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Die Wahrheit · 1923-08-10 · Heft 16 (10.8.1923) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 16 (10.8.1923)
Date
1923-08-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 16 DIE WAHRHEIT Seite 15 ihn, der für den Gedanken des Bundes wie kein zweiter in seiner Vaterstadt gewirkt hat, zwingt, die Freunde zu verlassen, mit denen ihn gemeinsames Erleben Jahre hindurch verband. Er will wenigstens Klarheit haben, warum es so sein soll. Und der •Freund schreibt an die Leitung der Führerwoche des Pfadfinderbundes, die eben den „Judenparagraphen" beschlossen hat, einen klaren, männlichen Brief, in dem er die Unsinnigkeit dieses Beschlusses gerade an dem Einzelfalle, wie er sich bei seinem jungen Freunde darstelle, hinweist. Nach mehreren Wochen erhielt er von dem Reichsfeldmeister des Deutschen Pfadfinderbundes ein ausführliches Schreiben, ein erschütterndes Dokument für den Verfall deutscher Geisteskultur, es wirft in das Halbdunkel völkischer Wühlarbeit ein jähes Licht. Der Herr Reichsfeldmeister erkennt zunächst „die hervorragende Pflichterfüllung dieses jungen Menschen" an, aber: in der Vorkriegszeit haben die Juden im Pfadfinderbunde eine typisch jüdische Rolle gespielt: „Hang zu Aeußerlichkeiten,. ungesunder persönlicher Ehrgeiz . . . Protzentum und Frühreife." Als nach Friedensschluß die Pfadfinderei sich umstellte, erwies sich „die Ungeeignetheit des Juden überhaupt für eine Gemeinschaft, die sich auf Selbstlosigkeit und persönliche Werte aufbauen muß." Für den Herrn Reichsfel dm eister steht es fest, daß ein „Jude zwar dem Paragra phen nach, aber nie dem Wesen nach Deutscher sein kann". Der Herr Reichsfeldmeister und seine Freunde haben „in Friedens-, Kriegsmnd Nachkriegszeit ein klares Bild über den zersetzenden Einfluß der jüdischen Elemente innerhalb und außerhalb unserer Reichsgrenzen gewonnen". Und was führt der Herr Reichsfeldmeister zur Stützung dieser Behauptung an? Den verleumderischen Bericht der „Deutschen Zeitung" über eine Versammlung, die vorn Zentralverein gemeinsam mit der deutsch-jüdischen Jugendgemeinschaft veranstaltet wurde, wofür der verantwortliche Redakteur der „Deutschen Zeitung" sich vor dem Strafrichter wird verantworten müssen. Die großen politischen Parteien hatten mit dem „Judenpaiographen" den Anfang gemacht, ihre Anhänger soigei» dafür, daß die '-leranwachsende Jugend aller Schichten im Sinne dieses Parteiprogramms erzogen wird. Darum werden ai m diese jungen Menschen chinesische Mauern errichtet, darum werden ihnen Scheuklappen angelegt, damit sie nichts anderes sehen als das ihren Führern und deren Hintermännern Genehme. Deshalb klagen wir diese Führer und ihre Hintermänner an, daß sie für die Geführten einen „ Pfad finden" wollen, der sie zu Gedankenträgheit und Eigendünkel führt. Solche Gedankenträgheit bringt es mit sich, daß die Genarrten erst in ihrer Zeitung einen Artikel lesen, der alles erdenklich Gute über ihre jüdischen Freunde sagt, dann aber einen Beschluß über sich ruhig ergehen lassen, daß dieselben jüdischen Freunde „wesensfremde Elemente" seien. Erhardts Pistoleltforderung. „Die Glocke" (Berlin) bringt folgende charakteristische Erinnerung aus Erhardts Jugend: Er ist in Diersburg in Baden geboren, sein Vater war Pfarrer in einem kleinen Orte nahe der badisch-schweizerischen Grenze. Der alte Spruch, daß Pfarrerskinder und Pfarrerskühe nie geraten, hat sich auch an ihm bewahrheitet. Er war von klein auf ein wilder Bursche und zeichnete sich in der Schule weniger durch sein Wissen als durch seine bösen Streiche aus. Er soll einen Lehrer, der es sich erlaubte, ihm gegenüber zum Ausdruck zu bringen, daß er mit seinem Benehmen nicht ganz einverstanden sei, auf Pistolen gefordert haben. Diese Neigung, Konflikte mit der Waffe austragen zu wollen, auch da, wo die Waffe ein durchaus untaugliches Mittel darstellt, ist ihm treu geblieben. Deshalb kam der Kapp-Putsch, deshalb saß er in Leipzig. Nimm dir was. Vor kurzem wurde ein Strafprozeß gegen einige Angehörige jener Ostara- Gruppe zu Ende geführt, deren Aufgabe es war, Versammlungen, die angeblich mit dem deutschvölkischen Geist in Wien unvereinbarlich waren, zu vereiteln. So wurde unter anderem ein Vortrag des deutschen Pazifisten Nikolai mittels Gummiknütteln, Schlagringen und Dolchmessern gesprengt. Die Polizeimannschaft, von der gesagt wurde, daß sie bei mehr Um- und Vorsicht die meisten Ausschreitungen hätte verhindern können, überstellte zwei der gedungenen Kerle dem Gericht. Es waren dies der unrühmlich bekannte Offizier Szabo und sein Adjutant, der Maurergehilfe Groß. Ein Kapitän Mossig erwählte den besseren Teil der Tapferkeit und wandte sich rechtzeitig zur Flucht nach dem Auslande. Aber auch die Verantwortung des edlen Brüderpaares Szabo-Groß war in vielen Belangen sehr aufschlußreich. Besonders die Verantwortung des Arbeiters Groß, man habe einem Wink des Kapitäns Mossig Folge gebend, die im Saale anwesenden Juden nicht bloß verprügelt, sondern sie auch ihrer Wertsachen beraubt. Groß fand dies in wirklicher oder gut gespielter Naivität als eine Selbstverständlichkeit. Man erinnert sich, daß auch bei den Störungen der „Reigen"-Aufführungen die Besucher feststellten, daß ihnen während des Tumults Uhren, Geldbörsen, und in den Garderoben Pelze abhanden gekommen waren. Die Löhnung der Ostara- und sonstigen völkischen Söldlinge scheint für Deutschtum, Sitte, Brieftaschen und Ueberkleider zu sein. Woran schon lange nicht zu zweifeln war. Ebenso, daß die Kleinen mit etlichen Wochen Kerker hängen, die im Verborgenen weilenden Großen aber frei bleiben. »KWWWfiWWWWWWW^^ Gedenket in Leid und Freud des israelitischen Taubstummeninstituts in Wien III., Juchgasse 22. ■WWWWWWWWWCWWfl-^

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