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Die Wahrheit · 1923-08-10 · Heft 16 (10.8.1923) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 16 (10.8.1923)
Date
1923-08-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Nr. 16 Wahrheiten vom Tage Der Mantel im Winde. Josef S t o 1 z i n g ist heute der Berichterstatter des Grazer „Michel" für Deutschland und deshalb Radauantisemit vom reinsten Fahrwasser. Als Stolzing noch auf den Namen Cerny hörte und als solcher in Oesterreich den alles andere als deutschfreundlichen Staatsmann Grafen Thun unterstützte, war er Mitarbeiter des Berliner „Deutschen Volksrechtes", überwarf sich aber mit der Leitung dieses Antisemitenblättchens und ging zum Berliner „Kleinen Journal" über, in dessen Spalten er die antisemitischen Verhältnisse Deutschböiimens ausführlich beschrieb. Die Antisemiten belohnten ihn dafür mit einer Tracht Prügel, so daß er Böhmen verließ und sich nun in München niederließ, wo er Ressortredakteur des „Völkischen Beobachters" wurde, und von dort sendet er auch seine famosen Lügenberichte über Deutschland an den „Michel". Er veröffentlichte damals die folgende Erklärung, mit der er sich ein Alibi schaffen wollte: „Durch den Kampf ums Dasein gezwungen, hatte ich die Stellung eines Redakteurs beim „Deutschen Volksrecht" angenommen^, das heißt, ich war mehr als Korrektor denn als Redakteur beschäftigt. Reichstagsabgeordneter Dr. Voeckel hatte mich engagiert, und es war ihm auch bekannt, daß ich mich von jeder antisemitischen Partei losgesagt hatte. Ich erklärte ihm zu wiederholten Malen, kein Antisemit zu sein. Ich habe auch nie Verrat an der antisemitischen Partei geüht, der ich weder als Parteimitglied noch auch meiner Gesinnung nach angehöre,." Und heute ist dieser Gesinnungsakrobat wieder Mitarbeiter des antisemitischen Hakenkreuzorgans. Wir beglückwünschen Herrn Kipper zu dem Bundesbruder! Verhaftung des Oberrabbiners von Großwardein. Der Oberrabbrner der Fortschrattsgemeinde von Großwardleki, Dr. Leopold Kecskemeti, wurde letzten Samstag nach Schluß seiner Predigt in der Synagoge von zwei Detektivs für verhaftet erklärt und im die Sigufanza abgeführt. Die Verhaftung erfolgte, weil Dr.' Kecskemeti in seiner Predigt unter anderem ausgeführt hatte, so wie nur der Tod die Seele vom Körper zu trennen vermöge, sei es auch ein ewiges Gesetz der Natur, daß, w e r a 1 s magyarischer Jude geboren wurde, auch.bis am seimLeben.sen.de Ungar bleiben müsse. Der Triänoner Vertrag und der neurumänische Staat vermögen wohl den magyarischen Juden zu gebieten, daß sie die Befehle des rumänischen Staates (befolgen, was sie ja auch tatsächlich tun, weil sie überall ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllen, aber, sieb 1 eifoem in, ihrem Gefühle immer Magyaren, weil1 keinerlei irdische Macht auis ihrem Herzen das. Gefühl der Zugehörigkeit zur ungarischen Nation, die Liebe zum magyarischen Geist unld zur magyarischen Sprache herausreißen «könnem Auch die rumänische Staatsgewalt habe nicht das Recht, einen solchen widernatürlichen Zwang auf die ungarischen Juden auszuüben^ Bei dier Polizei, wiederholte Dr. Kecskemeti seinen Standpunkt und berief sich darauf, daß er nicht gegen den rumänischen Staat und die Staatsgesetze gesprochen habe. Dr. Kecskemeti blieb einen vollen Tag in Haft und wurde erst spät nachts, nachdem angesehene Mitglieder seiner Gemeinde Bürgschaft geleistet hatten, auf freien Fuß gesetzt. Die Untersuchung gegen Dr. Kecskemeti wird wegen Hochverrates geführt. Dr. Kecskemeti stand wegen seines tapferen magyarisch - patriotischen Auftretens, das er auch anläßlich des letzten Besuches des Königs Fe r dl in, and im Großwardein als Redner einer Abordnung seiner Gemeinde betonte, u n t e r ständiger Polizeiaufsicht und es war bekannt, daß zu jeder seiner Predigten Agenten der Staatspolizei entsendet wurden. So war es auch am letzten Samstag. Die Situation ist dadurch verschärft, daß gegen Doktor Kecskemeti schon einmal wegen einer Predigt am letzten Jörn Kipur-Tage eine Untersuchung durchgeführt wurde. Vor etwa einem Jahre hat die Budapester Kultusgemeinde Dr. Kecskemeti in Anerkennung seines Patriotismus zum Oberrabbiner von Budapest gewählt. Dr. Kecskemeti lehnte die Wahl mit der Begründung ab, er sehe es als seine Pflicht an, in Großwardein zu bleiben, weil er die von1 Ungarn " losgetrennte magyarische Judenschaft nicht zu einer Zeit im Stiche lassen könne, in der sie seiner am meisten bedürfe. Was sagen die Herren „Erwachenden" zu diesem mannhaften Auftreten eines ungarischen Juden? Ein Dokument der Zeit. Unsere Leser erinnern sich wohl noch der entschiedenen „Verwarnung", die die Bundesleitung des deutschen Pfadfinderbundes einlegte, weil wir im Anschluß an einen Auszug des in der Führerzeitung dieses Bundes erschienenen Artikels „Brüderlichkeit" unserer Freude darüber Ausdruck gaben, „daß die! deutsche Jugend doch nicht zur Gänze vom Gifte des Rassenhasses durchtränkt ist!" Wir mußten damals diese famose Berichtigung zwar preßgesetzlich nicht bringen, freuen uns aber heute, daß wir es doch taten, denn inzwischen ist der Pfadfinderbund in seiner antisemitischen Haltung einen bedeutenden Schritt weiter gegangen und ist zur Erkenntnis gekommen, daß seine jüdischen Mitglieder „wesensfremde" Elemente seien. Ein Beschluß, der dies „feststellt", wurde gefaßt, und. ob nun die bisherigen Freunde kurzerhand vor die Tür gesetzt werden oder ob man es ihrem Takt überläßt auszuscheiden, ist eine Frage von minderer Wichtigkeit. Die Leitung des Deutschen Pfadfinderbundes hat in jahrelanger, zielbewußter Tätigkeit die ihr vertrauenden jungen Menschen zu der Ueberzeugung gebracht, daß die Juden unter die wesensfremden Elemente zu rechnen seien, die aus seinen Reihen ausgeschlossen werden müssen." Man ist sehr zuvorkommend bei der Behandlung dieser Frage gewesen, hat sogar zwei jüdischen Pfadfindern in Dresden Gelegenheit gegeben, der Aussprache, die dein Beschluß voranging, beizuwohnen, um zu zeigen, wie leidenschaftslos, wie vornehm man denke. Auch der Ausschluß der bisher dem Bunde zugehörigen Mitglieder wird nicht direkt ausgesprochen. Man stellt ihnen anheim .- . . Einer von den beiden Pfadfindern, die der Sitzung beiwohnten, geht zu einem älteren Freunde und trägt ihm die Angelegenheit vor. Er kaiin nicht begreifen, daß man

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