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Die Wahrheit · 1923-08-10 · Heft 16 (10.8.1923) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 16 (10.8.1923)
Date
1923-08-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 16 in die Jesus hineingestellt ist, kennt, der bleibt von einer (göttlichen) Verklärung dieser Persönlichkeit bewahrt, ohne daß dadurch die Ehrfurcht vor ihrer Menschengröße irgend welche Einbuße zu erleiden braucht. Sein Wirken bewegt sich vollkommen in den Bahnen der Propheten* sein Seelenleben weist alle Züge eines jüdischen Geisteshelden auf, sein jüdischer Instinkt hat ihn davor bewahrt, sich selbst zum Messias zu erhöhen, sein Werk trägt wie das der Propheten den Abglanz der aufgewühlten, doch triumphierend sich aufschwingenden jüdischen Seele . . . aber die ursprüngliche Kraft der Sprache,1 die Wucht der alten Propheten ist in ihm nicht 'erreicht . . . der Verfasser der Evangelien ist wohl nicht irnstaudle, daie Glut seiner Rede wiederzugeben . . . Jesus kämpft um das höchste Gut. um das gestritten werldem kann: um den Menschen, :um die Seele des Menschen', und hier hat er einen Sieg errungen, wie keiner seinen Vorgänger. Aber ungerecht ist e s, wenn man ihm allein den Ehrenkränz reicht und das Werk, das s eine geistigen Vorfahren getan, mißachtet . . . Die Kluft zwischen dem Gott des Gerichtes und dem Vater der Liebe weiß er zuweilen zu überbrücken, auch hier setzt er fort, was andere begonnen, wieder taucht J e r e m i a vor uns auf." Auch bei Paulus ist die Besonderheit des jüdische Geistesleben prachtvoll sichtbar: seine Leidenschaft in der Verfolgung seiner Ideen, echt jüdisch das Ungestüme seiner Liebe und seines Grolles. Er legt mit seinen Reisen den Grund nicht zu dem messianischen Reich, aber doch zur Weltmacht des Christentums. Es ist ein echt jüdischer Zug, diaß er sieh seiner Schwachheit. strahlende Licht des Wortes abhebt, wird immer heller, bis er zuletzt mt ihm ekis wird in der leuchtenden Gewißheit der Zukunftserfüllung. Nun klingt im Ton der Frage: Was bangst du noch? schon der zuversichtliche Glaube an die Ueberwindunig des Bangens. Die sichere Erwartung des nahenden Glücks verscheucht alles Zagen. Die stete Folge der Gedanken- und Gefühlsentwicklung läßt die Einheit dieses Psalms, der im Psalter als 42 (Strophe 1 und 2) und 43 (Strophe 3) gezählt wird, gesichert erscheimen. Wundervoll zusammen gehalten wenden die drei Stücke nicht nur durch den Kehrvers, sondern durch einige wieder anklingende Töne der wehmütigen Melodie. Die schmerzvolle Erinnerung an den Feihldeshöhn: „Wo ist nun dein Gott!" eint die erste und zweite Strophe, der Ausruf: „Warum muß ich trauernd gehen im Druck des Feindes!" verbindet die zweite und dritte Strophe. Das ganz individuell gerichtete Lied ist nicht in unser Gebetbuch aufgenommen. Aber aus dem schönen Gedichte, das im Freitagabendgottesdienst allgemein gesungen wird!, dem L'cho daudi des Salomo al-Kabbez halewi (um 1530), tönt aus dem schonen Trostspruch ein beruhigendes Wort (ma tischtochachi uma tehemi) dem Frommen entgegen und stärkt immer wieder mit uraltem Wortklang die Hoffnung auf bessere Zeiten. rühmt, um sich dann sofort wieder aufzurecken im höchsten Selbstgefühl. . . dadurch, daß er mit seiner Lehre Heiden und Juden aufrüttelte und Genossenschaften für den neuen Glauben bildete, schuf er eine neue Kultur, in der das Beste der jüdischenSeelefortlebt, in einer so feinen und allseitigen Ausprägung, daß sie sich in vollen Strömen in däie Welt ergießen kann." Für die jüdische Kultur als Gesamterscheinung wollen wir uns auf folgende, besonders drastische, die Wahrheit in Hyperbeln von Bewunderung kleidende Sätze beschränken, die das Buch Mückles als einen unwillkürlichen Beweis erscheinen lassen für die Berechtigung von Judas Hoffnung, „als Edelrasse dazu bestimmt zu sein, über die Reiche dier Weit zu gebieten". „Aber es ist," wie Mückle ausruft, „ein Reich des Geistes! . . . von Israel geht die Wahrheit aus, das Volk Juda kommt wie ein Friedensheld; sein Gott hat die Insignien der Gewalt abgelegt .- . . Kein anderes Volk ist ihm zu gering, als daß es nicht* als würdig erachtet Werden könnte aufgenommen zu werden in den Weltbund der Harmonie. In der Kunst ist es diesem Volke versagt, Ursprüngliches zu leisten, bis auf die Poesie . . . diese aber ist dem Erhabenen zugewendet . . , unter der religiösen Hülle regt sich auch stark der philosophische Trieb, man sucht der Geschichte einen Sinn zu geben ... das Volk malt sich in seinem Gott, dem Gott der Gerechtigkeit, der jede Verehrung abweist, wenn nicht die gute Tat den Menschen verklärt . . . Seine Dichter verstehen das Schauerliche und Gräßliche zum Erhabenen umzugestalten: diese künstlerische Rechtfertigung zeigt, wie sehr die jüdische Seele beherrscht ist von dem Drang, den Druck der Disharmonie von sich abzuschütteln. . . . Man darf die Judeni in Ansehung der Vermessenheit, des Fanatismus, mit dem sie ihrem Fdeal zustreben als ein Heldenvolk bezeichnen, das hinter keinem anderen zurücksteht. In der abendländischen Geschichte lebt der Geist der jüdischen Kultur — diese im weitesten Sinne des Wortes genommen und ohne dem üblen Nebensinn des Schlagwortes betrachtet — in einer noch kaum geahnten Stärke fort... in alle Kulturen des Abendlandes schwingen irgendwie Kräfte der jüdischen Seele mit: weil diese' im Gefühl der Wahlverwandtschaft sich mächtig zu ihr hingezogen fühlt, indem sie hier Klänge vernimmt, die eben ihren seelischen Bedürfnissen entsprechen. Wie die Juden die babylonische Kultur verarbeitet und zur Höhe einer neuen Entwicklung geführt, so haben die Völker des Abendlandes das geistige Vermächtnis der Juden vor alleim im der Form des in vielfältiger Weise ausstrahlenden Christentunis an sich gezogen und1 es bewahrt in Offenbarungen, die stärker oder schwächer das Gepräge des jüdischen Geistes an sich tragen. . . Wie noch nie in der Menschengeschichte, wenn man von dem einzigen Fall der Juden absieht, wendet sich (heute) das Denken dem Ideal der Gesellschaftsordnung zu — mögen auch dSle LösungsVersudie das verschiedenste Gepräge besitzen — stets soll die Ordnung der Zukunft Dauer verbürgen, Harmonie, Frieden, Glück. Wer sich in dieses Kräftespiel eingearbeitet hat (Mückle tat dies, wie seine Arbeiten über die Geschichte der sozialistischen Ideen im

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