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Die Wahrheit · 1923-09-10 · Heft 18-19 (10.9.1923) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 18-19 (10.9.1923)
Date
1923-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4_ DIE WAHRHEIT __________ Nr. 18/19 haben als je die Heidengötter, daß man am Beginn eines neuen Jahres mit reifstem Sinn die Worte aufnehmen muß: „wir hoffen, daß die Götzen von der Erde verschwinden und die falschen Götter entthront werden4'; noch ist die Welt, und stärker als je das Reich der Menschen mit ihrer Kleinlichkeit, mit ihren Eitelkeiten, daß man nicht Besseres tun kann, als zu beten, „daß die Welt sich ordne als das Reich Gottes, des Heiligen, dem man nur dient, den man nur bekennt durch ein Leben in Gradheit und Ehrlichkeit, in Liebe und Demut". Wir haben alle noch unsere Götzen und falschen Götter. Nicht bloß der einzelne hat sie für sein persönliches Leben, das ganze öffentliche Leben steht unter ihrer Herrschaft. Wir sammeln uns um abgestempelte Schlagworte, wie Demokratie, Autokratie, Liberalismus, Konservatismus, Revolution, Reaktion, machen aus ihnen einen Fetisch, Götzen, vor denen wir anbetend auf den Knien liegen, wie nur je Heiden vor ihren Göttern, bringen ihnen zahllose Opfer. Und dürften doch allesamt nur ein Ziel haben, nämlich eine Ordnung des gesellschaftlichen Lebens anzubahnen, bei dem der einzelne in Ruhe und Sicherheit seine Kräfte entfalten und seine Seele entwickeln kann, damit „die Welt sich ordne als Reich Gottes". Ist's im politischen Leben im allgemeinen so, ist's im jüdischen Leben nicht anders. Orthodoxie, Liberalismus, Zionismus, Antizionismus, aus allem machen wir eine Partei und einen Götzen und vergessen ganz, daß wir allesamt Söhne einer Mutter sind, der großen Judenheit, daß wir alle doch nur das eine Ziel haben, Gottes Thora durch die Jahrhunderte und Völker hindurchzutragen, seinen Namen zu verherrlichen, Israels Dasein immer lichter und würdiger zu gestalten. Wohin wir schauen. =^====^1 ■7^% 4 4.2 m% ^^==.'= B*£ef25! reuiiieton s9ta?J| Schaffet Altersheime! Vater, Mutter! — O dieser Worte süßer Klang! Jedem Menschen klingen diese Worte nicht nur ins Ohr. sondern auch ins Herz hinein — sei es als Mahnung oder Erinnerung — und wecken Empfindungen mannigfacher Art. Glückliche und auch schmerzliche Gefühle werden rege. Die Phantasie spiegelt uns die verflossene Kindheit vor. Wie traut und behaglich war's, wenn abends die Mutter in unserer Mitte saß! Gerne enltsagte sie manchem Vergnügen außer dem Hause, um ihre Kleinen selbst zu überwachen, zu betreuen und ihnen körperliche Pflege zu widmen. Sie förderte die geistige Entwicklung ihrer Kinder und jedler Fortschritt, jede Wahrnehmung, daß ihre Lehren Wurzeln fassen im Geiste und Gemüte ihres Kindes, berichtete sie glückstrahlend dem heimkehrenden Gatten. Wie gerne trug er die Lasit seines schweren Berufes, alle Sorgen und Mühen, wenn er dann im trauten Kreise seiner Lieben ausruhen und1 sich am Anblicke seiner Kinder erfreuen, ihren heiteren kindlichen Gesprächen und Spielen lauschen und sie belehren konnte. Es ist dies die gfücküchste Lebensepoche der Kinder und auch der Eltern. Saß aber auch im Götzen und falsche Götter, und wenn ein Neujahrstag mehr sein soll als nur eine Kalendergröße, sondern ein Tag der Selbstbesinnung und eines neuen Anfanges, ein Tag, an dem man Verantwortung übernimmt vor Gott, für sich und seinen Kreis und die Idee der Menschheit, dann muß man beten: „daß die Götzen von der Erde verschwinden und die falschen Götter entthront werden". Was aber noch schlimmer ist, wir erfinden uns immer neue Götzen.- Unsere Zeit hat sich zwei besonders Bösartige geformt, die Rasse und die Nation. Daß die Menschen nicht alle gleich sind, ist eine Binsenwahrheit, etwas, was .man alltäglich beobachten kann, und töricht der, der die Welt aufbauen wollte auf der Voraussetzung, daß alle gleich seien Aber was für ein Heidentum steckt in dem Hochmut, mit dem eine Rasse sich als die einzig gute ansieht, weil ihr Blut das beste ist, was für ein entsetzliches Heidentum in dem Gedanken, daß das Blut die Seele präge und schicksalgebend gestalten soll; was für ein Heidentum in der Vergottung der Nationalität, als sei sie der einzige, der höchste Wert, höher und wertvoller als die sittliche Haltung! Es ist wie eine blutige Ironie, wie ein schlechter Witz, wenn Juden an diesem Götzendienst teilnehmen, da doch wir Juden unter diesem neuzeitlichen Heidentum am schlimmsten leiden. Im Gegenteil, uns Juden erwächst hier eine Aufgabe. Wir waren die ersten, die sich als auserwählt bezeichneten, aber auch die ersten, die alsbald diesem Bewußtsein der Auserwählung die Wendung gaben, daß mit ihr Adelspflichten, nicht Rechte verbunden siei-em; so sollten wir es im Ganzen als Lebensaufgabe und Lebensinhalt betrachten, gegen diese Götzen der Rasse und des Nationalismus zu kämpfen, bis daß Lehnstuhle in der Nähe des Ofens oder Fensters ein Großvater oder eine Großmutter und schaute mit freudigen Blicken über die Gruppe und5 sonnte sich glücklich lächelnd in dem Anblicke der geliebten Nachkommen, dann konnte man sagen: da hat auch Gott Freude an seinen Menschenkindlern, zu denen ja auch die Alten gehören, die hier die unausbleiblichen Altersgebrechen und Beschwerden, das allmähliche Absterben leichter und geduldiger ertrugen. Die dem Ende Geweihten fühlen dies weniger in der Zerstreuung und dem Anblicke ihrer Familie, als dessen Stamm sie sich fühlen. An der Liebe, die sie umgibt, nährt sich ihre eigene Liebe und hält ihr Herz warm und froh. Doch nicht allen Alten ist solch ein glückliches Los beschieden, denn diese Familienidylle ist leider im Verlöschen. Unzählig viele fristen ein düsteres, trauriges, liebe - leeres Dasein in Einsamkeit und sorgenvoller Verlassenheit, wo ihnen die Wochen zu Jahren und das Leben zur Qual wird, und mit Sehnsucht wünschen sie ihr Ende herbei, den Abschluß der mannigfachen Leiden und Entbehrungen, der körperlichen und seelischen Schmerzen. Die Nenzeit hat viel Altes gestürzt und1 manches Schöne und! Gülte ist mit versunken.* Die Kindesliebe und Kiödiespf licht ist auch in ein anderes Stadium getreten und wird! anders aulgefaßt und ausgeübt, als Zeichen der Zelt dargestellt.

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