Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 17 (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 17 legenheit; was außerhalb der blau-weißen Grenzpfähle vorgeht, interesiert ihn weniger, da er annimmt, daß gegebenenfalls die bayerische Gegenrevolution als selbständige Bewegung durch Frankreich genügend unterstützt wird, um sich halten zu können. Seine Stellung als Bauernführer stellt ihn von selbst in einen Gegensatz zum arbeiterwerbenden Nationalismus und sein starker bayerischer Eigendünkel macht ihn auch gegen die Richtung Ludendorff mißtrauisch; dazu kommt, daß er keinen Kaiser, sondern höchstens einen „Kini" will. So gehen innerhalb der gegenrevolutionären Bewegung allerlei Strömungen durcheinander: Sozialismus. und Antisozialismus, preußische und bayerische Monarchie, Separatismus und Reichseinheit, und selbst republikanische Einstellungen, wenn auch in anderer Form als in der heutigen Republik, sind gegenüber scharf monarchistischen Anschauungen vertreten. Gemeinsam ist allen ein starker Antisemitismus, Antipazifismus, eine Ablehnung der Sozialdemokratie und der Kommunistischen Partei und ein phrasenhafter Patriotismus und Nationalismus, der als rechter Deutscher die Franzosen auf das bitterste haßt, aber ihre Gelder gelegentlich gerne nimmt. Neben den wirtschaftlichen Ursachen ist die französische Politik die stärkste Unterstützung ihrer Agitation: Innenpolitisch werden sie indirekt unterstützt durch die Mehrheitsverhältnisse des deutschen Reichstages." Diese Charakteristik der deutschen Fascisten ist wohl die beste, die über diese Herren in letzter Zeit geschrieben wurde, speziell was die Gemeinsamkeit ihres Wesens in punkto Antisemitismus, Antipazifismus sowie Schlagwort-Patriotismus und Nationalismus betrifft* Weniger zutreffend scheint uns die Ansicht Haeblers betreffend die Ablehnung der kommunistischen Partei von Seiten der Reaktionäre zu sein. Tritt doch der edle Reichswart Rewentlov, der wohl in die Richtung Ludendorff einzureihen ist, in der ,Roten Fahne", wie auch in seinem eigenen Blättchen für die Zusammenarbeit der Völkischen mit den Kommunisten ein. Und Herrn Wulles „Deutsches Tageblatt" stärkt die Gesinnungstüchtigkeit seiner Leser durch folgenden Schlachtruf: Wenn die Sowjet-Banner wehn, Laßt uns fest zusammenstehn! Eine saubere Gesellschaft „aufrechter Männer". Es fragt sich nur, wer da schließlich der „Gelämmerte" sein wird. Kunze-Verehrung. Knüppel-Kunze entblödet sich nicht, in seinem „Deutschen Wochenblatt" folgende ihm gewidmete Hymne erscheinen zu lassen: Heil Kunze! VOn Juden verleumdet, von Sozis verschmäht. Läßt du nicht locker, wackrer Held. Kämpfst gegen eine ganze Welt Schamloser Lüge früh und spät. Bis Oberschlesien dringst du vor. Ein Held in tausendfält'ger Schlacht. Trägst Kampfesmut in dunklen Schacht. „Recht, Freiheit!" hallt's an Judas Ohr. „Ueb\ Deutscher," mahnst du, „Redlichkeit! Geh deinen graden klaren Pfad!" Ein ganzer Mann! Zur Tat, zur Tat Rufst du uns auf in schwerer Zeit. Kämpf weiter, Richard, kämpfe fort UNd achte nicht der Juden Groll! Zum Siege führ' uns Zoll um Zoll. Es lebe Kunze, Deutschlands Hort! Sehr treffend bemerkt hierzu der Berliner „Vorwärts": „Die verehrten Führer unserer Deutschvölkischen täten gut, den poetischen Huldigungen, die man ihnen spendet, stets mit äußerstem Mißtrauen zu begegnen. Es ist in den meisten Fällen nicht wahrscheinlich, daß sie ernst gemeint sind, und unter den Blütenzweigen der Poesie lauert zuweilen die Schlange giftiger Verbalattentate. Wenn man die Anfangsbuchstaben der einzelnen Zeilen der Briefkastenhymne von oben nach unten liest, so-ergeben sich zwei Worte, die nichts weniger als eine Verherrlichung des „Helden in tausendfält'ger Schlacht" bedeuten. Unser aufrichtiges Beileid, Herr Kunze!" Eine verunglückte Ritualmordhetze. Anläßlich der bevorstehenden Einweihung eines neuen Tempels in Ermihalyfelva, einem ungarisch-rumänischen Grenzort, versuchten einerseits die „Erwachenden Magyaren", anderseits die rumänischen Antisemiten die Inszenierung einer Ritual mordhetze. Sie verbreiteten das Gerücht, daß die Juden beschlossen hätten, zur Einweihung ihrer Synagoge Christenblut zu verwenden und daß auf einem Felde außerhalb der Stadt die Leiche eines christlichen Kindes gefunden worden sei, diem der Kopf fehlte. Eine riesige Menschenmeng-e zog gegen Mitternacht durch di2 Stadt, schlug die Fenster sämtlicher Judenwohnungen ein, drang in mehrere Judenhäuser und' insultierte deren Bewohner, von denen mehrere schwer verletzt wurden. Noch vor diesen Ausschreitungen war die Meldung eingelangt, daß der a n g e bliehe L e i c h e n f u n d auf dem Felde erlogen sei. Die rumänische Gendarmerie verhaftete vier Rädelsführer und. leitete eine Untersuchung ein. Der protestantische Pfarrer berief seine Gläubigen am nächsten Tage in den Pfarrhof und hielt an sie eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: «wwwwwewwwwwwww^^ Gedenket in Leid und Freud des israelifischen Taubstummeninsfifufs in Wien Iii., Juchgasse 22. CfrKWfrMWW^