Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 17 (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 17 deutung des heutigen Tages besonders darin zu erblicken sei, daß mit der „Kenessioh" die Agudas Jisroel zum erstenmal die politische Tribüne betrete. Hierauf erstattete Oberrabbiner Dr. Löwenstein (Zürich) das Referat: „Israel und der Volksfriede". Im Sinne seiner Ausführungen faßte die Versammlung folgende Resolution: „In dem geschichtlichen Augenblick, da zum erstenmal seit Beginn des Exils der Judenheit die gewählten Vertreter der thoratreuen Juden zu ihrer großen Versammlung (Kenessio Gedauloh) auf den Ruf der „Agudas Jisroel" aus nahen und fernen Ländern zusammengekommen sind, entbieten sie allen Völkern und Staaten einen GrulJ des Friedens und einen Gruß der Versöhnung. Die Kenessio Gedauloh denkt mit tiefem Schmerz der furchtbaren Verwirrungen und Leiden, unter denen die Menschheit zusammenzubrechen droht. Sie erblickt in diesem Leide einen wirksamen Mahnruf der Rückkehr zum Vater der Menschheit, der über alle Nationen mit unerschöpflicher Liebe die Hütte seines Friedens spannt. Die Kenessio Gedauloh begrüßt die Organisation des Völkerbundes in der heiligen Hoffnung, daß der Völkerbund Recht und Gerechtigkeit zur Grundlage der Beziehungen der Völker zu einander gestalten wird. Die Kenessio Gedauloh spricht die Erwartung aus, daß im Laufe der Entwicklung die das Leben der Völker beeinflussenden und bestimmenden religiösen Weltanschauungen innerhalb des Völkerbundes zur Geltung kommen, damit aus dem Völkerbund Versöhnung und Friede erwachse." Der Kongreß beschloß, die Resolution dem Völkerbunde in Genf zu übermitteln. Nachdem der unermüdliche und überaus seistreiche Dr. J. Rosenheim (Frankfurt) die Hauptaufgabe der Tagung in vier Punkten: Organisation der gesetzestreuen jüdischen Massen, Arbeit nach dem Prinzip der Erziehung, wirtschaftliche Fürsorge und Sorge für ein heiliges Leben im heiligen Lande präzisiert hatte, trat eine viertelstündige Pause ein und dann begann eine lange Reihe der Begrüßungen aus den einzelnen Ländern. Es sprachen Rabb. Thumim im Namen der österreichischen Landesorganisation, Kommerzialrat S. Bondi im Auftrage der orthodoxen Bethäuser Wiens. Grüße des greisen Gelehrten Rabbi Chaim Sonnenfeld brachte Rabbiner Rubin aus Jerusalem. Oberrabbiner M. M. Eppstein, der Leiter der S1 ob o t k e r Talmudhochschule bezeichnete das Leitmotiv der Agudah die Rückkehr zur Sinai-Offenbarung. Er wandte sich gegen alle, die das alte Geheiligte verdrängen wollen und bezeichnete deren Tätigkeit als ein Pogrom der Seele: er schloß mit der Ermahnung zum Aufbau Palästinas in Heiligkeit. Mit der Schöpfung des Lichtes verglich Sejmdeputierter Lewin-Samter (Ostgalizien) die Gründung der Agudas. Oberrabbiner Z i r e 1 s o h n - Kischenew zeigte an der Geschichte des jüdischen Volkes, wie stets die Zusammenfassung der Gottesgläubigen das Volk aus Not und Abfall rettete. Ferner sprachen Rabbiner K a t z - Neutra im Namen der slowakischen Landeskanzlei, im Namen Amerikas Rabbiner Dr. Jung- New-York, Abgeordneter D u b i n - Riga gedachte der unseligen Leiden unserer Brüder im fernen Osten. Doktor Schiff- London sprach im Namen des Exekutivkomitees. Eine hebräische Rede von Rabbiner Nissim Nachum aus Mesopotamien und eine Rede von Herrn Sternbusch- Basel beschloß die Sitzung. Darauf trat der Permanenzausschuß zu seiner Konstituierung zusammen. Gleichzeitig fand die Besprechung der einzelnen Landesorganisationen statt. * * * Das Präsidium der Tagung wurde wie iolgt gewählt: Präsident Oberrabbiner Senator Zirelsohn, Kischinew, Rumänien. Die kleineren Landsmannschaften haben auf Vertretung im Präsidium verzichtet. Von den größeren Landsmannschaften wurden folgende Herren ins Präsidium entsandt: Rabbiner Blau, Jerusalem; Chaim Eis, Zürich; Rabbi Mausche Mordeichai Eppstein, Slobotka; Gottfried G o 1 d s c h m i d t, Halberstadt; G o d d m a n, London; Rabbi Chaim Aus er, Grodzenczki, Wilna; Rabbiner Horowitz, Jerusalem; Julius Holländer, Frankfurt a. M.; Hurwitz, Warschau; Rabbiner Dr. Jung, New-York; Oberrabbiner K at z, Neutra; Redakteur K am i n e r, Warschau; Sejmabgeordneter Kirschbraun, Warschau; Dr. Pinkas Kohn, Wien; I. M. Lewin, Warschau; Sejmabgeordneter M. D. L e w i n, Sambor; Oberrabbiner Dr. Löwenstein. Zürich; Sejmabgeordneter Rappaport, Czortkow; Jakob Rosenheini, Frankfurt a. M.; Oberrabbiner Sejmabgeordneter Schapiro, Sanok: Thumim, Wien; Leo Wreschn e r, Frankfurt. begreifen läßt. Auch das wenige wirklich Anfechtbare hat der Verfasser keineswegs unterschlagen, vielmehr ehrlich sich bemüht, die psychologischen Wurzeln aufzuzeigen!, aus denien es emporwuchs. Man kann nicht leugnen, daß manches Stück der angezogenen rabbinischen Literatur, zumal wenn ihm in einzelnen seltenen Fällen, wie der Verunreinigung im Zelt, Seite 269, der Kommentar fehlt, für den mit den Dingen nicht vertrauten Leser eine schwierige Lektüre bleibt. Etwas guter Wille gehört schon dazu, um mitdenkend zu begreifen, Aber es gibt keinen anderen Weg der einwandfreien Auseinandersetzung. Jede erleichternde Umschreibung würden die Gegner als Abschwächungsversuch auszulegen bereit sein. Der gute Wille freilich ist die Klippe, an der alle noch so verstandesklar vorliegenden Abwehrgedanken hoffnungslos abprallen. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis, s o w i e Sach-, Orts-, Namen -und Stellenregi-, s t e r gewähren dem Benutzer des Buches die Möglichkeit, auf jede Frage schnell die Antwort zu finden. Auf Einzelheiten einzugehen, die im Zusammenhang des Ganzen schließlich nur Nebensächlichkeiten sind, hat keinen Wert. Immerhin mag bemerkt werden, daß Origenes, der auf Seite 6 mit dem Prädikat des Heiligen versehen ist, der Kirche als Ketzer gilt. Maimonides, Seite 61, war in Kairo nicht Leibarzt des Sultans Saladin, sondern der seines Wezirs al-Fadil. Die Behauptung, Seite 39, daß die Offenbarung, des Johannes eine wahrscheinlich echte Schrift des Lieblingsjüngers Jesu sei, dürfte bei den allermeisten Theologen auf Widerspruch stoßen. Auch geht es doch wohl kaum an, das Dankgebet, „daß du mich nicht ein Weib hast werden lassen", Seite 36ü f, geradenwegs auf S o k r a t e s und P 1 a t o zurückzuführen. Bei den Ausführungen über Todesurteile und Hinrichtungen, Seite 215 ff, ist ganz außer Acht gelassen die selbst von jer. Sanhedrin 11 und VII2 zugestandene Einschränkung der Kompetenz jüdischer Gerichte durch die Römer. Es bleibt aber ein wesentlicher Unterschied, ob man rein theoretische Bestimmungen in dieser Richtung trifft, unter dem Eindruck einer zweifellos oft ungerecht verfahrenden feindlichen Macht, oder ob man wirklich Gesetze schafft. Daß auch die Register einer sorgfältigen Durchsicht bedürfen, zeigt das Fehlen des Namens Wahrmund im Namenregister. Doch genug davon! Wer Blochs inhaltsreiches Buch nimmt, wird sich als Freund daran erfreuen und zum Kampf gestärkt fühlen. Die Feinde werden es nicht ohne Beschämung lesen können. Möge es bald eine neue verbesserte Auflage erleben!