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Die Wahrheit · 1923-08-17 · Heft 17 (17.8.1923) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 17 (17.8.1923)
Date
1923-08-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 DIE WAHRHEIT Seite 13 nationalen Freunde der deutschen Antisemitenführer ausgesprochene Feinde Deutschlands sind. „C. V. - Z e i t u n g." Artur Schweriner. Aus unserem Eechtsciiutz u. Abwehrbüro. Warum und wozu? In Salzburg hat dieser Tage ein Parteitag der österreichischen Nationalsozialisten und gleichzeitig eine Fahnenweihe mit Straßenumzügen stattgefunden, an welchem militärisch organisierte und uniformierte Sturmtrupps aus Bayern und Deutschböhmen teilnahmen. Den Parteitag konnte man nicht verhindern, denn Oesterreich ist ein sogenannter Rechtsstaat, in welchem die Gesetze geachtet werden, wofür wir die Herren Dr. W a b e r und Dr. Frank als Zeugen anrufen. Aber warum und wozu hat man die Fahnenweihe auf dem Domplatze — es ist dies schon die zweite innerhalb kurzer Frist — sowie den Zu- und Umzug der bayrischen und deutschböhmischen Hakenkreuzler gestattet? Ist Oesterreich aus der finanziellen Vernichtung durch die Herren Hitler und Knirsch gerettet worden? Welche staatsmännische Erwägung gestattet diesen Hetzern freies Spiel in einer österreichischen Landeshauptstadt und Verbrüderungsszenen, die wahrhaftig nicht geeignet sind, die Sympathien der großen und kleinen Entente für uns zu vertiefen? Wenn Bundeskanzler Dr. Seipel ein Wahlbündnis mit den Monarchisten eingeht, deren Häuptling der habsburgische Sachwalter Dr. S c h ag e r ist, so mag dies mit der Sorge um die Sicherung seines Sanierungswerkes vor den bösen Sozialdemokraten erklärt werden. Aber wie kommt er dazu, den Boden der österreichischen Republik zum Tummelplatz deutschvölkischer Umsturzbanden aus Bayern und Böhmen werden zu lassen? Welche Fäden laufen vom Wiener Ballhausplatze zu den Schwärmern für Lude.ndorff und Revent- 1 o w, die sich soeben mit den deutschen Kommunisten und russischen Bolschewiken verschwistern? Herr Dr. Seipe.l ist ein kluger und politischer Kopf, aber er geht manchmal wirklich unverständliche und, wie uns scheinen will, gefährliche Wege. „Politik" und Fremdenverkehr. Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt zu rechter Zeit — eine Enquete sich ein. Der jetzt zu Ende gehende Sommer hat den österreichischen Fremdengebieten arge Enttäuschungen gebracht. Die geforderten Wucherpreise haben die Fremden abgeschreckt. Die „Perlen" unserer Alpen, das Salzkammergut, Salzburg, Zell am See, Kitzbühel, Igls, Mayerhofen, das Stubai- und Oetztal sind bis tief in den Sommer leer geblieben und erst der Marksturz und die nachfolgende schreckliche Teuerung in Deutschland haben eine Massenfiucht zurück über die österreichische Grenze bewirkt. Es erhob sich ein großes Wehgeschrei, man verlangte — das ist ja die ultima ratio in Oesterreich — Abhilfe von der Regierung, und diese tat, was in solchen Fällen noch jede österreichische Regierung getan hat — sie berief eine ßnquete. Alle, die mit dem Fremdenverkehr irgend wie zu tun haben, wie z. B. die Praterwirte (!), waren vertreten, nur ein Interessentenkreis, wohl der allerwichtigste, war nicht vertreten — die Sommermieter, die Erholungsbedürftigen, die berühmten Opfer der Fremdensaison. Wie bei allen Enqueten, wurde auch hier fürchterlich heramgequatscht. Aber aus der ungeheuren Redeilüt ragt doch ein Wort hervor, welches festgehalten zu werden verdient. Es war der Vorsitzende der Enquete, der Präsident des Verbandes der Fremdenverkehrs- Organisationen, Oberkurator Leopold Steiner, ('er den Mut hatte, den Finger in eine schwärende Wunde des österreichischen Fremdenverkehrswesens zu legen. Er erklärte die politischen Agitationen in den Sommerfrischen als eine wesentliche Ursache des Rückganges im Fremdenbesuche und fügte hinzu: „Der Fremdenverkehr hat mit der Politik nicht das geringste zutun." 0 weh! Die Erfahrung lehrt das der Fremdenverkehr in umgekehrtem Verhältnisse zu der Intensität politischer '•reibereien in den Sommerfrischen steht. Herr Steiner ist Christlichsozialer und kein Freund der Juden. Daraus erklärt es sich, daß er vorsichtigerweise das Ueoel mcht beim richtigen Namen nennt. Er sprach von „politischen Agitationen" und meinte die Judenhetze. Herr Steiner war nie ein Fanatiker und immer ein Mann von gesundem Menschenverstände. Nicht die Juden allein sind es, die einem antisemitisch verseuchtem Orte fernbleiben, sondern auch gebildete und taktvolle Nichtjuden, die sich ihren Erholungsurlaub nicht durch bäuerliche Brutalitäten oder gar durch hakenkreuzlerische Umtriebe vergällen lassen wollen. Unsere Leser wissen, welchen unablässigen Kampf wir gegen die einzelnen Gemeindevertretungen führen, die immer wieder den Juden den Genuß von freier Wald- und Bergluft vertreiben wollen. In zahlreichen Fällen ist dieser Kampf erfolgreich durchgeführt worden, in einzelnen Fällen sind die Staatsgrundgesetze noch immer außer Kraft gesetzt Man frage doch nur den Mödlinger Großfuhrwerkerssohn Dr. Schürft, unseren jetzigen Handelsminister» in welchem Maße die judischen Sommerfrischler zum Aufblühen der Stadt Mödiing und des Brühltales beigetragen haben. Die ehrsamen Bewohner dieses lieblichen Ortes stecken im Sommer den Antisemitismus ins Futteral und holen ihn im Winter wieder hervor. So geht es überall, in ganz Niederösterreich, in Gmunden, Ischl, Aussee^im Salzburgischen und in Tirol. Und da schon Herr Dr. Schürft dem auch die Eisenbahnen unterstehen, den Fremdenverkehr haben will, so sei er darauf aufmerksam gemacht daß es ein Beamter der Bundesbahnen, der Revident Leo H a übe nb erger, in St Pölten ist, der die ländlichen Gemeindevertretungen unausgesetzt dazu aufhetzt die Freizügigkeit der Juden zu verbieten. Nein, wirklich, die „Politik" sollte mit dem Fremdenverkehr nichts zu tun haben und die Kitzbüheler haben es nicht zu bedauern, daß sie auf die jahrelang festgehaltene „Judenreinheit" ihres schönen Ortes endlich verzichtet haben. Sache der Hoteliers und Gastwirte wäre es, die Landesverbände für Fremdenverkehr auch in Salzburg, Tirol und Kärnten zur Durchführung dieses Grundsatzes zu zwingen. Die Tiroler haben einen der ärgsten Judenhetzer, Herrn Dr. Röhn, zum Sekretär ihres Landesverbandes gemacht. Das heißt doch den Bock zum Gärtner bestellen.

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