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Die Wahrheit · 1923-08-10 · Heft 16 (10.8.1923) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 16 (10.8.1923)
Date
1923-08-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16 DIE WAHRHEIT Seite () ich nicht gehen. Zum „Schwerte". Das sei sein Stammgasthaius. Dänin zeigte;r mir den Rhein, der unten floß, leuchtend in der Mürgensonne. Der Rhein — an einem „jüdischen Orte" vorbei. Am Marktplatz in ü eilin gen. Freundlich blicken gute jüdische Augen %iuf uns Ankömmhinge. Ein Krieg er denkmal. Die Namen sind zu drei Viertel jüdische. Dann ims Gasthaus; na, meinetwegen zum vielgerühmten „Schwert"; mchls zu haben. Wie ein Apostat eilen wir, hungrig und reuig zum jüdischen „Adler". Ein jüdisches „Dirndl" bedient uns. Viel ist nicht da, aber doch Käse und Butter und Kaffee. Gestärkt sehen wir uns den Ort näher an. Wundervoll ißt die Synagoge; sie würde jede Großstadt zieren. Doch wir müssen eilen. Wollen wir doch noch durch die Schweiz über Stein, dem uralten Städtchen, nach Konstanz! Wohl hegen wir leise Zweifel, ob es möglich wäre! Ohne Schweizer Visum! Unsere Befürchtungen waren begründet. Der Grenzschranken versperrte eine andere Welt. Visumabgabe in Konstanz, hier nicht! Erst stutzten wir, dann freuten wif uns. Ein paar Stunden länger in Gedingen. Zuvor noch ein Bad im Rhein. Ja, d&s sei gestattet, meinte der Zollwächter. Aber nicht ihünübierschwimimtein! Und bald rieselte, ein wundervoller Trost, das klare Wasser des jungen Rheins über unsere alten Körper. Er ließ uns „rein", der Rhein nämlich! Grenzen, die die IVLenschen ziehen, auch sie sind vergänglich. Rechts oben, vom Walde versteckt, vereinzelte Hausier von Geilingen. Wi£ sahen die Menschen am Acker arbeiten. Es wairien keime Juden. Ich hatte mich erkundigt: Landarbeit, das überlassen sie auch hier den anderen. Es war miir zwar keine Enttäuschung, ich hätte nur gerne Ausnahmen konstatiert! E)ie gab es einst. Heute jedoch, diie nahe Grenze, die gewaltigen Konjunkturen, Konstanz, Zürich, Stuttgart in der Nähe: das jüdische Vollblut, das, rein erhalten, in düesen Landbewohnern pulsierte, kam doch zum Ausdrucke. Sie tummelten sich in die Welt. Reiche jüdische Geschlechter in Zürich, Frankfurt, Amsterdam stammten von hier. Sie kamen zurück mit der Miene des Gönners, des Vielgereisten, des die kleinlichen Verhältnisse sogar Bespöttelnden; und mögen es doch lieben:, ihr deutsches Gedingen. Und dann am Rheiiniufer, in der Sonne liegend, hob stich diie Flut der Gedanken. Weiter, immer weiter. Da draußen die Menschen in Frankreich, die armen, verbitterten, entrechteten am Unterrhein: sie trugen alle Scheuklappen. Das Welttheater kam mir vor, wie e'in Riesen-Stierkampf. Eine Riesen- Arena. Blindwütend starrten die Menschen alle, alle — mein, fast alle — auf das rote Tuch. Und sprengten hin in Tod und Verderben. Wie Stiere. Blind vor Zorn. Aber doch, in dieser Arena gab es Zuschauer, wteniige zwar, die sich vom zwecklosen, sinnlosen Kampf der Masse fernhielten, ja ihnen zuriefen, sie mögen doch endlich das Unsinnige einsehen, und es aufgaben, Vernunft zu predigen — als sie sahen, daß alles Zureden d'och zwecklos sei. Ich sah auf dien Zuschauerraum dieser Welt-Arena und es war miir, als ob der größte Teil dieser passiven Beschauer, dieser Klügerem, Ueberlegenden, Juden seilen. Daher der Gegensatz! * Phantasien am Rheinufer von Geilingen! Dann wieder empor ins Nest; bei Biedermann gab es ein gutes jüdisches Mittagessen. Weitere Informationen vom Wrirte: Wohl wandern sie aus, aber taufen läßt sich in Geilingen niemand. Ostjuden gäbe es hier nur eine Familie. Sie kam arm an vor tüni Jahren; heute zähle sie zu den Reicheren. Viel sei am Kriege verdient worden. . . . Dann wieder auf den Marktplatz zum Postauto. Ein Bild von Schwind „ins Jüdische übersetzt" könnte es sein, wenn es eben kein Auto wäre! Die Gesichter und ihr Ausdruck blieb dasselbe. Alt und Jung ist um den Postwagen versammelt. Abschied. Vom Onkel aus Frankfurt, aus Stuttgart. Daneben, beim Dorfbankier Weil, das Privatauto. Doch die jüdischen Herzen leuchten noch immer aus den jüdischen Augen. Besonders beim Abschied au der Postkutsche! „Numerus Clausus" eiust untl jetzt, Von Josef Lazarus. (Fortsetzung) Holländer und Juden verteidigen gemeinsam ihre Unabhängigkeit gegenüber Spanien und der Inquisition. 1521 kämpfen jüdische Seeleute aus Amsterdam gegen die spanische Flotte und verhindern deren Vereinigung mit der venetianischen. 1623 fällt der jüdische Seekapitän Ribeiro. Aus Holländisch- Brasilien ermahnen jüdische Kolonisten die Regierung, wegen nachbarlicher {portugiesischer) Rüstungen ihre Garnisonen zu verstärken. Die Holländer befolgen nicht den Rat der Juden, werden überrumpelt, und verlieren ihre brasilianische Kolonie. 1712 schlägt eine jüdische Kompagnie unter I s a a c P i nt o s Führung die Franzosen, heim Dorfe S a v o n u a auf Surinam (Holländisch Guyana). Die Kunde vom Segen, den die Juden nach Holland brachten, verbreitete sich bald in Deutschland. Demzufolge lud 1620 der Hamburger Senat die jüdische Gemeinde von Amsterdam ein, eine Kolonie in Hamburg zu gründen. Dem opponierte die Mamburger Geistlichkeit. Wie liberal), so begannen auch hier unsere Väter mit der Schaltung eines Bclhamidrasch, eines Lehrhauses, aus dem 1627 oie erste Hamburger Synagoge entstand. Als die Geistlichkeit den Senat um Sperrung der Synagoge anging, antwortete dieser: „Dann werden die Juden auswandern und die Stadt Hamburg wird zu einem Dorfe herabsinken".24) Immer wedler drang die Kunde vom Segen, den eine jüdische Niederlassung mit sich bringt. C r u mwell neidete den Hamburgern die Entwicklung ihres Seehandels in Asien und in Amerika. Demzufolge verhandelte er 1655 mit dem Amsterdamer Rabbiner Menasse ben Jisro^l wegen Niederlassung einer jüdischen Kolonie in London. Waren es in Hamburg die Geistlichen, die sich gegen eine jüdische Polonie sträubten, so waren es in England die Kaufleute, die lieber engherzig ihren kleinen Wirkungskreis für sich, allein wahrten, als t'em Vaterlande durch Aufnahme eines Gasivoikes den Wirkungskreis zu erweitern. (Fortsetzung folgt.) 1A) Graetz, Geschichte der Juden, 1868. Band X. Seite 2.1

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