Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1923-09-10 · Heft 18-19 (10.9.1923) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 18-19 (10.9.1923)
Date
1923-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064121-3064139--12334-3079781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WAHRHEIT na* llnabltängige Zeilsdirii! für jüdische Interessen MM dem Beiblatt; Veröfienffidrangen der „Union deutsciiösterreitiiisdier Juden Redaktion und Administration: Wien HI., Heineiiraße M. - Fernruf 42-2-16 XXXIX. Jahrgang Wien, 10. September 1923 Nummer 18/19 Neujahrsgebet. Von Rabbiner Dr. Dienemann - Offenbach a. M. Es gibt ein Gebet in unserem Gottesdienst, das, wenn es am Neujahrstage erklingt, den Höhepunkt des Gottesdienstes bedeutet, für ihn gedichtet ist, es ist das Stück, das anhebt mit den Worten : Olenu leschabeach, „uns liegt es ob, den Herrn des Weltalls zu preisen". Jedermann kennt es, denn es ist in das Gebet des Alltags übergegangen, man beschließt mit ihm jeglichen Gottesdienst. Aber am Wochentage, da betet man es ohne besondere Stimmung, fast ohne Bewußtsein seines erhabenen Inhaltes, es hat gar kein eigenes Leben, es ist gleichsam nur der Träger eines Kaddisch. Atter am Rau sehh aschonoh, da hat es ein eigenes Leben, da durchzittert ein Schauer der Ehrfurcht die Seelen, sobald man es anstimmt. Majestätisch setzt es ein und nimmt alsbald die Seele ganz gefangen: Gott ist der König, der einzige, der alleinige Herrscher der Welt, und Israel ist berufen, seinen Namen in der Welt groß zu machen. Unser Denken kreist fast immer um unser armseliges Leben und mit dem Gedanken an uns und unser Schicksal, unsere Hoffnungen und unsere Enttäuschungen beginnen wir ja auch unser neues Jahr. Aber sollte man dabei stehen bleiben? Dürfte unser Ergehen der einzige Inhalt unseres Denkens sein? Damit nicht diese so natürliche und tief in uns verwurzelte Selbstsucht gleichsam durch die Weihe der Religion noch geheiligt werde, dichtete einst Rab, der gefeierte Talmudweise, diesen Hymnus auf Gottes Majestät zur Weihe des Neujahrstages. Unser Denken soll aber davon ausgefüllt werden: Gott allein ist König, er richtet die Welt und die Menschen, und seinen Geist soll die Welt wiederspiegeln; der einzelne und die Gesamtheit sollen sich als Herolde seines Namens empfinden; das allein ist der würdige Inhalt einer Neujahrsstimmung, wie sie sein soll. Aber der Dichter weiß, daß das, was er schildert, nicht im Bewußtsein lebt, daß man nicht sagen kann, die Welt ist Gottes Reich, sondern höchstens: laßt uns hoffen weiter, daß sie Gottes Reich werde. Und so gipfelt das berühmte und schöne und fortreißende Gebet in den Worten: „Darum hoffen wir auf dich. Ewiger, unser Gott, alsbald die Herrlichkeit deiner Macht zu schauen, daß alle Götzen von der Erde verschwinden und die falschen Götter ausgetilgt werden, daß die Welt sich ordne als Reich Gottes." Nun wäre es gar nicht verwunderlich, wenn jemand auf stünde, und sagte, dies Gebet ist in seiner Hauptsache überholt. Der Dichter - lebte in . einer Welt von Heiden, er sah Menschen um sich, die nichts wußten von dem einen Gott, aber wir: bekennen wir uns 'nicht alle zu einem Gott? Wo besteht für einen einzigen von uns die Gefahr, ins Heidentum zu sinken? Ist es nicht sinnlos, zu beten, die Götzen sollen gestürzt werden, im Umkreis unseres Fühlens und unserer gesamten Kultur sind sie doch längst tot und erstorben. Für uns besteht eher die Gefahr, daß man den Glauben an Gott überhaupt verlieren könnte, vielen ist die Welt vollkommen entgöttert, und ängstlich zittern wir, daß einer von u*ns oder eines unserer Kinder ohne Gott leben möchte, an Gott verzweifeln könnte. Was also soll die Hoffnung, die Götzen sollen gestürzt werden? So könnte man fragen. Und die Antwort: Gewiß, die Götter des Altertums sind tot; aber fehlt es uns darum an falschen Göttern? Wir haben auch unsere Götzen und leben wie Heiden, die den einen Gott nicht kennen. Die Erhabenheit der jüdischen Gottesidee, des Gedenkens an den einen Gott bestand nämlich von jeher nicht darin, daß ein Gott, der bildlos und nicht vorstellbar sein sollte, einer Vielheit von bildlich dargestellten Göttern entgegengesetzt wurde, sondern daß eine neue Art Frömmigkeit in die Welt kommen sollte Der eine Gott ist der lnbegrift der Sittlichkeit und mau bekennt den einen Gott, wenn man nur, die sittliche Forderung an den Menschen als das einzig Göttliche gelten läßt und alles, was sonst den Willen des Menschen lenken und reizen könnte, als Götzen und falsche Götter erkennt. Und von dieser Erkenntnis geleitet, fragen wir: Ist's ein Unterschied, ob jemand ein Bild als Gottheit verehrt oder das Geld zu seinem Götzen macht? Wenn wir eine Welt vor uns sehen, in der die Menschen in Profitgier versunken sind, jeder nur darauf bedacht, möglichst viel aus der Ungunst oder Gunst der Zeit für sich zu erraffen, wenn w:ir sehen, daß heute wie einst in den Tagen, da Israels Propheten gegen die falschen Götter zu Felde zogen, der Starke den Schwachen schamlos ausbeutet, daß die soziale Gerechtigkeit, trotzdem man unendlich von ihr redet, immer weiter entflieht, daß der Reiche imm'-r reicher, der Arme immer ärmer wird, wenn wir die vielen gewahren, die keinen anderen Gott kennen als ihren Leib und die Befriedigung ihrer Gelüste; wenn wir erfahren, daß es immer wieder Menschen gibt, die glauben, fromm sein zu können ohne Nächstenliebe, ohne Gerechtigkeit, ohne. Demut und EhrfuTcht, dann fühlen wir: unser Neujahrsgebet ist nicht veraltet, es können die Kirchen und Synagogen voll sein, und doch leben wir mitten im Heidentum. Es gibt bei uns so viele Götzen zu zertrümmern, die, ohne daß man Bilder gießt, ein lebendigeres Leben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.