Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1923-08-10 · Heft 16 (10.8.1923) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 16 (10.8.1923)
Date
1923-08-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3064121-3064137--12299-3079744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

*«»fiB«'«»M'^«CB»6«t«»«»ii»»ei:tiDiBiiocaili»i»B«ii»Bniicccs»a»i:!i«»»nD«««iBta»«««»t»»»ica»««e.Ba3«ii««««a2t»4oaii««iac3Co »6^ Veröf f en tl i diungen! m£« - 'qü^ ■__ OCI* . . -C" 'S Dnaicn<iiili«eaaH.Dii«in | „Union deutschösterreichischer Juden" Postsparkassen-Konto ■ Nr. 9464 : Telephon Nr. 19-2-77 ■■■■■■■■■■■■■"■■■■"■■■■"■■■■■■■«■■■■■«■■■■■■■■■■■^ Republik Spitz a. d. Donau. In unserer letzten Nummier toben wir berichtet, daß der Beschluß der Gemeindevertretung von Spitz an der Donau, jüdischen Sommergästen nur einen dreitägigen Aufenthalt zu gewähren, über Beschwerde der „Union ideutschösterreichaisdiier Juden1' von der Etezirkshauptmannschaft Krems sistiert und von der niederösterreichi&chen Landesregierung aufgehoben worden ist. Spitz an der Donau gehört zu dlelr an landwirtschaftlichen Schönheiten reichen Wachau, die zumeist von pfälzischen Einwanderern bewohnt wird. Die „Bodenständigkeit" dieser Bevölkerung kann also mit viel größerem Recht bestritten werden, als die Antisemiten jene der österreichischen Juden bestreiten. Nichtsdestoweniger haben es die Gemeindegewaltigen von Spitz unternommen!, die Staatsgrundgesetze nicht nur im Bereiche ihres eigenen Kirchturms aufzuheben, sondern auch Botschaften an die Nachbarigemieilmden zu 'entsenden, damit diese ein Gleiches tun. Den Sommer über sollten also in Spitz an der Donau und Umgebung andere Gesetze herrschen als im ganzen übrigen Oesterreich. Dabei ist der hohe Rat der neuen Republik mit besonderer bäuerischer List und' Verschlagenheit vorgegangen. Der Mangel jedes Komforts und der ausgeprägte Geschäftssinn der wackeren Spitzer Bewohner, die in treudieufcscher Biederkeit den Fremden ganz gehörige Preise zu diktieren wußten, hat schon bisher jüdische Sommergäste abgehalten, in dem gastlichen Neste einen längeren Aufenthalt zu nehmen. Aber in der Wachau herrscht von der Zeit der Baumblüte bis zum Herbste, wo die antisemitischen Früchte reifen* ein reger Durchzugsverkehr. Ab und zu verläßt einer der Touristen das Schiff, um eine kleiine Fußwanderung an den Ufern der Donau oder durch eines der Quertäler zu unternehmen. An dieser Möglichkeit, ihr gutes Geld in Spitz und! Umgebung zu lassen, sollten auch die Juden nicht behindert werden. So stark und „unentwegt" auch der Judenhaß der braven Spitzer sein mag, Mir Erwerbssinn ist doch noch stärker. Das „Judengeld" streichen sie mit schmunzelndem Benagen ein. So schien denn mit der „Sommerordniung", welche der Gemeinderat beschlossen hatte, alles aufs beste bestellt zu sein. Die Juden waren geächtet, aber 'der Profit aus ihren Taschen war gesichert. Da kam die böse „Union" und machte einen dicken Strich durch die schlaue Rechnung. Die „Republik Spitz an der Donau" existiert nicht mehr, die Stiaatsgrundigesetze müssen auch dort eingehalten werden und für die pfälzischen Querköpfe wird keine Extrawurst mehr gebraten. Das gilt auch für all die anderen Landgemeinden, die sich ihre besonderen „Arierparagraphen" konstruiert haben. Womit allerdings nicht gesagt sein soll, daß nunmehr, jüdische Sommergäste in Massen diesen freundlichen Stätten zuströmen sollen. Im Gegenteil! -Ueb erlassen wir ihnen ruhig das Arierturn zur Fremdenausbeutung. Wie weilt sie d&ibei gelangen! werden, zeigt das Beispiel des Gasthofes „zur Post" in Mieders im Stubaital, der ein großes Hakenkreuz an seine Front gemalt hat und von den Fremden jeglicher Nationalität und Konfessfan vollständig gemieden wird, weil auch geschmackvolle und gebildete Chosteu in ihre Sommererholung nicht politische Verhetzung! hineintragen wollen. Die Episode hat aber noch andere lehrreiche Seiten, und zwar für die Juden selbst. Solange wir fest und unverrückbar auf dem Bodeni des Gesetzes stehen und ums nicht selber aufgeben;, sind wir Müht wehr- und waffenlos. Die Verteidigung unserer staatsbürgerlichen Rechte erfordert Selbstbewußtsein und ruhige, zielsichere Entschlossenheit. Es wird uns berichtet, idaß zwei jüdische Famifen iln dem antisemitisch durchseuchten Orte Grestehi im Ybbstale sich, um etwaigen Anfechtungen zu entgehen, als „konfessionslos", beziehungsweise „evangelisch" gemeldet haben. Das ist eine erbärmliche Feigheit, die nicht scharf genug verurteilt werden kann. Solche Leute sind es, dlie mit ihrem Kriechertum den Antisemitismus geradezu züchten, weil die Verächtliehkeit ihres Wesens mit Unrecht auf alle aufrechten', sich offen als solche bekennenden Juden übertragen wird. S. F. Das Bürgertum und die Wahlen. Von eihlern hervorragenden Mitgliede der „Union", das ilm öffentlichen Leben steht, erhalten wir folgende Zuschrift, die wir als eine immerhin beachtenswerte persönliche Meinungsäußerung des geschätzten Einsenders vollinhaltlich wiedergeben: „Das freiheitliche Bürgertum war im gegenwärtigen Nationalrat durch einen einzigen Abgeordneten, Ottokar Czernin, vertreten. Wird es gelingen, ihm bei den. Neuwahlen eine stärkere oder doch nur diese Minidestvertretung zu sichern? Die Antwort auf diese Frage ist überaus zweifelhaft. Die Rennerscbe Wahlordnung, durch welche die parlamentarische Macht fast ausschließlich den Bauern und Arbeitern überantwortet wurde, ist auch weiterhin aufrecht geblieben. Es war direkt ein politisches Verbrechen, Wahlbezirke, welche ihrer inneren Struktur nach gänzlich verschieden von einander sind, derart zusammenzulegen, daß die freiheitliche Bürgerschaft überall von proletarischen, klerikalen oder nationalen Gruppen majörisiert wurde. Die Absichten des Dr. Renner haben sich allerdings vielfach in ihr Gegenteil verkehrt und manche Anzeichen, ja selbst offente Erklärungen laissen darauf schließen, daß die soziaMemokratische Partei den Mangel einer bürgerlich-freiheitlichen Vertretung im Parlament sehr unangenehm empfindet. Aber die Wahlkreiseinteilung ist unverändert geblieben und damit wird der Fehler Dr. Renners verewigt. Dazu kommt noch, daß durch die Verringerung der Mandatzahl die Wahlziffer ganz bedeutend in die Höhe schnellt und daß zur Erreichung derselben eine starke Steigerung des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.