die Wallfahrt nach Kevlar" und ihren Dichter denken wie man will, man mag ins Treffen führen, daß er in seinen Stimmungsbildern sentimentalster Art stets ein verstecktes Winkelchen für einen lachenden Kobold fand, jene Szene, wo die geängstigte Mutter ihren kranken Knaben zur frommen Prozession auffordert, ist eine psychologische Perspektive eines gottbegnadeten Genies. Mit Recht hat sie Heine der unsäglichen Verehrung einer Kaiserin gebeut, einer Fürstin, diel vielleicht selbst verwundeten Herzens war! . . . Woher Heine nur — als geborener Judle1 — zu dieser Dichtung kam, ist oft mit Recht gefraigt worden. Da kommt mir ein Sprüchlein, das ich in der Kinderzeft in der litauischen Heimat hörte in den Sinn: „Mag der Pope den höchsten und den tiefsten Kirchenton anschlagen, dem sterbenden jüdischen Renegaten klingts dennoch wie Kolnid're!" Es ist das Tillimsagen, das Quittelschreiben „des Wunderrabbi" für einen Sterbenskranken, wovon Heine gewiß gehört hatte, das Kapporesschlagen vor dem Jomkippur, die Geschichte vom vor Gott sich flüchtenden Prophelten Jona, den 'die Schiffbrüchigen ins Meer stürzten, um den zürnenden jüdischen Gott zu versöhnen usw., die Heine — vielleicht unbewußt — zur „Wallfahrt nach Kevlar" inspiriert hatte. Uns Galuthjuden erklingt zum Schluße des Unesanne tokef des frommen Dichters jubelndes Finale: „Useschuwo!" — Rene, Gebet und Almosengeben wenden dasi böse Verhängnis ab! . , .