Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 17 (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17 DIE WAHRHEIT Seite 3 Die am 15. <L M. erfolgte Eröffnung gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. Der Andrang der Wiener Bevölkerung zum Kongresse war ein außerordentlicher, so daß sämtliche Galerien überfüllt waren. Es war aber auch ein interessanter Anblick, diese von demselben Ideal geleitete Mischung von Ost und West, die dem Zuschauer unbedingte Achtung einflößen mußte. Verstärkt wurde dieses Gefühl der Achtung, als der rabbinische Rat, der sich aus ehrwürdigen Vertretern unserer Religion zusammensetzt, auf der für ihn bestimmten Tribüne Platz nahm. Die Ehrwürdigkeit einzelner Gelehrter dokumentierte sich schon in ihrer Erscheinung und ihren markanten Gesichtszügen und wenn man sie sah, dann begriff man teilweise die große Liebe und Popularität, deren sie sich in weiten Kreisen erfreuen. Gestalten wie „C h o f e z Chajim" oder der „Goraer", werden jedem unvergeßlich bleiben. Die Zahl der Herren, die dem Weltkongreß die Wege ebneten, ist eine überraschend geringe und erwähnen wir von dem geschäftsführenden Ausschuß zunächst den geistigen Führer der Bewegung Herrn Jakob Rosen heim aus Frankfurt, sowie aus der gleichen Stadt die Herren Großindustrieller Leo Wreschner, Zahnarzt Dr. E h r m a n n, Jakob Strauß, Rechtsanwalt Dr. Isak Breuer, Julius Holländer, Heinrich Eisenmann, ferner die Herren Maier Lewin und Trockenheim (Warschau), von den Wienern der ewig junge Herr Kultusvorsteher Wolf Pappenheim, der unermüdliche Kommerzialrat S. B o n d i, der überaus agile geistige Lenker der Wiener Bewegung Dr. Pinkas Kohn, Rabbi Beer-Friedmann, Oberrabbiner Fürst und Kaiman Pappenheim, Oberrabbiner Sejmabgeordneter S c h a p i r o, Sanok, Oberrabbiner M. M. Eppstein. Slobotka, Oberrabbiner Sejmdeputierter Zirelsohn, Kischenew, Oberrabbiner Katz, Neutra. Ein besonderes Lob gebührt dem Präsidenten der K.-G.-Leitung Herrn Dr. David Schlesinger, unter dessen Aufsicht die beschwerlichen Arbeiten Tag und Nacht in überaus kurzer Zeit zu Ende geführt wurden. Ihm zur Seite stand, soweit es sich um das technische Gebiet handelte, Herr Adolf Pappenheim. Nicht unerwähnt soll der tadellos funktionierende Pressedienst bleiben, an dessen Spitze Herr Dr. Falk Schlesinger aus Berlin steht. Seiner Umsicht und Routine ist es gar Glicht anzumerken, daß er kein Berufsjournalist, sondern ein ebenso beliebter als tüchtiger praktischer Arzt ist An menger, Rohling, Justus (Briman), Ecker, Wahrmund, Fritsch und Dinter. Damit dürfte auf diesem Gebiete nichts von irgendwelcher Bedeutung unter den Tisch gefallen sein. Das buntscheckige Material ist nach einer mit Humor gewürzten allgemeinen Charakteristik der Antisemiten als Einleitung geschickt in große Gruppen gegliedert. Man findet da all die bekannten Schlagworte wieder: Gibt es jüdische Geheimgesetze?; Talmud und Christentum; Der Schulchan Aruch und seine Geltung; Gesetze über Mein und Dein; Wucher; Vom Eide; Vom Kulturwert des jüdischen Volksstammes; Das Gebot der Nächstenliebe; Realismus und Mammonismus; Zur Blutlüge u. a.? m. Damit kennzeichnet sich das Buch als erster Teil eines umfassenderen Werkes, dem noch ein zweiter folgen müßte mit einer Entgegnung auf alle die Fragen, welche erst in neuerer Zeit brennend geworden sind, wie etwa: Die Rassenfrage; Anteil der Juden am Wirtschaftsleben, an der Wissenschaft, an der Presse; Verhalten der Juden im Weltkriege, daheim und im Felde. Wenn auch der Verfasser solche Ergänzung bisher nicht ins Auge gefaßt hat, so wäre ihr baldiges Erscheinen durch ihn selbst oder einen anderen Berufenen dringend zu wünschen. Ein sehr wesentlicher Vorzug des Buches besteht darin, daß der Verfasser, soweit es möglich ist, den Herren Stroh und Dr. J. Po Hak sowie einer Anzahl Berufsjournalisten fand er stets bereite Helfer. * * Die feierliche Eröffnungssitzung des Kongresses fand Mittwoch, den 15. d. M., um 5 Uhr nachmittags, statt. Zur Festsitzung hatten das Ministerium für Aeußeres, das Ministerium für soziale Fürsorge sowie die Gesandtschaften von Deutschland, Frankreich, England, Schweiz, Türkei, Tschechoslowakei und Polen Vertreter entsandt. Vom Bundespräsidenten Dr. H a i n i s c h, ferner vom Bundeskanzler Dr. S e i p e 1, Polizeipräsidenten Schober und dem Apostolischen Nunzius langten Begrüßungsschreiben ein. Das von uns an anderer Stelle veröffentlichte zur Verlesung gebrachte Begrüßungsschreiben des Bundeskanzlers Seipel rief stürmischen Beifall hervor. Begrüßungsschreiben sind ferner von den Botschaften Großbritanniens und der Vereinigten Staaten sowie von der dänischen, niederländischen, serbischen, rumänischen und ungarischen Gesandtschaft eingelangt Zum Kongreß sind über 900 Delegierte aus fast allen Ländern, in denen Juden wohnen, angemeldet. 442 haben sich zur Eröffnung eingefunden. Davon stammen 240 aus Polen, 45 aus Deutschland, 21 aus der Tschecho-Slowakei, 26 aus Rumänien, 8 aus Palästina, 1 aus Mesopotamien, 1 aus Aegypten, 14 aus Amerika, 11 aus England, 22 aus Litauen. Außerdem sind Belgien, Dänemark, Norwegen, Lettland, Holland, die Schweiz, Oesterreich und die Ukraine vertreten. Im Namen des geschäftsführenden Ausschusses begrüßte Präsident Rabbiner Dr. Pinkas Kohn die Versammelten und gedachte gleichzeitig der verstorbenen Führer der Bewegung. Für den rabbinischei: Rat begrüßte der oben erwähnte, nach seinem Hauptwerke im Volksmund „Chofez Chaji m'' genannte, mehr als achtzigjährige Rabbi Jisroel Meier Hakohen aus Radin, der Verfasser einer großen Zahl moralphilosophischer und ethischer Werke, die Versammlung, die seinen Worten mit stiller Ergriffenheit lauschte. Er führte aus: Es sei eine Vorschrift, den Altar nicht aui Stufen zu erklimmen. Auch an das Rednerpult trete er nicht als auf der höchsten Stufe der Gelehrsamkeit und Frömmigkeit stehend, nur als Greis und kraft seiner priesterlichen Abstammung fühle er sich berechtigt die Versammlung zu segnen. Hierauf hielt Sejmdeputierter Rabbiner Schapiro aus Sanok eine mit stürmischen Beifall aufgenommene Begrüßungsansprache, in der er auseinandersetzte, daß die Benicht referierend schreibt, sondern die Quellen selber sprechen läßt. Er führt den gegnerischen Vorwurf meistens im Originaltext vor und widerlegt ihn dann wiederum mit den eigenen Worten anerkannter Autoritäten. Neben einer Fülle von Zitaten jüdischer Autoren, des Mittelalters und der Neuzeit liefern ihm da einen wesentlichen Beitrag die Uebersetzung; welche die beiden christlichen, als gelehrte Sachverständige bekannten Professoren Nöldecke und Wünsche ihrem im Prozesse Bloch gegen Rohling dem Wiener Landesgerichte eingereichten Gutachten beigefügt haben. Bisher war diese wichtige Arbeit den meisten unerreichbar. Und gerade sie leistet um so bessere Dienste, als man über das Urteil ihrer Verfasser als Nichtjuden mit großem wissenschaftlichen Ansehen nicht ohne weiteres mit dem Achselzucken des Mißtrauens hinweggehen kann, wie es so oft den Aeußerumgen jüdischer Gelehrter gegenüber geschieht. Daneben finden sich zahlreiche historische Berichte und nicht zum wenigsten auch kulturgeschichtliche Bilder aus Heidentum und Christentum, durch deren Herbeiziehung vieles an den Vorwürfen überhaupt erst verständlich wird. Manchen polemischen Seitenhieb auf den Gegner hätte man dabei im Interesse der Sache lieber unterdrückt gesehen, obwohl sich der Unmut, der ihn veranlaßte, nur zu gut