Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 17 (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 17 nessioh" ein wichtiger Meilenstein werde. Unsere alten Weisen (Tanchumo Nizzowim) lehren: „En Jisroei nigolim ad schejihju kullon aggudoh echos", „Die Erlösung kann uns erst kommen, wenn ganz Jisroei eine einzige große Aguddoh bildet." In diesem Geiste der Versöhnung möge die Kenessioh wirken! Wir rufen ihr das Wort unseres größten Meisters Mausche Rabberai olow hascholaum zu: „Jehi rozaun schetischre schechinoh bemaasse jedechem!" ,,M ö g e der Segen des Ewigen üb er Eurem Werke walten!" * * * Der Bundeskanzler an den Zentralrat der Agudas Jisroei Wien. Indem ich für die liebenswürdige Einladung zu der für den 15. d. M. angesetzten Eröffnungssitzung des ersten Kongresses der Agudas Jisroei nieinen verbindlichsten Dank sage, bitte ich zur Kenntnis nehmen zu wollen, daß ich an diesem Tage noch nicht in Wien sein werde und daher außerstande bin, dieser Ihrer Einladung Folge zu leisten. Ich möchte aber nicht unterlassen, Ihre Vereinigung wenigstens auf dem schriftlichem Wege bestens zu begrüßen und Ihren Verhandlungen einen gedeihlichen Verlauf zu wünschen. In einer Zeit, die den aufbauenden Wert des Gottesglaubens und der Treue zur angestammten Religion weiten Volkskreisen neuerdings vor Augen geführt hat, begrüße ich es als katholischer Priester aufrichtig, wenn Agudas Jisroei, diese Organisation des rein religiös orientierten Teiles der Judenschaft, sich ihrerseits mit Ueberzeugungstreue für diese ewigen Ideen einsetzt. Ich danke Ihnen auch für die freundlichen Worte, die Sie in Ihrem Einladungsschreiben für das Sanierungswerk Oesterreichs fanden, dessen Regierung sich bewußt ist, den jüdischen Bürgern ihres Landes die von der Verfassung verbürgten Rechte gewahrt zu haben. Gerne pflichte ich Ihren schönen Worten bei, daß das Beispiel Oesterreichs, welches sich aus der Tiefe des Elends schnell zur freudigen, hoffnungsvollen Bestätigung seiner Kräfte empor rafft, Kraft und Trost für den Sieg jeder reinen Idee gibt. Kallwang, am 6. August 1923. Seipel m. p. * * Die Zirkusgasse in der Leopoldstadt hat ihre Sensation. Das Gebäude, nach dem sie# den Namen führt, der allen Wienern wohlbekannte Zirkus' Renz, ist vollständig umgebaut und für einen rein geistigen Zweck nach dem Muster eines modernen Parlaments mit einem großen Kostenaufwand adaptiert worden. Ein praktisch eingerichteter Sitzungssaal,, dessen Wände mit hebräischen Zitaten geschmückt sind, läßt nebst der Präsidial- und Rednertribüne, die Logen für die Weltmacht Presse, dem Stenographentisch, Tribünen für den rabbinischen Rat einer großen Anzahl von Bänken Raum, auf denen die 500 Delegierten Platz nehmen. Dem Parlamentscharakter entsprechend, weist das Gebäude auch zwei Galerien auf, und bei all dem ist bautechisches Verständnis bemerkbar, nur die schlechte Akustik des riesigen Raumes ist das einzig Störende. In den verschiedenen Trakten des großen Hauses sind die einzelnen Komitee-, Kommissionsberatungs- und Journalistenzimmer, Verkehrsbureaus sowie ein eigenes Postamt untergebracht. Zu Ehren des diplomatischen Korps war das Gebäude mit Fahnen aller Länder, die verr treten waren, geschmückt. Feuilleton Ein Kompendium der jüdischen Apologetik, Von Pastor W i n d f u h r, Hamburg. Der Durchschnittsantisemit hat es bequem und leicht. Wenn er zum Kampfe ausrückt, nimmt er sein „Handbuch der Judenfrage" her, welches ihm leichtes und schweres Geschütz allzeit bereit zur Verfügung hält. Er braucht es nur aufzustellen, um je nach Bedarf das eine oder das andere im gegebenen Augenblick abzufeuern. Die Wirkung bleibt in den meisten Fällen nicht aus. Der Gegner wird in Bälde zum Schweigen gebracht. Zwar ist es im großen und ganzen nur eine beschränkte Anzahl von immer wiederkehrenden Punkten, gegen die man sich zu wehren hat. Allein diese wenigen großen Einwände gründen sich auf eine derartige "Masse von Einzelheiten, daß schließlich nur noch einer, der ganz in diesen Dingen lebt, die rechte Antwort stets bereithaben kann. Das Abwehrmaterial liegt sehr zerstreut und findet sich noch obendrein manchmal an Stellen, die schwer zugänglich sind und dem Gedächtnis entschwinden. Diesem Uebelstande ist nunmehr zum guten Teile abgeholfen durch das groß angelegte Werk des hochbetagten ehemaligen österreichischen Rabbiners und Parlamentariers Dr. Joseph S. Bloch mit dem Titel: „Israel und die Völker nach jüdischer Lehre" (Berlin-Wien, Verlag Benjamin Harz. LH und 830 Seiten; Grundpreis geb. 20 Mark). Das umfangreiche Buch ist infolge einer Anregung J e 1- Üneks vom Jahre 1893 entstanden, der damals in einem offenen Briefe den Verfasser dazu ermunterte, indem er ihn einen Herkules im antisemitischen Augiasstall nannte. Man könnte ihn noch treffender als den Herkules bezeichnen, der der Hydra einen Kopf nach dem andern abschlägt. Er geht wahrhaftig mit schneidiger Waffe und sengender Fackel den Vorwürfen der Gegner zu Leibe. Und wenn das Ungetüm auch noch nicht gleich tot am Boden liegt, — es sind immerhin noch einige Köpfe sitzen geblieben — so darf er doch hoffen, sein Schwert als ein brauchbares Instrument den Kampfgenossen in die Hand gegeben zu haben, mit dem sie nicht nur weiterhin wacker fechten, sondern nach dessen Muster sie sich auch weitere Waffen schmieden können. Wie die M i s c h n a durch eine lange Epoche ausschließlich mündlich tradiert und dann erst schriftlich festgelegt wurde,' so geht es ähnlich dem antisemitischen Stoff. Bloch zieht alles dasjenige in den Kreis seiner Betrachtung, was bisher an Einwendungen gegen das Judentum gleichsam kanonisiert wurde in den Schriften von Wagenseil, Eisen-