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Die Wahrheit · 1923-08-17 · Heft 17 (17.8.1923) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 17 (17.8.1923)
Date
1923-08-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 DIE WAHRHEIT Nr. 17 Wahrheiten vom Tage Ein Zionist über den politischen Zionismus. Dr. Markus Ehrenpreis, der Stockholmer Oherrabbiner, ein bekannter Zionist, veröffentlicht im zionistischen „Juden" (Juli-Aug. 1923) unter dem Titel „Meine Kongreßrede" eine Kritik der zionistischen Politik, der wir die folgernden Stellen entnehmen: „Was uns nottut, ist.... unsere Sünden zu bekennen. Alles, was innerhalb des Kongreßzionismus getan und unterlassen wurde, war verbissenes, hypnotisches, mechanisches Losgehen auf das J u d e n 1 a n d, während man das Judentum völlig seinem Schicksal überließ. Hier ist die Quelle unseres vorläufigen Mißerfolges. HerzI wollte welthistorische Realitäten mit Fiktionen ■schaffen. Er wollte über die papierene Brücke eines Charters Israel über den Jordan führen und mit Audienzen und Kongressen das Land unserer Väter in Besitz nehmen . . . Diese Fiktionen konnten zur Not den rein mechanischen Parteibetnieb am Leben erhalten . . . Mit San Remo begann das tragische Versagen des Kongreßzionismus. Das Gerede von der QolusVerneinung nimmt hoffentlich keilner mehr ernst. Die Pogromopfer der Ukraine mußten den Keren Hajessod beweisen; diese Art agitatorischer Bauernfängerei! Seit dreißig Jahren leben wir von diplomatischen Papierfetzen . . . Unsere Diplomatie war ein Klappern mit Mühlen, die nichts mahlen . . . Die Baliourdeklaration mit ihrer demonstrativ privaten Form traf uns unvorbereitet. Der lange vorbereitete Schlag traf ins Leere. U nsere Propaganda hat unsere Diplomatie erschlagen. Die diplomatische Arbeit braucht Stille, Diskretion und ruhiges Ausreifen; die Propaganda aber Geräusch, Sensation und Lärm; der Diplomat verschweigt unfertige Teilerfolge, der Agitator schreit sie über dSe Dächer hinaus, vergrößert sie, übertreibt sie. Die arabische Erhebung gegen das Mandat hat . . . hierin ihren Ursprung. Wir schrien so laut, daß wir neben anderem — selbst den schlafenden Löwen weckten. Wir s i nd nicht das jüdische Volk, sondern nur ein gewisser Bruchteil seiner Massen. Seit dreißig Jahren verkünden wi^dfie ganz willkürliche Teilung des Judentums in „Volk" und „Antiziooistem". Das Volk seien wir, die Schekelzahler; alle anderen seien Assimälanten, Geldjuden^ Notabein, „Missions"- prediger, Verräter, Feiglinge, Volksfeinde . . . Wer gab uns das Recht, alle die anderen, die zum Teil das Beste des jüdischen Geistes und Ansehens, jüdischer Gelehrsamkeit und Opferwilligkeit, jüdischer sozialer Macht und Geldkraft repräsentieren, einfach vor die Tür zu weisen, weil sie nicht in allem und jedem mit uns gehen wollten? Die Mandatarmacht hat ihren Willen deutlich genug kundgetan. Der Balfourbrief wurde nicht an die zionistische Organisation, sondern an einen jüdischen Bürger gerichtet. Der Keren Hajessod ist so gut wie gescheitert, trotz eines ungeheuren PropagandJaapparates, dessen moralischer Preis gleich exorbitant ist wie die Agitationskosten. Die mächtigen jüdischen Kreise aller Länder halten sich fern. Ich unterschreibe Brandeis' Wort: Zion steht über Zionismus, und gehe noch einen Schritt weiter: Das Judenvolk steht über Zion! Polternd in immer überlauter Presse* von der Hand in den Mund lebend, betreiben wir das kleine Parteihandwerk, wir debattieren, spintisieren, klügeln Formeln aus, üben uns in Rhetorik. Unterdessen) verkommt das Volk im Osten immer mehr, entjudet im Westen immer mehr. Damit hängt die Realität zusammen, die in unserer Parteiterminologie den ominösen Namen „Kultur" bekam. Der mechanistische Geist des HerzlismiDS, der nach wte vor unsere Arbeit beherrscht, ist seiner ganzen Natur nach so ungeistig, wie er unhistorisch ist. Die zionistische Propaganda hat, wie sie die Diplomatie störte, so aitch die Kulturarbeit erschlagen. Wir müssen den Weg zur größten jüdischen Realität finden, d e n Weg zur g esamten J u d e n h <e i t!" Zum Schluß aus demselben Heft ein Zitat aus A. Paquet, „Rom oder Moskau": Ich fragte vor kurzem einige jüdische Arbeiter aus dem Osten: „Warum seid Ihr keine Zionisten?" „Wir glauben nicht mehr an die zionistische Idee," war die Antwort. „Wir haben schlechte Nachrichten aus Palästina. Wir wollen arbeiten, daß der Sozialismus komme, er wird die Menschen ändern, dann haben wir die Heimat. Wir wollen nichts als die M ensehen,r echte!" Zur Psychologie der deutschen Fasclsten schreibt R. G. Haeb 1-er in der Berliner „G1 o c k e": „Ihnen allen ist gemeinsamder Wille zur Gegenrevolution, zu einem Teil auf gesetzmäßigem, zu einem Teil aber auch auf dem Wege der Gewalt. In dieser Psychologie aber ist ihre Einheit erschöpft. Schon der Weg zum Ziel wird von ihnen, wie eben ja gesagt, verschieden gesehen. Noch weiter gehen auseinander die realpolitischen Ziele im einzelnen, die Einstellungen auf das, was zu tun ist, wenn erst einmal der Tag ihres Ruhms herangekommen ist. Die Namen Ludendorff, Hitler, Heim sind programmatisch hierfür. Die Richtung -Ludendorff ist durchaus monarchistisch-reichsdeutsch, mit hohenzollernscher Tendenz. Sie glaubt an eine Aufrollung der gegenrevolutionären Front von Süden und Norden her; Bayern einerseits, Pommern-Mecklenburg anderseits sei in der Lage, mit ihren weißen Armeen gegen die sich dann bildende rote Armee zu marschieren, stehen doch mehr als die bayerischen die preußischen Gegenrevolutionäre, alle jene versprengten Ueberbleibsel des preußischen Militarismus, vermutlich auch große Teile der Reichswehr, und vor allem die preußischen Großagrarier auf ihrer Seite. Die Richtung Hitler steht in bezug auf die Taktik der Gegenrevolution zweifellos Ludendorff nahe; doch ist Hitler nicht Monarchist in dem ausgeprägten Sinne wie der Militär Ludendorff. Dazu kommt bei Hitler der sozialistische Einschlag, der sicherlich nicht nur radikale, auf Arbeiteragitation eingestellte Phrase ist, bei aller sachlichen Unklarheit und Unwahrheit des Nationalsozialismus. Für die Hitler-Gardisten ist der republikanische Gedanke an sich nichts Unmögliches, und an eine hohenzollernsche Dynastie werden diese Abenteurer zu allerletzt denken. Die eigentlich separatistische Richtung wird von Heim vertreten. Heim sieht die Gegenrevolution als bayerische Ange-

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