Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 16 (10.8.1923)
- Date
- 1923-08-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 DIE WAHRHEIT Seite 11 freiheitliich-bürgerlicäien Anhanges erforderlich wäre. Ob auf einen solchen zu rechnen ist, läßt sich derzeit umso weniger voraussagen, als die Erfahrungen der letzten Zeit gelehrt haben, daß das freiheitliches Bürgertum nicht gerade sröüch an politischen Begabungen ist. Oder besser gesagt daß die Talente, welche in diesem Bürgertumzweifellos vorhanden sind, ihre Auswirkung nicht in einer Betätigung auf politischem Gebiete suchea Wenn man sich nicht selbst belügen will, so muß man also zugestehen, daß das freiheitliche Bürgertum eher mit verminderten als mit verstärkten Aussichten auf Erfolg in den Wahlkampf zieht. Gebessert wird die Lage gewiß nicht durch den Limstand, daß "die jüdischen Wähierigiriippen, welche ja einen starken Rückhalt für die freiheitlichen Bestrebungen bilden, arg gelspalten sind. Ich meine hier weder jene jüdischen Wähler, welche aus Überzeugung sich zu sozialdemokratischen Grundsäzen bekennen, noch jene, welche dien jüdisehnationaten Schlag Worten folgen. Soweit diese beiden Richtungen überhaupt an den Schutz der staatsbürgerlichen Interessen der Juden denken, hoffen die einen, ihn im Rahmen und durch die Machtstellung 'der sozialdemokratischen Partei zu erreichen, währenidl die anderen in sehr unklarer Weise an Völkerbund Minoritätsschutz und aridere, auch höchst labile Dinge, die, weitab von aller Realpolitik liegen, denken. Ich meine jene überwiegend große Gruppe jüdischer Wähler, welche auf dem Böden bürgerlicher Welt- und! Gesellschaftsauffassung steht, welche wirtschaftlich mit den Sozialdemokraten nicht gehen kann und in dem jüdischen Nationalismus eine ernste Gefährdung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der österreichischen Juden erblickt. Diese starke Wählergruppe hat die Vereinigung der seinerzelitigen demokratischen Partei und der bürgerlichen Arbeitspartei zur „bürgerlich^demokratischen Arbeitspartei" mit lebhafter Zustimmung und froher Hoffnung begrüßt. Eine der stärksten Potenzen der vereinigten Parteden ist mit Ottokar Czernin zweifellos Herr Gemeinderat Doktor S c h w a r z - H i 11 e r. Aber dieser letztere ist in jüngster Zeit eigene Wege gegangen. Er hat sich von Czernin getrennt und den Jüdisehnationalen genähert. Es mag zugegeben werden, daß Czernin in Fragen, welche bei oberflächlicher Betrachtung nur die Juden angingen, wie jene dies Numerus clausus, in ihrem Kern aber Wesen und Zukunft der gesamtbüngerliichen Intelligenz berühren, nicht mit der erforderlichen Schärfe und Entschiedenheit hervorgetreten ist. Vidleicht lag der Grund darin, daß er seinem Werdegänge nach nur außenpolitisch geschult, sich mit den Gegensätzen und Kämpfen des inneren Stäatslebens erst allmählich vertraut machen mußte. Aber mjan soll darum nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten wollen. Czernin ist nicht nur eine große geistige Potenz, er ist auch ein Charakter. Wollte er nur seinen Ehrgeiz befriedigen, so hätte er des in den Reihen der christlichsozialen Partei viel rascher und erfolgreicher tun können, wie als Führer einer freiheiltlibhen Partei. Ich wenigstens habe ihn in allen: Situationen als ehrlich und tr^u befunden und ich würde es auf das tiefste bedauern, wenn seine Kraft m neuen Nationalrate vermißt werden müßte. Ebenso aufrichtig wünschte ich, daß Doktor S c h w a r z - H i 11 e r, sei es gleich in der ersten Wahl oder im Weige eines Reststimmenmandats, endlich ins Parlament gelange. Seiine politische Strategie war immer durchsichtiger als seine politische Taktik, und auch jetzt gibt er manchem seiner näheren Freunde politische Rätsel auf. Die Reststimmen können einer Partei bekanntlich nur dann ein zweites Mandat sichern, wenn diese Partei gleich im ersten Wahlgange wenigstens ein Mandat errungen hat. Vielleicht ist diese Bestimmung das Pentagramma, das Herrn Dr. Schwarz-Hiller Pein macht. Es ist vielleicht möglich, daß Dr. Schwarz-Hiller durch die Zählung jüdischnationaler Reststimmen ein Mandat erlangt, ich halte es aber für unmöglich, daß eHdliös es Mandat auf Gmund des jüdischnationalen Programms ausübe. Dies würde .seiner ganzen Vergangenheit, noch mehr aber seiner — Zukunft widersprechen. Wie immer aber auch die Dinge liegen, das freiheitliche Bürgertum ist angesichts der bevorstehenden Wahlen in einer sehr ernsten Lage und! es sollten noch rechtzeitig alle Anstrengungen gemacht werden, um alle auseinandersltrebenden Teile zu einheitlichem, zielbewußtem Vorgehen zu einigen!" Der Arierparagraph in der „Mensa Akademika". Der Vizepräsident des Kuratoriums über die statutenwidrigen Vorgänge in der „Mensa". In einem „S t u d e n t e n a u s s p e i s u n g nach dem Stammbaum" überschriebenen Artikel hat der „M o r g e n" statutenwidrige Mißstände in der Führung der Wiener „Mensa Akademika" zur Sprache gebracht. Es wird ausgeführt, daß gegen die Satzungen des Vereines das leitende Kuratorium nur Mitgliedern der deutschvölkischen Korporation „Deutsche Mensa Akademika" die Wohltat der Ausspeisung zuteil werden läßt und daß Spenden aus dem Inland und von ausländischen Hilfsaktionen vom Kuratorium gleichfalls nicht statutengemäß für die „bedürftigen Studierenden verwendet, sondern mißbräuchlich der oben genannten Gruppe zugeführt werden." Schließlich erklärt der „Morgen", daß Rechenschaftsberichte wie ProtokollederAllgemeinheitunzugänglicn seien und daß sich die Beiwohnenden der letzten Kuratoriumssitzung sogar verpflichten mußten, über die Vorgänge in dieser Sitzung Stillschweigen ztt bewahren. Der „T a g" hat sich sofort nach Kenntnisnahme dieser Anwürfe bei dem derzeit in Berchtesgaden befindlichen Vizepräsidenten des Kuratoriums der „Mensa Aakademika" um seine Stellungnahme erkundigt. Herr Obermedizinalrat Dr. Heinrich Löwenstein, an den erst kürzlich für seine charitative Tätigkeit der Dank des Bundespräsidenten Doktor Michael Hainisch ergangen ist, hatte die Liebenswürdigkeit, ihm folgendes mitzuteilen: „In der vorletzten Sitzung des Kuratoriums im April d. J. teilte ein Kuratoriumsmitglied mit, er habe wahrgenommen, daß in der „Mensa Aka-