Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 17 (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Hat! Wien IX.! Cll I Berggasse 41 der | „Union deutschösterreichischer Juden" ü Postsparkassen-Konto ■ : Nr. 9464 : \ Telephon Nr. 19-2-77 | Die Unversöhnlichen. Der 13. Zionistenkongreß, der „Barmizwah- Kongreß", wie ihn Sokolow nannte, ist dieser Tage in Karlsbad zusammengetreten. Seine wesentlichste Aufgabe bestand in der Entscheidung über die künftige Zusammensetzung der Jewish agency, jener Körperschaft, welche auf Verlangen der englischen Regierung eingesetzt werden muß, um die Weltjudenschaft gegenüber der Mandatsmacht in allen Angelegenheiten des Wiederaufbaues Palästinas zu vertreten. Das Bild, welches dem Kongresse über Palästina und die Palästinabewegung vorgelegt wurde, war kein tröstliches. Die offiziellen Berichte lassen keinen Zweifel darüber, daß im abgelaufenen Jahre die palästinensischen Pioniere in eine sehr kritische Lage geraten waren, daß sich an allen Ecken und Enden ein bitterer Geldmangel fühlbar machte und das Aufbauwerk ins Stocken brachte. Die Heranziehung der überwiegenden Mehrheit der Juden in den Galuth-Ländern, die nicht in der zionistischen Organisation stehen, ist eine unausweichliche Notwendigkeit geworden. Diesem Zwecke sollte der „Keren Hajessod'; dienen, welcher zwar die großen Erwartungen, die man bei seiner Schaffung hegte, nicht erfüllt hat, dem aber von Seite der nichtzionistischen Juden, namentlich in Amerika, sehr bedeutende Beträge zugeführt worden sind. Es ist nun eine ganz selbstverständliche Forderung, daß denjenigen, welche Geld zu einem bestimmten Zwecke geben, ein Einfluß auf die Verwendung dieses Geldes eingeräumt werde. Auf diesem Standpunkte stehen die zionistischen Führer Weizmann und Sokolow, stehen alle vernünftigen und einsichtigen Elemente des Zionismus nicht nur aus staatsmännischen und moralischen Gründen, sondern auch aus sehr nüchternen materiellen Erwägungen heraus. Es gibt in aller Welt Millionen Juden, die den jüdischnationalen Standpunkt für ihre engeren Heimatländer entschieden ablehnen, die aber, sei es aus charitativen, aus religiösen oder selbst aus Gründen der politischen Dynamik sich mit erheblichen Opfern an der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina zu beteiligen wünschen. Nachdem die rein zionistische Propaganda versagt hat, ist es, abgesehen von der Verantwortlichkeit gegenüber der britischen Mandatsmacht, nur ein Gebot praktischer Klugheit, die nichtzionistischen, aber palästinafreundlichen Juden der ganzen Welt frei von allem Parteidoktrinarismus und Parteiterror zu dem Aufbauwerke heranzuziehen. Dieser Forderung standen und stehen aber auf dem Karlsbader Kongresse die Unversöhnliche n gegenüber, die nach dem Grundsatze: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so hau' ich dir den Schädel ein", jede Zulassung von Nichtzionisten zu der Jewish agency ablehnen. Man kennt diese Art von Fanatikern aus der turbulenten Wiener zionistischen Couleur. Ihnen haben sich die Delegierten aus den östlichen Ländern angeschlossen, die an Zahl stark, an politischer Einsicht recht schwach sind. Ihre Sorge gilt vor allem der „Gloire" der zionistischen Partei, oder wie Weizmann treffend sagte, der „Sektiererer. Mit der Erteilung und Anerkennung des Mandats ist in der gesamten Judenheit ein Wandel der Anschauungen bezüglich Palästinas eingetreten. Palästina soll erstehen, das ist der Wille der Judenheit. Aber es soll nicht erstehen als Tummelplatz gehässiger Parteiungen und leidenschaftlicher Fraktionen, sondern es soll tatsächlich eine wohnliche Heimstätte für alle Juden werden, die aus freiem Willen palästinensische Bürger werden wollen. Die „Unversöhnlichen" des Kongresses aber wollen nicht nur in Palästina selbst eine Parteidiktatur aufrichten, sondern schon im Vorstadium, in der Berufung der Jewish agency eine solche Diktatur ausüben und so das Werk von einem alljüdischen zu einem parteipolitischen herabdrücken. Dieselbe Tendenz zeigt sich auch in den stürmischen Kämpfen zwischen Links und Rechts, zwischen den nichtreligiösen Poale Zion und den Anhängern des gesetzestreuen Judentums. Der Kampf datiert nicht von gestern und heute, er tobt schon seit Langem gegen die „Agudas Jisroel", die fast gleichzeitig mit dem Karlsbader Kongreß ihre Weltschau, die „Kenessioh Gedaulo" in Wien abhält. Nur die ungeheuerste Verbohrtheit kann es leugnen, daß das gesetzestreue Judentum eine ganz unvergleichliche Potenz für den Wiederauibau Palästinas bildet, daß es keine begeisterteren und opferfreudigeren Palästinafreunde geben kann als die Anhänger der Aguda. Wer Palästina aufrichtig will, das Herzl sogar als theokratischen Staat erträumt hat, kann die gesetzestreuen Juden unmöglich von der Mitarbeit ausschließen. Es ist ein tiefdemütigendes Gefühl, das die heftigen, bis zu Schimpf reden gesteigerten Diskussionen auslösten. „Ward je in solcher Laun' ein Weib gefreit?" Soll auf solche Weise das zionistische Judentum zum Vertrauen auf die zionistische Initiative erzogen werden? Herr Grünbaum ist in Karlsbad als der Wortführer des polnischen Judentums aufgetreten. Aber die polnischen Delegierten auf der Kenessioh Gedaulo der Aguda strafen ihn Lügen. Der Welt, die er zu vertreten vorgibt, steht eine ungleich größere und reichere Welt Kvir meinen nicht den Reichtum an Geld, sondern den Reichtum an Gemüt) gegenüber, deren Vertrauen er nicht besitzt. Der Beweis ist heute erbracht, erbracht durch den Karlsbader Kongreß, daß Palästina nur durch die Tatkraft und Opfer Willigkeit aller Juden, nicht aber einer einzigen jüdischen Partei erstehen kann. Aber bestehen wird es nur, wenn in seinen Grenzen Duldsamkeit gegenüber jeglicher politischen und religiösen Ueberzeugung herrschen wird. Die „Unversöhnlichen", die diese Duldsamkeit verhindern, die weite Kreise des jüdischen Volkes teils aus Doktrinarismus, teils aus Machtbegier von sich stoßen und von Zank und Zwist ihr Dasein fristen, werden früher oder später noch vor einem anderen Forum als vor dem Karlsbader Präsidialtisch über diese herostratische Tätigkeit Rechenschaft geben müssen. —sch—